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China : Vergreisung führt zu Arbeitskräftemangel

Schuld ist die Einkindpolitik: China leidet unter starken demographischen Problemen. Bild: AFP

Chinas Bevölkerung wird immer älter, weswegen das Rentenalter um fünf Jahre angehoben werden soll. Schuld ist die Einkindpolitik, ohne die bisher 400 Millionen Kinder mehr geboren worden wären.

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          China ist eines der am schnellsten alternden Länder der Welt und will deshalb das Rentenalter heraufsetzen. Bisher liegt es für Männer bei 60 Jahren und für Frauen je nach Arbeitgeber und Position bei 50 oder 55 Jahren. Um dem drohenden Arbeitskräftemangel entgegenzuwirken, sollten alle Beschäftigten künftig bis zum 65. Lebensjahr tätig sein, sagte He Ping, der Direktor des Forschungsinstituts für Sozialversicherungen im Arbeitsministerium, auf einer Konferenz in Peking. Von 2016 an solle das Rentenalter alle 24 Monate um ein Jahr steigen. 2026 wäre dann für Männer die Schwelle von 65 Jahren erreicht, 2036 und 2046 für Frauen.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Fachleute geben He recht. „China steht vor einer ernsten Knappheit an Humankapital“, warnt Zheng Bingwen, der Chef des Zentrums für globale Altersvorsorge an der Akademie für Sozialwissenschaften (CASS), Chinas führender Denkfabrik. Die Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter werde bis 2050 von 970 auf 870 Millionen schrumpfen. In drei Jahren sei der Höhepunkt erreicht. „Danach verlieren wir jedes Jahr 3,66 Millionen Arbeitsfähige.“

          China fehlt es an Nachwuchs: 178 Millionen Menschen sind 60 Jahre oder älter

          Die Entwicklung schwäche nicht nur Chinas arbeitsintensive Wirtschaft, sie führe auch zu steigenden Kosten und belaste die Beschäftigten, die sich um immer mehr Senioren kümmern müssten. Ausweislich der letzten Volkszählung von 2010 leben in China 178 Millionen Menschen, die älter als 60 Jahre sind. Nach Angaben der Zeitung „Jinghua Shibao“ ist das fast ein Viertel der Weltbevölkerung in diesem Alter. Kein anderes Land erreiche die Schwelle von 100 Millionen.

          Während die Fachleute He recht geben, stößt seine Empfehlung im Internet auf Widerstand. In einer Umfrage der kritischen Nachrichtenseite Fenghuang (Phoenix) halten fast 90 Prozent der 190.000 abgegebenen Stimmen den Vorschlag für falsch. In Austauschforen wie Sina.com heißt es, einfachen Arbeitern könne eine längere Tätigkeit nicht zugemutet werden. Auch bestehe die Gefahr, dass junge Leute keine Stellen fänden. Statt die Lebensarbeitszeit zu verlängern, solle die Regierung eine ausreichende und gerechte Altersvorsorge aufbauen.

          Tatsächlich beziehen offiziell nur 68 Millionen Personen in China eine Rente. Auf dem Land gibt es erst seit 2009 eine Grundversorgung. Deren Ausschüttung liegt unterhalb der nationalen Armutsgrenze. Drei Viertel der Senioren in den Städten müssen dazuverdienen, obgleich das untersagt ist. Das wirkliche Renteneintrittsalter, sagen Gewerkschafter, liege im Durchschnitt bei 52 Jahren.

          Der Hauptgrund für Chinas zunehmende Vergreisung ist die Einkindpolitik seit 1978. Ohne diese Beschränkung wären seitdem 400 Millionen Kinder mehr geboren worden, hat der Versicherungskonzern Allianz berechnet. Schon im laufenden Jahrzehnt werde sich das negativ am Arbeitsmarkt niederschlagen, wenn die Politik das Rentenalter nicht heraufsetze, sagt Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz.

          „Selbst eine Lockerung oder Aufhebung der Einkindpolitik könnte einen Rückgang des Arbeitskräftepotentials nur abmildern, aber nicht mehr verhindern.“ Falls die Regierung das Rentenalter auf 65 Jahre erhöhte, würde das Maximum der verfügbaren Beschäftigten zwar auch schon 2016 erreicht, argumentiert Heise. „Rechnerisch stünden dem Arbeitsmarkt langfristig aber bis zu 110 Millionen Menschen mehr zur Verfügung, als wenn man das bisherige Rentenalter beibehielte.“

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