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Escort in China : Rent a boyfriend

Sie und er, weißes Lächeln: Der Traum jeder chinesischen Mutter. Bild: F1online

Warum bist Du noch Single? In China wollen Millionen Frauen dieser Frage entgehen – und mieten sich für den Besuch im Heimatdorf falsche Freunde.

          Im chinesischen Internetkaufhaus Taobao gibt es iPhones, Sofas, Fahrräder – und feste, falsche Freunde. „Boyfriend zu mieten“ ist die Anzeige eines anonymen Jünglings aus Baoji übertitelt, einem der unzähligen Städtchen Chinas mit vier Millionen Einwohnern, gelegen im Nirgendwo.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Cool sieht die Sonnenbrille aus auf den bereitgestellten Fotos. Mal lässig, mal nachdenklich präsentiert sich der „Boyfriend“ auf ihnen. Sein Portfolio fächert er säuberlich auf: 70 Kilogramm feinstes chinesisches Akademikermaterial, verteilt auf 178 Zentimeter Körperlänge, „Aussehen: gut“. Das Gehirn wurde universitär trainiert zum „Ingenieur der Informationstechnologie“. Mit 400 Yuan Miete täglich schlägt das Gesamtpaket zu Buche (umgerechnet 60 Euro), zweckgebunden für den „Besuch von Verwandten/Eltern“. „Überschreitet die Gesamtmietsumme 500 Yuan, erhält die Kundin einen Gratis-Blumenstrauß.“

          Es geht hier nicht etwa um Sex: „Das Angebot enthält keine gemeinsame Übernachtung; Körperkontakt bedarf der vorherigen Zustimmung beider Vertragsparteien“, heißt es im Haftungsausschluss. Das Angebot, das Millionen junger Chinesinnen interessieren könnte, wie der „Boyfriend“ hofft, ist weit weniger unmoralisch: Der männliche Escortservice für weibliche Singles auf Heimatbesuch soll die quälenden Fragen von Eltern und sonstigen Verwandten nach den eigenen Lebensumständen verhindern, die ihnen ohne männliche Begleitung bevorstehen.

          Aufstieg über Sexualleben

          Spätestens mit dem 30. Geburtstag widerfährt so gut wie jeder Chinesin ohne festen Partner bei der üblicherweise mehrmals im Jahr anstehenden Rückkehr aus der Großstadt ins Elterndorf eine Tortur immer gleichen Musters: Fünf, bestenfalls zehn Minuten nach Beginn der familiären Zusammenkunft bei Lamm und handgezogenen Nudeln nimmt die mütterliche Erzählung über Heirat/Verlobung/Beziehungsbeginn der gleichaltrigen Tochter von Freunden/Nachbarn/Arbeitskollegen ihren Beginn – und das Unheil seinen Lauf.

          Denn die vermeintlich harmlose Plauderei dient allein dem Zweck, die anschließende Frage vorzubereiten: „Wann wirst auch du dich endlich binden?“ Sprichwörter werden aufgefahren wie schweres Geschütz: „San Shi Er Li“ – mit 30 sollte man sesshaft werden. Sonst bleibe die Tochter auf ewig allein. Am Ende fällt dann das furchtbare Wort, so schrecklich, dass es junge Chinesen vor ihm graust: „Ying Gai!“ – Du sollst!

          Ob zum chinesischen Neujahrsfest im Frühling oder zum Gedenken der Staatsgründung am 1. Oktober: Jahr für Jahr verlassen junge chinesische Single-Frauen fluchtartig diese hochnotpeinlichen Befragungen durch Eltern, Onkel und Tanten zum eigenen Sexualleben. Ein besonders großes Problem ist das für Chinas Karrierebewusste, die den Aufstieg einer Partnerschaft überordnen.

          Eine Suppe und ein bisschen Geld

          Nach wie vor beherrschen nämlich traditionelle Muster Chinas Familien, und diese soziokulturelle Reaktion ist die Geschäftsgrundlage für die falschen Freunde aus dem Internet. Wie für den 21 Jahre alten Herrn Chen (der Vorname bleibt geheim), geboren in Chinas Bierbraustadt Tsingdao, den die F.A.S. auf seine Anzeige beim Internetdienst „58.com“ hin kontaktiert. Das Alter seiner ersten Kundin schätzt Herr Chen auf 24 oder 25 Jahre, ihr Äußeres ist ihm noch klar präsent: „Natürlich war sie nicht attraktiv, sonst brauchte sie ja keinen falschen Freund.“

          Man traf sich vor dem Einkaufszentrum von Chengdu und zeigte einander die Personalausweise. Zwei Wochen später saß er als falscher Verlobter mit seiner Auftraggeberin beim Mittagessen mit deren Kollegen. „Sagen musste ich nicht viel“, berichtet er. „Am Ende hatte ich 300 Yuan verdient und eine warme Suppe. Alle meine Freunde waren neidisch.“ Die zweite Kundin war Ende zwanzig und stellte Herrn Chen für 500 Yuan beim Mondfest daheim den Eltern vor, einfachen Bauern vom Lande. Auch da kriegte der neue Freund der Tochter bei Tisch den Mund nur zum Essen auf. „Machte aber nichts, die Eltern haben auch kein Wort gesagt.“

          Sieben Millionen unverheirateter Frauen im Alter zwischen 25 und 34 Jahren leben laut einer Studie der Pekinger Tsinghua-Universität in Chinas Städten, sieben Prozent aller Universitätsabsolventinnen bleiben bis zum 45. Lebensjahr angeblich allein – angesichts der Größe des Milliardenvolks ergibt das in absoluten Zahlen für die falschen Freunde aus dem Internet ein Potential von fast einer Million Kundinnen.

          Einsamer Wolf der Internetannoncen

          „Lass uns heiraten“ lautet der Titel einer Erfolgsfernsehserie, in der eine partnerlose Hotelangestellte von ihren Eltern zu einem Blind Date mit einem partnerlosen Sachbearbeiter für Scheidungsangelegenheiten gezwungen wird.

          Beide sind in den Dreißigern, so wie auch der echte, falsche Freund Li Lu, der als einsamer Wolf durch die Anzeigenspalten des Internetdienstes „58.com“ zieht. 31 Jahre alt war auch Herrn Lis erste und bisher einzige Kundin, die ihn anheuerte, ihre Mutter am Pekinger Bahnhof abzuholen. Später folgt er ihr heim nach Dalian, einer Hafenstadt mit Blick auf Nordkorea.

          Ihren langjährigen Freund, einen wissenschaftlichen Mitarbeiter an einer Pekinger Universität, hatte die Frau eigentlich heiraten wollen. Doch auf einmal war die Beziehung vorbei. 1000 Yuan wollte es sich die Tochter kosten lassen, das elterliche Verhör zu vermeiden, so viel war ausgemacht als Lohn für Li Lu. Das Geld, behauptet er, habe er am Ende aber dann doch nicht genommen.

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