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Das Geschäft mit dem Geld : Reiche Juden

Shylock, der böse reiche Jude aus Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ Bild: Jüdisches Museum Frankfurt

Antikapitalismus und Antisemitismus gehen seit jeher Hand in Hand. Aber Geschäfte mit Geld waren eben schon immer das Metier der Juden. Was soll daran verwerflich sein?

          Rainer Werner Fassbinders Stück „Der Müll, die Stadt und der Tod“, das 1985 in Frankfurt aufgeführt werden sollte, hat zur Hauptfigur einen reichen jüdischen Spekulanten, der alte Häuser aufkauft, um sie abzureißen, und seelenlose Wolkenkratzer baut, um daran zu verdienen. Gemeint war Ignatz Bubis, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt. Bubis’ Vater und Geschwister sind in den Vernichtungslagern der Nazis ermordet worden.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          “Ich war der Ausbund an Kapitalismus und Spekulantentum“, hat Bubis die Angriffe gegen ihn kommentiert: „Die Linken waren irritiert, dass ich damals gesagt habe: Ja, ich spekuliere. Na und?“ Obwohl es in Frankfurt christliche, persische und jüdische Immobilienhändler gab - lauter Spekulanten -, wurde offenbar nur der Jude für wert befunden, als Symbolfigur des Kapitalismus vorgeführt zu werden.

          Das hat eine lange Tradition: Antikapitalismus und Antisemitismus gehen seit jeher Hand in Hand. Der Soziologe und Ökonom Werner Sombart teilte Anfang des 20. Jahrhunderts die Wirtschaftsleute in zwei Gruppen ein: Auf der einen Seite gibt es jene kreativen, dem Konkreten verpflichteten Unternehmer, die echte Werte in der Realwirtschaft (Autos, Maschinen, Konsumgüter) schaffen.

          Die Ausstellung „Juden. Geld“ gibt es vom 25. April 2013 bis zum 6. Oktober 2013 im Jüdischen Museum in Frankfurt. Der Katalog erscheint im Campus-Verlag

          Auf der anderen Seite stehen die kalkulierenden, ausschließlich am Geld interessierten, abstrakten Typen der Finanzwirtschaft, denen es nur um den Profit, aber nicht um die Sache geht: „Der Jude ist der perfekte Börsenspekulant“, heißt es bei Sombart: Juden sind Nomaden ohne Wurzeln, nichts als „Wüstenmenschen“. Nicht erst die Nationalsozialisten liebten die Unterscheidung zwischen dem „schaffenden“ und dem „raffenden“ Kapital.

          Die Aversion gegen den Spekulanten offenbart die verbreitete Meinung, Geld dürfe nur Mittel zum Zweck sein, aber nie Selbstzweck. „Arbeit ist Grundlage des Wohlstands, nicht Spekulation“, verkündete BASF-Aufseher Eggert Voscherau, Chef des deutschen Chemiearbeitgeberverbandes jüngst in der F.A.Z. (4. April). Der Spekulant ist per definitionem jemand, der den Kauf und Verkauf einer Sache (oder eines Finanzproduktes) einzig und allein mit der Absicht unternimmt, von einer erwarteten Preisänderung zu profitieren. Ähnliches wirft man gerne auch dem Händler vor.

          Auch dieser kauft und verkauft, ohne das Produkt zu verbessern. Beiden gehe es nur ums Geld, heißt es. Die Unterscheidung verkennt, dass alles auf Zukunft bezogenes wirtschaftliches Handeln riskante Spekulation ist; wenn niemand mehr Chlor und Brom haben will, hat sich auch die BASF verspekuliert. Die Unterscheidung übersieht zugleich, dass der Händler als Arbitrageur Anbieter und Nachfrager zusammenbringt, mithin etwas leistet, was keine einfache Kunst ist.

          Der Centralverband des Deutschen Bank- und Bankiergewerbes in einer Ausschusssitzung 1931

          “Macht nichts, der Jude wird verbrannt“, würde der christliche Patriarch in Lessings „Nathan der Weise“ antworten. Das antisemitische Urteil schert sich wenig um den Wahrheitsgehalt seiner Überzeugungen. Dass Juden Spekulanten sind, Juden in der Geschichte als vom Zinsgewinn lebende Geldleiher tätig waren und sie nicht selten dabei steinreich wurden, ist kein Vorurteil, sondern Realität. „Na und?“, würde Ignatz Bubis sagen. Antisemitisch wird das Urteil erst, wenn die Geldjuden moralisch skandalisiert werden. Antisemitisch ist die Verknüpfung jüdischen Reichtums mit den Modi seines Erwerbs: Habgier, Geiz und Trägheit (drei der sieben christlichen Todsünden), Betrug und kriminelle Machenschaften.

          „Im Stereotyp vom reichen Juden war und ist dieser Konnex unauflösbar versiegelt“, sagt Stephan Braese, Kulturwissenschaftler an der Technischen Hochschule in Aachen. Mit der großen Ausstellung „Juden. Geld. Eine Vorstellung“ (vom 25. April bis 6. Oktober) rückt das jüdische Museum in Frankfurt zum ersten Mal eine zentrale antisemitische Schablone - den „reichen Juden“ - direkt in den Fokus. Mindestens so sehr wie um die Geschichten von reichen Juden geht es um die Geschichte der Vorstellung von reichen Juden.

          Reichtum an sich, so Raphael Gross, der Direktor des Museums, werde in den meisten Gesellschaften als ambivalent empfunden: „Der Begriff des ,Reichen Juden’ dagegen - wie er etwa in dem Skandalstück von Fassbinder im Zentrum steht - erscheint unmittelbar rein negativ, antisemitisch aufgeladen zu sein.“ Der reiche Jude bleibt in der Vorstellung negativ, obwohl seine Vorstellungsgeschichte wie zwei Seiten einer Medaille vom bösen und vom guten reichen Juden lebt. Nathan der Weise (“Ich bin ein reicher Mann“), Titelheld in Lessings dramatischem Gedicht, ist ganz und gar der positive Held. Shylock hingegen, reicher Jude in Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ ist sein böses Gegenstück.

          Woher kommt die Verbindung von Juden und Reichtum?

          Beide sind sie in der Lage, viel Geld zu verleihen: Shylock borgt es dem Kaufmann Antonio, der seinem Freund Basanio damit bei der finanziell aufwendigen Brautwerbung unter die Arme greift. Nathan verleiht es an den Sultan, der sich mit seinen Staatsgeschäften finanziell verhoben hat. Shylocks Kredit wird am Ende des Stücks faul, das Pfand (“Ein Pfund lebendiges Fleisch“) ist nichts mehr wert. Nathans Darlehen dagegen wird am Ende des Stücks überflüssig, weil beim Sultan üppige Tributzahlungen aus Ägypten eingegangen sind. „Doch das Paradox von Shylock und Nathan, die jenseits von Gut und Böse das Geld verbindet, lebt bis heute fort“, schreibt Liliane Weissberg, Kuratorin der Ausstellung in einem Essay, der den vorzüglichen Ausstellungskatalog eröffnet.

          Zwar sollte Nathan, in der Nachkriegszeit unzählige Male an deutschen Theatern aufgeführt, den Antisemitismus bannen. Aber stattdessen transportierte er sogleich wieder die Klischees des reichen Juden, die, bewusst oder unbewusst, den Antisemitismus am Leben hielten. Woher kommt die Verbindung von Juden und Reichtum, vom Juden als Spekulant und Geldverleiher (“Wucherer“)? Die Bibel verbietet, für das Geldleihen Geld zu nehmen. „Denn so etwas ist wider die Natur“ (Aristoteles), sagt die Antike. Finanzen, so die herrschende theologische Lehre, sind steril: Geld kann kein Geld zeugen. Das ist der Anwurf gegen Leute, die sich vom Zinsgewinn ernähren. „Der Geldverdienst des Gläubigers richtete sich nicht danach, was man hergestellt und erarbeitet hatte; es war lediglich die Zeit, die verging und durch deren Ablauf sich die Zinsen mehrten“, erläutert Kuratorin Weissberg: „Geldverleih war nicht nur ein Verstoß gegen ein biblisches Gebot, es war eine Sünde, auf die die Hölle wartete.“

          Dass das Geldverleihen derart sensibel behandelt wurde, hat indessen eher ökonomische Gründe: Der Kredit hat einen „Hebel“. Fremdkapital kann auch Habenichtse reich machen, aber auch sehr arm, wenn die Rechnung nicht aufgeht. „Wer sich in Wucherei betätigt, fährt zur Hölle; wer sie unterlässt, fällt in Armut“, heißt es dialektisch in einem Kommentar zu Dantes Göttlicher Komödie aus dem 14. Jahrhundert. Das Ressentiment gegenüber dem Geld streicht in guter christlicher Doppelmoral den durch die Spekulanten generierten Nutzen ein und hält sich zugleich die Spekulation als schmutziges Geschäft der Juden vom Leibe.

          Scheinheilig haben die Christen zwar die Wucherei verboten, sie aber zugleich Juden erlaubt, die damit reich wurden. Die Juden beriefen sich ihrerseits auf eine Stelle in der Bibel (Deuteronomium Kapitel 23, Vers 20 bis 21), wonach das Zinsnehmen vom (jüdischen) Bruder zwar verboten, vom Fremden - also vom Christen - aber erlaubt sei. Ohnehin gibt es im Judentum weder die Vorstellung einer sterilen Zeit noch einer Hölle; Geld war gleich Juwelen und Kleidern ein Handelsobjekt wie jedes andere.

          Wer anderen sein Erspartes borgt und für den eigenen Konsumverzicht Geld nimmt, welches dem Schuldner den unmittelbaren Konsum heute schon ermöglicht, ist berechtigt, dafür einen Preis (Zins) zu verlangen. Im Judentum ist es keine Sünde, reich zu sein. Im Christentum haben es die Reichen deutlich schwerer: Denn bekanntlich geht eher ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in den Himmel kommt. Lieber soll er seinen Besitz verkaufen und den Armen geben, was ihm im Himmel reich vergolten wird.

          Im Judentum gibt es ein affirmatives Verhältnis zum Geld

          Dass aber die Armen hier auf Erden schon reich werden, ist nicht vorgesehen. Im Judentum gibt es ein affirmatives Verhältnis zum Geld, welches die Vorstellung der Zedaka (Gerechtigkeit) einschließt, wonach es allen Menschen finanziell gut gehen soll. Seit der Antike schon betätigen die Juden sich als Geldwechsler; Jesus wollte sie aus dem Tempel vertreiben lassen. Mit Finanzgeschäften kannten sie sich aus. Dass aber in Mittelalter und Neuzeit aus ihnen als sogenannte Hoffaktoren oder Hofjuden - beides sind positive Begriffe - die Finanziers der Königreiche und ihrer Schulden, ihres Luxus und ihrer Kriege wurden, liegt nicht nur am Zinsverbot für die Christen, sondern hat auch damit zu tun, dass christliche Händler und Handwerker (Zünfte) ihnen alle „normalen“ Geschäftstätigkeiten verboten.

          Die große Mehrheit der jüdischen Bevölkerung erwarb im Mittelalter ihren Lebensunterhalt durch Geldgeschäfte, wozu nicht nur das Leihen von Geld, sondern auch das Herstellen von Geldmünzen durch die sogenannten Münzentrepreneure zählte. Noch im 18. Jahrhundert hatte etwa das preußische Generaljudenprivileg von 1730 den Juden alle Handwerke verboten außer Petschierstechen für Siegel und Gold- und Silberstickerei. „Der unvermögende Jude war meist ein kleiner Schacherer, wurde er wohlhabend, so wandte er sich dem Viehhandel zu, wurde er reich, dem Geldhandel“ (der preußische Reformer Friedrich Freiherr von Schrötter).

          Dass aus Geldhändlern häufig auch Händler von allen möglichen anderen Gütern (mitunter ganzer Dörfer) wurden, ergab sich daraus, dass ihnen bei Zahlungsausfall die realen Pfänder zufielen. Sogar Altardecken, Messgewänder, Kelche oder Rosenkränze finden sich darunter, obwohl die meisten Geldleihprivilegien den Juden verboten, kirchliche Gegenstände als Pfänder zu nehmen.

          Für ihre Dienste ließen sich die jüdischen Banker fürstlich bezahlen, wobei die Höhe des Zinssatzes bei der Abfassung der Privilegien vertraglich vereinbart wurde. Er lag im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts in einer Bandbreite zwischen 24 und 91 Prozent im Jahr. Dass in früheren Zeiten sogar ein Preis von über 170 Prozent genommen wurde (was die Vorstellung des „Wucherjuden“ für alle späteren Zeiten prägte), entspringt einem Missverständnis, wie die Historikerin Martha Keil darlegt. Denn mit diesen hohen Aufschlägen waren nicht die normalen Zinszahlungen gemeint, sondern Verzugsstrafen, die als „Drohzins“ fungierten.

          Die Geldleiher bleiben den Menschen bis heute suspekt. Kaum irgendwo gibt sich das Ressentiment drastischer zu erkennen als in den gewaltigen „Cantos“ des amerikanischen Dichters Ezra Pound (1885 bis 1972). Der höllische „Wucher“ und das irdische „Paradies“ ziehen sich wie Haupt- und Gegenthema durch seine auf Hunderten Seiten buchstäblich wuchernde Lyrik. Für Pound, einen großen Antisemiten und Bewunderer Mussolinis, ist Wucher (“Usura“) die Vorstellungsmetapher für die Profitgier des modernen Kapitalismus, der im 19. und 20. Jahrhundert apokalyptische Ausmaße angenommen habe.

          „BEI USURA kommt Wolle nicht zum Markt/Schaf wirft nicht ab bei Usura/Usura ist die Räude; Usura/legt still der Spinnerin Rocken. Usura metzt das Kind im Mutterleib/und wehrt des jungen Mannes Werben“ (Cantos XLV). Von der Bibel bis zu Dante bringt Pound wortgewaltig den geballten Antisemitismus der europäischen Geschichte in nur zehn Versen unter. Und dann werden sie aufgezählt, die bösen jüdischen Bankiers von Rothschild & Co. Ursprung des Übels ist für Pound die Gründung der Bank of England im Jahr 1694 und deren Macht, einfach aus dem „Nichts“ Geld zu schaffen und dafür auch noch überhöhte Zinsen zu verlangen.

          Pounds Antikapitalismus zeigt jene romantisch-moralische Wirtschaftsverachtung, die auch heute wieder viele Freunde findet. Antikapitalismus muss nicht links sein. Die Frankfurter Ausstellung „Juden.Geld“ endet in der Nachkriegszeit, bei Fassbinder und bei Martin Mosebachs 1983 spielendem Roman „Das Bett“ (2002).

          Dieses als „Bravourstück deutscher Literatur“ gepriesene Buch, in dem „Stephan Korn, ein nicht mehr ganz junger Mann aus wohlhabender jüdischer Familie nach dem Zweiten Weltkrieg in seine zerstörte Geburtsstadt Frankfurt zurück kehrt“, wird von der Ausstellung als Paradebeispiel des negativen Stereotyps vom Reichen Juden (Nathan, Shylock) vorgeführt: Während der Jude Korn, der Todsünde der Acedia (Trägheit) bezichtigt, ins Bett entlassen wird, müssen die armen nichtjüdischen Frankfurter arbeiten. Da ist er wieder, immer noch, der Gegensatz zwischen dem raffendem und schaffendem Kapital.

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