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Chancengerechtigkeit : Die neue Klassengesellschaft

Angst vor dem Abstieg: Das Bildungsbürgertum separiert sich. Bild: picture alliance / Hartwig Lohme

Wer in Deutschland heute nach oben will, hat es schwerer als früher. Die Bildungsbürger leben in Angst vor dem Absturz und separieren sich. Dadurch fehlen den Bildungsfernen überzeugende Vorbilder dafür, dass Leistung sich lohnt.

          10 Min.

          Linda Zervakis hat den Aufstieg geschafft. Als Kind galt sie im reichen Hamburg nicht viel. Sie ist die Tochter griechischer Eltern, ihr Vater war mit seiner Frau als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen, hatte erst in Fabriken am Band gearbeitet, später als Schweißer. Als ihm und seiner Frau nach Jahren der Plackerei die Arbeit ausging, weil das fortan Maschinen erledigten, betrieben sie einen Kiosk, um ihre Familie über die Runden zu bringen. Zu fünft bewohnten sie eine Drei-Zimmer-Wohnung im Stadtteil Harburg südlich der Elbe, keine besonders gute Adresse.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Inge Kloepfer

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Seit zwei Wochen moderiert die heute 37-Jährige die „Tagesschau“, die wichtigste Nachrichtensendung im deutschen Fernsehen. Viele Millionen Bundesbürger kennen das Gesicht der Deutsch-Griechin, das früher nur den Kunden am Kiosk vertraut war. Aber Zervakis weiß, dass eine solche Karriere in Deutschland heute viel seltener ist als früher. Sie hat die Widerstände erlebt, die sie dabei überwinden musste, und sie hat viel Glück gehabt. Denn der Aufstieg ist schwieriger geworden - vor allem von ganz unten.

          Aufsteigerin: Tagesschau-Sprecherin Linda Zervakis

          Das große Versprechen der Bundesrepublik, dass es hier jeder nach oben schaffen kann, wenn er sich nur ordentlich anstrengt, gilt längst nicht mehr uneingeschränkt. Wissenschaftliche Studien weisen allesamt in dieselbe Richtung, auch wenn sie je nach Methode zu etwas unterschiedlichen Zahlen kommen: Die Chancen, als Kind bildungsferner Eltern eine große Karriere zu starten, sind in Deutschland geringer als in den Jahren des Wirtschaftswunders, und sie sind geringer als in vielen anderen Ländern.

          Nach dem neuesten Bildungsbericht der OECD erreichen nur 20 Prozent der Jüngeren einen höheren Abschluss als die Eltern. Im europäischen Durchschnitt sind es fast doppelt so viele. „Es ist in den letzten 20 Jahren schwerer geworden, aus Einkommensarmut oder weniger privilegierten Lebenslagen herauszukommen“, sagt auch Gert G. Wagner, Vorstandsmitglied des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Die mangelnde Durchlässigkeit sei eines der größten Probleme unserer Gesellschaft.

          In der Tendenz trifft diese Entwicklung die meisten westlichen Industriegesellschaften. Auch in Amerika ist der Glaube geschwunden, jeder könne es vom Tellerwäscher zum Millionär schaffen. „Der sicherste Weg, ein Mitglied der sozioökonomischen Elite zu werden, besteht darin, sich die richtigen Eltern auszusuchen“, spottet der Autor Brink Lindsey.

          55 Prozent der jungen Menschen aus einachen Schichten glauben nicht mehr an die Möglichkeit eines sozialen Aufstieges

          Dabei zeigte die Bildungsexpansion der sechziger Jahre durchaus Wirkung, als überall neue Universitäten gegründet wurden und sich der Anteil der Abiturienten innerhalb weniger Jahre vervielfachte. „Zwischen den 1930 Geborenen und den in den fünfziger Jahren Geborenen nimmt der Zusammenhang von Herkunft und eigener Position deutlich ab“, sagt Reinhard Pollak, Leiter des nationalen Bildungspanels am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB). Die Gesellschaft habe sich in dieser Zeit merklich geöffnet.

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