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Christine Lagarde : Sehnsucht nach Amerika

Unscharfes wirtschaftliches Profil: Christine Lagarde Bild: dapd

Nach dem Rücktritt von Dominique Strauss-Kahn gilt Frankreichs Finanzministerin Lagarde als Kandidatin für die IWF-Spitze. Doch ihr droht juristisches Ungemach durch eine Affäre, die Frankreich seit vielen Jahren umtreibt.

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          Frankreich erholt sich langsam vom Schock der Vorwürfe gegen Dominique Strauss-Kahn und bereitet nun dessen Nachfolge an der Spitze des Internationalen Währungsfonds vor. Die Regierungspartei kündigte am Mittwoch an, dass Frankreich „in den nächsten Tagen“ einen Kandidaten benennen würde. Christine Lagarde, die 55 Jahre alte Finanzministerin, käme in den Augen vieler Regierungs- und Staatschefs für den Posten in Frage, unter ihnen vielleicht auch Nicolas Sarkozy. Doch ihr droht juristisches Ungemach durch eine Affäre, die Frankreich seit vielen Jahren umtreibt.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Der schillernde französische Geschäftsmann Bernard Tapie hatte in den frühen neunziger Jahren die staatliche Bank Crédit Lyonnais damit beauftragt, aus seinem Besitz den Sportartikelhersteller Adidas zu veräußern. Crédit Lyonnais verkaufte Adidas über Scheingesellschaften in verschiedenen Steuerparadiesen an sich selbst - und das auch noch zum Tiefstpreis, der später einen gewinnträchtigen Weiterverkauf ermöglichte. Tapie kämpfte vor Gerichten jahrelang gegen diesen Betrug, bis Lagarde 2008 auf der Basis eines schiedsgerichtlichen Beschlusses einer hohen Entschädigung für ihn zustimmte: 285 Millionen Euro, inklusive 45 Millionen Euro für einen „nicht-materiellen Schaden“. Soviel Geld aus der Staatskasse an einen Geschäftsmann, der trotz seiner sozialistischen Vergangenheit Sarkozy nahesteht, brachte die Opposition auf die Barrikaden. Sie sorgte dafür, dass nun ein Staatsanwalt ein Ermittlungsverfahren gegen Lagarde fordert.

          Steht die frühere Anwältin für mehr oder weniger Markt?

          Lagarde grämt dies umso mehr, weil sie in dieser Affäre einmal mehr ihren Kopf für den Präsidenten hingehalten hat. In Paris pfeifen es die Spatzen von den Dächern, dass sie in der sogenannten Tapie-Affäre auf Anweisung aus dem Elysée-Palast handelte. „Man will mich beschmutzen“, entfuhr es ihr unlängst. Als unglücklich gilt auch ihre Investition von 35.000 Euro aus persönlichem Vermögen in eine kleine Gründerfirma, die dem Sohn des Präsidenten der staatlichen Mittelstandsbank Oseo gehört. Ihre Gegner werfen ihr Interessenkonflikte vor; in ihrem Umfeld heißt es dagegen, sie habe nichts von der Verbindung gewusst.

          Es sind diese politischen Grabenkämpfe, die ihr den Spaß an der Arbeit verderben. Nachdem sie die Führung der amerikanischen Anwaltskanzlei Baker & McKenzie zugunsten der französischen Politik aufgegeben hatte, baute sie nie ein politisches Netzwerk auf. Stattdessen wühlte sie sich durch die Akten und wollte Sachthemen voranbringen. Geprägt von der jahrelangen Zusammenarbeit mit Konzernchefs in der ganzen Welt, geriet sie immer wieder mit Sarkozys Interventionstrieb aneinander, der gerne die Freiheit der Unternehmen beschneidet. Doch zu einem offenen Konflikt ließ sie es nie kommen, denn in einer französischen Regierung hat man zu schweigen, wenn man überleben will. Nach Valéry Giscard d'Estaing hat es niemand solange im Finanzministerium ausgehalten wie sie.

          Der Preis dafür ist ein unscharfes wirtschaftspolitisches Profil. Steht die frühere Anwältin für mehr oder weniger Markt? Innerhalb Frankreichs hat sie sich mit gemischtem Erfolg für liberale Ideen eingesetzt, international jedoch treibt sie seit der Finanzkrise mehr Regulierung und staatliche Transfers an europäische Krisenländer voran. Dabei kam der hervorragend englisch sprechenden Lagarde ihr Verhandlungsgeschick zugute. Das lernte sie als Chefin einer der weltgrößten Anwaltskanzleien, weil sie dort Dutzende von unabhängigen Partnern auf mehreren Kontinenten zu Kompromissen führen musste.

          Amerikanische Wirbelstürme sind ihr vertraut

          Sollte sie zum IWF wechseln, würde sie wieder zu ihrer heimlichen Liebe, den Vereinigten Staaten, zurückfinden. Diese Zuneigung begann in frühen Jahren, als sie mit Hilfe eines Universitäts-Stipendiums für den Kongressabgeordneten William S. Cohen arbeitete. Cohen war einer der ersten Republikaner, die im Zuge der Watergate-Affäre eine Amtsenthebungsklage gegen Richard Nixon forderten. Die junge Französin, die damals noch Christine Lallouette hieß, arbeitete ihm zu. Amerikanische Wirbelstürme, in die nun in einem anderen Zusammenhang auch Strauss-Kahn geraten ist, sind ihr somit vertraut.

          Man weiß nicht, wohin es die Mutter von zwei erwachsenen Söhnen, die mit einem Unternehmer aus Marseille liiert ist, bald treiben wird. Sie selbst weiß es vielleicht auch noch nicht. Unterdessen hält sie sich an die Devise ihres Jugendtrainers im Synchronschwimmen - einer Disziplin, in der sie es zur Bronzemedaille bei der französischen Jugendmeisterschaften brachte: „Auf die Zähne beißen und lächeln.“

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