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Mobiles Arbeiten : Daimler-Mitarbeiter können bald im Schwimmbad arbeiten

Mitarbeiter von Daimler können bald überall arbeiten - sofern es mit ihrer Aufgabe vereinbar ist Bild: dpa

Der Stuttgarter Autokonzern hat mit der Belegschaft gemeinsam Regeln dafür geschaffen, die vieles bewusst flexibel halten.

          Gut möglich, dass die Büros von Daimler bald zeitweise ziemlich verwaist sein werden. Jeder der 150.000 Mitarbeiter der Daimler AG in Deutschland soll nämlich künftig das Recht haben, mobil zu arbeiten, und zwar überall, nicht nur am heimischen Schreibtisch, sondern dort, wo es gerade passt, theoretisch auch im Schwimmbad oder auf der Autobahnraststätte.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Natürlich funktioniert das nicht immer und nicht für jeden - die Autos müssen schließlich noch in den Fabriken zusammengebaut werden, und auch Bürojobs erfordern immer wieder die gleichzeitige Anwesenheit von bestimmten Mitarbeitern. Soweit also Regeln nötig sind, werden sie in eine Betriebsvereinbarung gefasst, die nach der Sommerpause unterschrieben werden soll. Die Eckpunkte dafür sind schon im Daimler-Intranet veröffentlicht worden und auf einhellige Zustimmung gestoßen, wie Wilfried Porth, Personalvorstand der Daimler AG zufrieden bemerkt: „Wir werden sehen, ob die Regelungen wirklich lebensnah sind oder ob man nacharbeiten muss.“

          Mitarbeiter stellen selbst Regeln auf

          Diese Haltung des Personalvorstands an sich ist schon charakteristisch für die Herangehensweise an das Thema Mobiles Arbeiten. Erarbeitet wurden die Regelungen nämlich von den Beschäftigten selbst, ohne Vorgaben vom Arbeitgeber oder der Gewerkschaft. „Wir haben nicht steuernd eingegriffen“, betont der Konzernbetriebsratsvorsitzende Michael Brecht. Stattdessen wurden im vergangenen Sommer die 82.000 Beschäftigten im indirekten Bereich sowie alle Führungskräfte befragt. 33.500 Mitarbeiter haben einen ausführlichen Online-Fragebogen beantwortet, für dessen Konzeption das in Stuttgart ansässige Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) zu Rate gezogen wurde. Die Ergebnisse wurden dann von rund 1000 Beschäftigten quer durch alle Hierarchiestufen in insgesamt 37 Workshops diskutiert. Das daraus entstandene Eckpunktepapier ist jetzt von Unternehmensleitung, Betriebsrat und der Vertretung der leitenden Angestellten unterschrieben worden.

          Über allem steht die Entscheidung, dass jeder Mitarbeiter das Recht haben sollen, für seine Tätigkeit einen beliebigen Ort zu wählen und eine beliebige Zeit, sofern es die Arbeit zulässt. Eine Begründung brauchen die Mitarbeiter nicht, auch dann nicht, wenn sie nach einer Zeit intensiver Nutzung der mobilen Arbeit wieder überwiegend im Betrieb sind. Wer als Chef ein Problem damit hat, muss sich eine gute Begründung einfallen lassen. Prinzipiell können aber bestimmte Zeitfenster für die Anwesenheit oder auch die Erreichbarkeit der Mitarbeiter vereinbart werden.

          Auch Freiheitsgrade enden

          Für Konflikte gibt es ein knapp gefasstes Klärungsverfahren. Spätestens in der zweiten Gesprächsrunde, an der die nächste Hierarchiestufe, der Betriebsrat und die Personalabteilung einbezogen sind, soll eine Lösung gefunden werden. „Da wird eben so lange geredet, bis weißer Rauch aufsteigt“, beschreibt Jörg Spies, Betriebsratsvorstand der Daimler-Zentrale die Vorstellung von dieser Konfliktlösung. Größere Probleme erwarten aber weder Betriebsrat noch die Personalabteilung. 84 Prozent der Beschäftigten seien mit der Beziehung zur Führungskraft zufrieden, zitiert Eckhard Kreßel, Leiter der Arbeits- und Personalpolitik von Daimler aus den Ergebnissen der Befragung,

          Personalvorstand Wilfried Porth erwartet einen grundlegenden Wandel durch die neuen Freiheiten. „Was geübt werden muss, ist die Orientierung an Ergebnissen. Heute orientieren wir uns an der Zeiterfassung“, sagt er mit Blick auf die künftige Entwicklung. Durch die technische Entwicklung zeichneten sich selbst für die Mitarbeiter in der Produktion hier und da Chancen für mobiles Arbeiten ab, wie etwa ein Beispiel in einem Ersatzteillager von Mercedes zeige. Für Mitarbeiter, die am Produktionsband tätig seien, werde man nach anderen Wegen suchen, um auch diesen eine bessere Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben zu ermöglichen, stellt Porth in Aussicht.

          „Wie viele Mitarbeiter das mobile Arbeiten nutzen werden, können wir nicht abschätzen“, sagt Porth. Die Freiheitsgrade enden jedenfalls an den gesetzlichen Grenzen. Ruhezeiten und die maximale Arbeitszeit müssen auch künftig eingehalten werden. Weiterhin gilt, dass im Prinzip von Montag bis Freitag gearbeitet wird, an Samstagen allenfalls stundenweise und sonntags gar nicht. Während bisher schnell Zuschläge fällig werden, wenn Mitarbeiter abends oder samstags arbeiten oder wenn sie Überstunden machen, gibt es solche Zahlungen künftig nicht mehr, außer wenn die Arbeit in diesen Zeiträumen ausdrücklich angeordnet wurde.

          Eine detaillierte Dokumentation der tatsächlichen Arbeitszeiten ist - im Gegensatz zu bisher - nicht nötig, nur die pauschale Angabe über die Arbeitsdauer. „Wir vertrauen den Menschen, dass die Dokumentation stimmt“, erklärt Betriebsrat Spies. Manches von dem, was in der Betriebsvereinbarung stehen wird, ist längst gängige Praxis. „Wer bisher nach 20 Uhr arbeiten wollte, musste schummeln“, gibt aber Kreßel zu bedenken. Allein die Legalisierung sei ein Wert an sich.

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