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Corrado Passera : Ein ruheloser Banker wird zum Minister

Leitet drei bisher getrennt verwaltete Ministerien: Corrado Passera Bild: AFP

Corrado Passera hat immer wieder neue Herausforderungen gesucht. Nun hat er ein Jahresgehalt von 2 Millionen Euro gegen einen Schleudersitz in der italienischen Übergangsregierung eingetauscht.

          3 Min.

          Ausgeprägtes Finanzkalkül kann man dem letzten Karriereschritt von Corrado Passera nicht nachsagen. Er hat gerade einen sicheren Posten als Bankenchef mit 2 Millionen Euro Jahresgehalt gegen einen Schleudersitz als Minister in einer Übergangsregierung von Fachleuten eingetauscht. Von einem Tag auf den anderen gab er die Karriere als Banker auf und fungiert nun als neuer italienischer „Minister für wirtschaftliche Entwicklung, Infrastruktur und Verkehr“.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Von Passera wird berichtet, es mache ihm ohnehin nicht viel Spaß, lange in einem Amt und in einer Firma zu bleiben. Demzufolge war nach neun Jahren an der Spitze von Italiens zweitgrößter Bankengruppe Intesa Sanpaolo wohl ein Wechsel fällig. Zuvor hatte der 1954 als Spross einer Hotelierfamilie in Como geborene Passera schon eine bunt gemischte Reihe von Führungspositionen hinter sich gebracht.

          Passera sanierte Italiens Post

          Nach dem Studium der Betriebswirtschaft an der italienischen Elitehochschule Bocconi und einem amerikanischen Master of Business Administration begann er seine Karriere bei McKinsey. 1985 wurde er vom Finanzier Carlo De Benedetti entdeckt und für dessen Holding CIR angeheuert. Dort übernahm Passera Führungsaufgaben bei den Verlagsgruppen Espresso-La Repubblica und Mondadori sowie bei der Computerfirma Olivetti. 1996 folgte ein weiterer Karrieresprung mit dem Wechsel an die Spitze des Kreditinstituts Banco Ambrosiano Veneto, das inzwischen in Banca Intesa Sanpaolo aufgegangen ist.

          Als eine Fusion die Funktion von Passera überflüssig machte, versuchte er sich an einer ganz besonderen Herausforderung, die Italiens früherer Ministerpräsident Giulio Andreotti einmal drastisch beschrieben hatte: „Es gibt zwei Arten von Verrückten, diejenigen im Irrenhaus und diejenigen, die Italiens Post sanieren wollen.“ Passera übernahm 1998 die Chefposition bei der Post, und schaffte die Sanierung.

          Passera (links) bei seiner Vereidigung Bilderstrecke

          Nach vier Jahren waren bei dem früher verlotterten, überbesetzten und demoralisierten Staatsunternehmen große Fortschritte im einem Wandel zu einem modernen Dienstleistungsunternehmen zu sehen. Sogar die früher defizitäre Bilanz konnte Passera deutlich verbessern. Die Früchte seiner Arbeit konnte der rastlose Manager dann aber nicht mehr ernten, denn er übernahm 2002 die Führung von Banca Intesa, die er später auch noch mit der Turiner Bankengruppe Sanpaolo fusionierte.

          Die neue Herausforderung steckt nun in einem Titelungetüm mit tatsächlich drei bisher getrennt verwalteten Ministerien - eines für Straßenbau und öffentliche Aufträge, eines für die Verkehrsströme und schließlich noch das frühere italienische Industrieministerium, das dem deutschen Wirtschaftsministerium entspricht (in Italien wurde der Name jedoch vom Schatz- und Finanzministerium in Beschlag genommen).

          Passera hat offenbar die Führung aller drei Ministerien zur Bedingung für seinen Karrierewechsel gemacht und damit auch für Verzögerungen in der Bekanntgabe der Kabinettsliste gesorgt. Dieser Umstand zeugt von der Sorge, nicht genügend Hebel für die Umgestaltung Italiens in die Hand zu bekommen.

          Tatsächlich war Passera zunächst nur als Industrieminister im Gespräch, doch die Macht dieses Amtes war in den vergangenen Jahren vom ehemaligen, machtbewussten Schatzminister Giulio Tremonti ausgehöhlt worden. Der hatte schon mit dem Namen „Wirtschaftsministerium“ ausgesagt, dass er für dieses Feld zuständig sein will, zudem auch den früheren Industrieministern viele Kompetenzen weggenommen, etwa für die Fördergelder an Süditalien.

          Erfahrung und ein ausgeprägter Machtinstinkt

          In der neuen Reformregierung von Mario Monti kann sich Passera aber nicht über einen Mangel an Aufgaben beklagen. Schließlich ist der Ministerpräsident auch neuer Schatzminister und wird ihm gerne strategische Aufgaben überlassen, etwa eine grundlegende Liberalisierung vieler Wirtschaftsbereiche einschließlich der freien Berufe im Amt des Industrieministers.

          Für seine Arbeit bringt der neue Minister große Erfahrung im Umgang mit großen Apparaten mit. Er hat einen ausgeprägten Machtinstinkt, der es ihm erlaubte, als Chef von Banca Intesa zu überleben, obwohl dort als Präsident eine der mächtigsten grauen Eminenzen Norditaliens amtiert. Seit den Jahren mit Carlo De Benedetti zeigt Passera schließlich auch einen linksliberalen Reformgeist, weshalb er in der Regierungszeit von Silvio Berlusconi manchmal seine Ungeduld über den Stillstand Italiens äußerte.

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