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Cyborg : Der Magnet in meiner Hand

Der Magnet in Rin Räubers Hand ist stark genug für eine britische Zwei-Pence-Münze. Eine LED-Leuchte unter der Haut wäre auch nicht schlecht, findet die 31 Jahre alte Programmiererin aus Berlin. Bild: Andreas Pein

Die Informatikerin Rin Räuber hat sich einen Magneten in die Hand implantieren lassen. Aus Jux und Tollerei. Dann kam ein Chip dazu. Porträt einer Frau, die sich an der Fortsetzung der Evolution versucht.

          Unter der Haut, zwischen Daumen und Zeigefinger, trägt Rin Räuber einen Chip. Sie hat sich die knapp reiskorngroße, mit Glas ummantelte Halbleiterplatte vor zwei Jahren in einem Piercingstudio ins Gewebe ihrer linken Hand spritzen lassen. Dort fühlt sie sich jetzt an wie ein kleiner Knoten. Auf dem Chip ist das Passwort für Räubers Laptop gespeichert. Um den Rechner zu entsperren, muss sie nur einen speziellen USB-Stick einstecken und die Hand davorhalten. Eine praktische Sache, findet sie, denn der Laptop ist ihr wichtigstes Arbeitsgerät.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Chip in der rechten Hand dagegen: na ja. Ein paar alte Android-Handys lassen sich damit auslesen. Aber die sind inzwischen so selten geworden, dass es eigentlich keine Verwendung mehr für ihn gibt. Zu dumm, sagt Räuber, dass ihre Hausmarke Apple die RFID-Übertragungstechnik, mit der das funktioniert, aus Prinzip nicht unterstützt. Und der Magnet, der schon seit drei Jahren in der Spitze ihres rechten Ringfingers steckt? War ihr auf die Dauer nicht stark genug. Das leichte Vibrieren, wenn Räuber an Lautsprechern und Mikrowellen vorübergeht, kribbelt zwar angenehm in der Fingerspitze. Aber die meisten elektromagnetischen Felder sind zu schwach dafür. Deshalb hat sie sich einen stärkeren Magneten in den Rand des linken Handballens spritzen lassen. Damit kann sie die Zwei-Pence-Münze hochhalten, die sie als perfektes Demonstrationsobjekt aus London mitgebracht hat: immerhin 7,12 Gramm Stahl unter einer dünnen Kupferschicht, und viel stärker magnetisierbar als das unwesentlich schwerere Ein-Euro-Stück aus Messing, Kupfer und Nickel.

          „Damit die Leute sich endlich einmal für Technik begeistern“

          Sind das alles nur Zirkuskunststücke? Verschrobene Partygags? Oder Vorboten einer neuen Welt, in der Technik und Körper verschmelzen? Rin Räuber, 31 Jahre alt, Diplom-Informatikerin und Unternehmensgründerin aus Berlin, weiß es selbst nicht so ganz genau. „Ich will immer die bestmögliche Rin sein“, sagt sie, was nach durchgeplanter Selbstoptimierung klingt, auch wenn es sich meistens in To-do-Listen erschöpft. Außerdem findet sie den technischen Fortschritt generell gut, träumt von einem bemannten Flug zum Mars. „Damit die Leute sich endlich einmal für Technik begeistern“, sagt sie dazu in bester Ingenieurverbandsmanier.

          Die Implantate in ihren Händen könnte sie nun großspurig als Belege für ihr eigenes Zutrauen in die Technik ausgeben. Aber lieber stapelt sie tief. „Mir geht es nicht um das ewige Leben. Ich will auch nicht gleich meinen ganzen Körper austauschen.“ Sie sei aber schon lange daran interessiert, wie dieser Körper sich verändern lasse, mit Piercings zum Beispiel. Und dann sei sie irgendwo im Internet auf die Sache mit den Implantaten gestoßen, der kleine Magnet für die Fingerspitze war der Einstieg. Kein radikaler Schritt, eher eine Laune, die bis heute anhält. Dabei klingt Räuber fast schon beunruhigend lapidar: „Es war auch ein bisschen Langeweile dabei, als ich mich dafür entschieden habe.“

          Und die gängigen Bedenken ihrem Experiment gegenüber, die bis zum Horrorszenario der Komplettüberwachung mit zwangsweise eingepflanzten Chips reichen? Vernachlässigenswert, findet Räuber. „Es ist jedenfalls keine Lösung, auf den Fortschritt zu verzichten.“ Die Schmerzen der Eingriffe waren auszuhalten, gekostet haben sie zwischen hundert und zweihundert Euro, Material inklusive. Die Chips beispielsweise gibt es im Internet zu kaufen, handelsübliche Ware, zu finden unter der Rubrik Haustierbedarf: Veterinäre spritzen sie Katzen als Erkennungszeichen ins Fell, eine Weiterentwicklung der am Halsband getragenen Marken. Viele finden es eklig, das auch mit Menschen zu machen. Rin Räuber fragt: warum denn nicht?

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