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Commerzbank-Chef Martin Blessing : Der digitale Euro

Martin Blessing Bild: dapd

Entweder der Euro bleibt, oder er löst sich komplett auf: Commerzbank-Chef Martin Blessing sieht in der Zukunft nur diese beiden Möglichkeiten.

          3 Min.

          Um die Situation des Euro zu beschreiben, bemüht Martin Blessing, der Vorstandsvorsitzende der Commerzbank, einen Vergleich mit der digitalen Welt. Für ihn handelt es sich nämlich um eine „Eins oder Null“-Entscheidung, die der gebürtige Bremer nordisch-nüchtern vorträgt: Entweder der Euro bleibe erhalten, mit allen 17 Euroländern einschließlich Griechenland, oder der Euro löse sich auf. Eine Zwischenlösung, etwa einen Nord- und einen Süd-Euro, könne es nicht geben. „Denn dann stellt sich die Frage: Wo ist Frankreich?“, sagte Blessing auf einer Veranstaltung des Internationalen Clubs Frankfurter Wirtschaftsjournalisten. Und wenn man zu dem Ergebnis komme, dass Frankreich zum Nord-Euro gehören solle, ändere sich an den heutigen Schwierigkeiten innerhalb der Währungsunion nur wenig, allenfalls verringere sich ihre Komplexität.

          Markus Frühauf
          Redakteur in der Wirtschaft.
          Carsten Knop
          Herausgeber.

          Deshalb führt für den 48 Jahre alten Blessing, der an der Spitze der Commerzbank schon manche Erfahrung mit staatlichen Rettungsaktionen gesammelt hat, kein Weg daran vorbei, die Kompetenzen des Euro-Rettungsfonds EFSF auszuweiten. Damit widerspricht Blessing auch Bundesbankpräsident Jens Weidmann, der vor dem Haushaltsausschuss des Bundestags die EFSF-Ausweitung als weiteren großen Schritt in Richtung gemeinschaftlicher Haftung und geringerer Disziplinierung durch die Finanzmärkte kritisiert hatte - auch wenn Blessing selbst behauptet, zwischen Weidmann und ihm gebe es keine großen Unterschiede. Nach seiner Meinung ist der Rettungsfonds als Instrument der Zwischenfinanzierung in einer Phase der Restrukturierung notwendig. Vor einer solchen Restrukturierung stehe nicht zuletzt Italien, das dazu nach Blessings Ansicht aber auch in der Lage ist. „Italien muss nur wollen“, sagte Blessing, der seit Mai 2008 Chef der Commerzbank ist - und dort ebenfalls eine große Restrukturierungsaufgabe hat.

          Kein Rettungsfonds kann Italien retten

          Gegenwärtig stehe Italien mit seiner Staatsverschuldung von 1,9 Billionen Euro vor dem Problem, dass die Investoren dessen Schuldtitel nicht mehr kauften. „Es wird nicht gegen Italien spekuliert, sondern Italien wird einfach nicht gekauft.“ Bei einer durchschnittlichen Restlaufzeit der Anleihen von sechs Jahren müsse Italien jedes Jahr mehr als 300 Milliarden Euro neu finanzieren. Könne dieses Volumen innerhalb der Konsolidierungsphase nicht über die Kapitalmärkte finanziert werden, drohe ein Zahlungsausfall. Kein Rettungsfonds könne Italien retten, wenn es drei bis vier Jahre vom Markt genommen werden müsse. Dies würde die Euro-Gruppe überfordern. Deshalb halte er es für erforderlich, sagte Blessing, die Phase der Haushaltskonsolidierung mit Hilfe von Zwischenfinanzierungen durch die EFSF zu überbrücken. Schließlich würden auch Unternehmen in einer Restrukturierungsphase Überbrückungskredite zur Verfügung gestellt.

          Das Instrument der Zwischenfinanzierung ist laut Blessing auf dem Weg zu einer stärkeren politischen Integration Europas notwendig. Die EFSF hält Blessing für diese Aufgabe für geeigneter als weitere Anleihekäufe durch die Europäische Zentralbank (EZB). Die Staatsschuldenkrise habe gezeigt, dass die Währungsunion ohne politische Union gescheitert sei. Die einzige Alternative dazu sei die Abwicklung der Währungsunion, was aber ebenfalls gefährlich sei: Würden die 17 Euroländer weiterhin eine jeweils unterschiedliche Fiskalpolitik betreiben, dann seien - ganz im Sinne der digitalen Frage „Eins oder Null“ - wieder 17 eigene Währungen die Konsequenz. Blessing spricht sich vor diesem Hintergrund für mehr Europa und einen klaren Zeitplan für den Weg dahin aus. Eine politische Entscheidung dazu sei notwendig. Gemeinsame Euro-Anleihen, die Eurobonds, könnten aber nur den krönenden Abschluss der Integration darstellen, sagte Blessing.

          Die Staaten sind zu eng verknüpft

          Die jüngsten Schwierigkeiten europäischer Banken führt Blessing auf deren enge Verknüpfung mit den Staaten zurück. Die Stresstestergebnisse hätten gezeigt, dass die Banken je nach Land zwischen 15 und 30 Prozent der Staatsschulden hielten. Davon entfalle rund die Hälfte auf die inländischen Institute. Dies ist nach Blessings Ansicht aber auch eine Folge gesetzlicher Liquiditätsanforderungen, die Banken dazu verpflichten, einen Teil ihrer Einlagen in liquiden Wertpapieren vorzuhalten. Zu diesen Wertpapieren gehörten die Staatsanleihen des eigenen Landes.

          Die Schätzungen des Internationalen Währungsfonds (IWF), der den Kapitalbedarf europäischer Banken angesichts der aktuell deutlich unter Nennwert gehandelten Anleihen aus den Krisenländern auf 200 Milliarden Euro beziffert hatte, könne er nicht nachvollziehen, sagte Blessing. Würde man italienische Staatsanleihen zum Beispiel mit 80 Prozent des Nennwerts bilanzieren, sei dies ebenfalls unrealistisch. „Entweder bekommt man vom italienischen Staat 100 Prozent zurück oder viel weniger als 80 Prozent“, sagte er, verabschiedete sich - und bereitete sich auf seinen Abflug nach Washington vor, zur Jahrestagung von IWF und Weltbank.

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