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Christoph Mohn : Der Sohn des Patriarchen wird neuer Chefaufseher bei Bertelsmann

Christoph Mohn Bild: picture alliance / dpa

Christoph Mohn wird Anfang 2013 den Aufsichtsratsvorsitz der Bertelsmann AG übernehmen. Der 47 Jahre alte Sohn des Firmengründers gilt als offen und integer. Er hat einen ausgeprägten Sinn für Zahlen - und einen dicken Schnitzer im Lebenslauf.

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          Der wohl schwerste Auftritt seines Lebens liegt knapp drei Jahre zurück. Damals, im Oktober 2009, war sein Vater Reinhard Mohn gestorben, dieser legendäre Unternehmer, der den im Krieg buchstäblich zertrümmerten Bertelsmann-Verlag zu einem der größten Medienhäuser Europas gemacht hat. An Christoph Mohn war es nun, dem Vater im Namen seiner Familie die letzte Ehre zu erweisen. Vor 1000 Trauergästen in der Gütersloher Stadthalle sprach er mit fester Stimme über das Vermächtnis seines Vaters und die Verpflichtung, die sich für ihn daraus ergibt: „Wir werden uns mit aller Kraft dafür einsetzen, dass die Eigenständigkeit und Kontinuität von Bertelsmann erhalten bleibt.“ Diesem Ziel kann Christoph Mohn fortan von höherer Warte folgen: Der 47 Jahre alte ehemalige Lycos-Manager wird nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zum Jahreswechsel den Aufsichtsratsvorsitz von Bertelsmann übernehmen. Der amtierende Chefaufseher Gunter Thielen, 70 Jahre, scheidet zu diesem Zeitpunkt altersbedingt aus. Dem Vernehmen nach soll der Aufsichtsrat diesen Wachwechsel bereits in der Sitzung am 30. August in die Wege leiten.

          Witwe mit dynastischer Ader

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Damit setzt sich eine Entwicklung fort, die das Unternehmen über die vergangenen Jahre Schritt für Schritt wieder stärker zurück in die Hand der Familie geführt hat. Zwar gehört Bertelsmann mehrheitlich einer Stiftung. Aber die Stimmrechte liegen de facto bei den Mohns. Daher wird es im Aufsichtsrat, der mehrheitlich mit familienfremden Managern besetzt ist, auch keinen Widerstand gegen die Wahl geben. Treibende Kraft hinter dem Wechsel ist Elisabeth (Liz) Mohn. Die überaus machtbewusste 71 Jahre alte Witwe Reinhard Mohns hat eine dynastische Ader. Indem sie ihren Sohn zum Chefkontrolleur befördert, stellt sie die Weichen für die Übergabe an die nächste Generation.

          Doch ist Christoph Mohn der Rolle als Aufsichtsratsvorsitzender gewachsen? Bertelsmann ist ein recht heterogenes Gebilde mit immerhin 100.000 Mitarbeitern. Der Konzern verkauft Zeitschriften (Gruner + Jahr) und Bücher (Random House), betreibt Fernseh- und Radiosender (RTL) und agiert als Dienstleister (Arvato). Mohn jedoch ist mit dem Malus behaftet, schon auf deutlich kleinerer Flamme unternehmerisch gescheitert zu sein. Das Internet-Portal Lycos Europe, das der Betriebswirt von 1997 bis 2009 geführt hat, wurde zu einem traurigen Abwicklungsfall. Dies hat ihm persönlich schwer zugesetzt und hängt ihm bis heute nach, sagen die einen. Andere sagen, Mohn habe aus dieser schmerzlichen Niederlage viel gelernt und wisse nun genau, wo seine Grenzen lägen.

          Sein Mentor und früherer Aufsichtsratschef von Lycos Europe, Jürgen Richter, hat Mohn und dessen damalige Arbeit wie folgt beschrieben: „Christoph Mohn ist ein hochanständiger, integrer Mann, dessen Managementfähigkeiten man aber hätte ergänzen müssen.“

          Meist offen, bisweilen stur und ohne natürliche Autorität

          In seiner künftigen Position ist für eine solche Ergänzung immerhin gesorgt: Im Aufsichtsrat von Bertelsmann sitzen eine ganze Reihe hochkarätiger Manager. Von Karl-Ludwig Kley (Merck), Hans Dieter Pötsch (VW), Kasper Rorsted (Henkel) oder Bodo Uebber (Daimler) kann man sich schon mal etwas sagen lassen, auch wenn diese Herren nicht aus der Welt der Medien kommen. Tatsächlich gilt Christoph Mohn mit seiner zurückhaltenden, nüchternen und bescheidenen Art als jemand, der zuhören kann und offen ist für guten Rat. Er kann zuweilen aber auch ziemlich stur sein. Da schlägt er ganz nach seinem Vater, dem er überhaupt recht ähnlich ist. Ihm fehlt allerdings - schon aufgrund des Alters - dessen natürliche Autorität.

          Das wird es ihm nicht einfach machen, die längst nicht immer gleichlaufenden Interessen von Unternehmen und Familie zum Wohle aller zu balancieren. Zumal es im und rund um das Haus Bertelsmann nicht an Alphatieren mangelt. Und dann ist da noch die spannende Frage: Kann sich Christoph gegenüber seiner dominanten Mutter behaupten? Liz Mohn sitzt nicht nur im Bertelsmann-Aufsichtsrat sowie im Vorstand und im Kuratorium der Bertelsmann-Stiftung, sondern fungiert auch noch vier Jahre lang als Familiensprecherin.

          Ausgeprägter Sinn für Zahlen

          Zum selbstbewussten Thomas Rabe, dem neuen Vorstandsvorsitzenden des Konzerns, soll Christoph Mohn einen guten Draht haben. Beide haben einen ausgeprägten Sinn für Zahlen. Dies manifestiert sich im Fall von Mohn auch darin, dass er schon seit einiger Zeit dem Prüfungs- und Finanzausschuss sowie dem Strategie- und Investitionsausschuss des Aufsichtsrats angehört. An diesen Schlüsselstellen des Unternehmens entgeht einem fast nichts.

          Seit dem Tod seines Vaters ist Christoph Mohn in Gütersloh präsenter. Am Firmensitz in der Carl-Bertelsmann-Straße hat er ein Büro und kümmert sich um die Reinhard-Mohn-Stiftung. Gelegentlich tritt er auch für das Unternehmen auf. Dabei hat der schlanke, oft etwas scheu wirkende Mann nichts von dem Geltungsdrang seiner Mutter. Dieser ist er selbst im geographischen Sinne eng verbunden: Christoph Mohn lebt mit seiner Frau Shobhna, einer aus Indien stammenden Mathematikerin, und den drei Töchtern in Gütersloh in unmittelbarer Nachbarschaft zu Liz Mohn.

          Erst mit 14 Jahren hatte Christoph Mohn erfahren, dass Reinhard Mohn sein leiblicher Vater war. Erst dann hatte sich der Patriarch zu der Beziehung zur damaligen Elisabeth Scholz und den drei Kindern bekannt, die daraus hervorgegangen sind. Seine eigenen Kinder hat Christoph Mohn inzwischen an Bertelsmann beteiligt. Er übertrug ihnen die Hälfte seiner Unternehmensanteile, insgesamt 3 Prozent. Damit ist nun auch die siebte Generation an dem ostwestfälischen Familienunternehmen beteiligt.

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