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Boris Johnson : Mister Brexit

Boris Johnson war acht Jahre lang Bürgermeister von London. Seit Anfang Mai widmet er sich voll der Brexit-Kampagne. Bild: AP

Der ehemalige Bürgermeister von London, Boris Johnson, ist der schrillste Politiker Großbritanniens. Mit antideutschen Tiraden will er sein Land aus der EU treiben – doch dahinter steckt noch ein anderer Plan.

          Neulich war Boris Johnson auf seinem Feldzug gegen die EU zu Besuch in Truro, einer Kleinstadt in der südenglischen Grafschaft Cornwall. Johnson stand in der Tür seines Wahlkampfbusses und posierte für die Fotografen – und weil Cornwall in Großbritannien für seine mit Gemüse und Fleisch gefüllten Pasteten bekannt ist, konnte es nicht ausbleiben, dass ihm jemand ein solches „Cornish pasty“ in die Hand drückte.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Johnson war begeistert, oder jedenfalls tat er so. Vor allem aber witterte er sofort die nächste Schlagzeile: „Das hier ist die Pastete des Schicksals“, rief Johnson mit gespieltem Pathos in die Menge und erhob das Gebäckstück damit zur Klamaukmetapher für die englische Identität, die es gegen die EU-Imperialisten aus Brüssel zu verteidigen gälte. Eine Szene, so absurd, sinnlos und komisch wie aus einem Drehbuch der Comedy-Truppe Monty Python. Dank des Journalistenpulks, den Johnson im Schlepptau hatte, wurde sie in Windeseile im ganzen Land verbreitet.

          Wer das Phänomen Boris Johnson verstehen will, der muss wissen: Nichts auf dieser Welt, wirklich gar nichts und auch nicht das bevorstehende Referendum über den Austritt ihres Landes aus der EU, nehmen die Briten so ernst, als dass man darüber nicht Witze machen könnte. Deshalb ist Alexander Boris de Pfeffel Johnson nicht nur der schrillste, sondern auch einer der populärsten Spitzenpolitiker auf der Insel. Er ist staatstragend und hemmungslos, Altphilologe mit Oxford-Abschluss und Rampensau, großbürgerlicher Uperclass-Spinner und Volksheld. Gerade erst hat er einen Satirewettbewerb des konservativen Intellektuellen-Blattes „The Spectator“ gewonnen – mit einem selbstgedichteten Limerick über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan.

          Das Zünglein an der Waage

          Neuerdings trägt er noch einen besonders staatstragenden Titel. Er ist Mister „Brexit“. In gut zwei Wochen stimmt Großbritannien über den EU-Austritt ab, und die politische Naturgewalt Boris Johnson ist im Wahlkampf der Spitzenmann der EU-Gegner. Beim Urnengang am 23. Juni könnte dieser Mann Großbritannien fast im Alleingang aus der EU führen und damit den europäischen Staatenbund womöglich in eine existentielle Krise stürzen.

          Schon jetzt steht es nicht gut um die EU. Die Wirkung von Eurodebakel und Flüchtlingsdrama ist hochgradig toxisch. Wenn nun auch noch das Vereinigte Königreich – das Land mit der drittgrößten Bevölkerung und der zweitgrößten Volkswirtschaft in Europa – aussteigt, könnte das für die EU der Anfang vom Ende sein. Meinungsumfragen zufolge ist der Ausgang der britischen Schicksalswahl völlig offen.

          Boris Johnson könnte das Zünglein an der Waage sein. Als der Politiker im Februar das monatelange Rätselraten über seine Haltung zur EU beendete und verkündete, er werde für den Austritt eintreten, erlitt am Devisenmarkt das britische Pfund einen Schwächeanfall. Denn die Investoren fürchten die wirtschaftlichen Unwägbarkeiten des Brexits – und wenn Boris für den Ausstieg kämpft, steigt in ihren Augen die Wahrscheinlichkeit dieses Albtraumszenarios rapide.

          „Great Britain“ statt „Little England“

          Die Erfolgsformel Johnsons sei sein unbändiger Optimismus, sagt Tony Travers, Politikprofessor an der London School of Economics. Er kennt den Politiker gut: Johnson war bis vor kurzem Bürgermeister von London, und der Wissenschaftler Travers hat für ihn eine Expertenkommission zur Reform der Kommunalfinanzen geleitet. „Die meisten Politiker wirken pessimistisch, sie warnen die Öffentlichkeit dauernd vor irgendwelchen Gefahren“, sagt er. „Johnsons Unbeschwertheit ist so ungewöhnlich in der Politik, dass selbst Bürger mit ihm sympathisieren, die seine politischen Standpunkte nicht teilen.“

          Im Wahlkampf vor dem Referendum will Johnson die Stimme eines selbstbewussten „Great Britain“ sein, nicht die eines ängstlichen „Little England“. Der Brexit wäre nicht Ausdruck von Wagenburgmentalität und Isolationismus, sondern von Weltoffenheit, argumentiert er. „Wenn wir aus der EU austreten, werden wir nicht Europa den Rücken kehren“, schleuderte er kürzlich in einer furiosen Rede seinen Widersachern entgegen – und stimmte, wie zum Beweis, auf Deutsch die Europa-Hymne an: Beethovens „Freude, schöner Götterfunken“. Er stehe in der Tradition der liberalen, kosmopolitischen europäischen Aufklärung, proklamierte Johnson. Die EU dagegen sei eine antidemokratische Sackgasse. „Die kämpfen für eine überholte absolutistische Ideologie. Wir kämpfen für die Freiheit.“

          Aber Johnsons frohgemute Rhetorik hat zuletzt auch eine neue, dunkle und manchmal ziemlich schmuddelige Seite bekommen. In einem Interview zog er vergangene Woche eine groteske Parallele zwischen der EU und dem Eroberungskrieg Adolf Hitlers. Brüssel ziele darauf ab, einen europäischen Superstaat zu erzwingen. „Napoleon, Hitler, diverse Leute haben das versucht, und es endete tragisch“, warnte Johnson. „Die EU ist der Versuch, dies auf andere Weise zu erreichen“, behauptete er.

          „Kein engstirniger Ausländerfeind“

          Selbst rassistische Untertöne hat Johnson neuerdings im Repertoire. An schlechten Tagen klingt er inzwischen wie der amerikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump. Kürzlich bezeichnete er den amerikanischen Präsidenten Barack Obama als „halbkenianisch“. Obama hatte eindringlich vor einem Brexit gewarnt. Immer öfter redet Johnson von den ungeliebten Einwanderern: Er sei „kein engstirniger Ausländerfeind“, sagte er jüngst – und schürte fast im selben Atemzug Ressentiments gegen Migranten aus anderen EU-Staaten, indem er sie als Sozialtouristen diffamierte, die „ohne Qualifikation und ohne einen Arbeitsplatz in Aussicht zu haben“, nach Großbritannien kämen. Eine Behauptung, die von der Faktenlage nicht gedeckt ist: Tatsächlich sind die Zuwanderer vom Kontinent nicht nur besser ausgebildet und seltener arbeitslos als Durchschnittsbriten, sie bezahlen auch mehr an Steuern und Abgaben, als sie an staatlichen Leistungen in Anspruch nehmen.

          So funktioniere nun mal Wahlkampf, sagt der Politologe Travers: Als Brexit-Tribun bleibe Johnson nichts anderes übrig: „Er muss die wirkungsvollste politische Waffe der EU-Gegner einsetzen, und das ist ganz klar das Thema Einwanderung“, sagt Travers. Umfragen zeigen seit Jahren, dass die Bürger die vielen Neuankömmlinge aus Ost- und Südeuropa als eines der drängendsten Probleme Großbritanniens ansehen. „Wenn in der EU-Debatte von demokratischer Selbstbestimmung und nationaler Souveränität die Rede ist, schlafen die Leute daheim vor dem Fernseher ein“, sagt Travers. „Wenn es aber um die EU-Einwanderung geht, hören sie zu.“ Dass im grenzenlosen Europa jeder Staatsbürger eines anderen Mitgliedslands auf die Insel kommen kann, ist nämlich für viele Brexit-Befürworter der Hauptgrund dafür, warum sie rauswollen aus der EU.

          Johnson will Premierminister werden

          Travers spricht von einer „kuriosen Wandlung“, die Johnson durchlaufen habe. Er erinnert daran, dass dieser als Bürgermeister der kosmopolitischen Metropole London vor einigen Jahren noch mit einer Amnestie für illegale Einwanderer geliebäugelt hat. Ohnehin nehmen die wenigsten Beobachter Johnson ab, dass ihm der Brexit eine Herzensangelegenheit ist. In der ersten Garde der Konservativen Partei in Großbritannien, der Johnson angehört, gibt es Männer wie den Justizminister Michael Gove, die seit langem offen gegen die EU-Mitgliedschaft ihres Landes sind. Johnson aber gehörte bisher nicht zu dieser Riege.

          Sein Sprung ins Brexit-Lager ist wohl nicht zuletzt seinen persönlichen politischen Ambitionen geschuldet. Alle wissen: Der brennend ehrgeizige Johnson will seinem langjährigen parteiinternen Rivalen David Cameron als Premierminister nachfolgen. An der Parteibasis ist er populär. Doch es fehlt ihm die dafür notwendige Unterstützung der konservativen Parlamentsabgeordneten. Viele Parlamentarier sehen den Exoten Johnson bisher eher als Clown denn als ernsthaften Politiker.

          Dabei war seine Bilanz in den acht Jahren als Bürgermeister von London ordentlich: Als er den Posten 2008 antrat, glaubten viele, der Mann mit der großen Klappe sei mit dem wichtigen Job in der Acht-Millionen-Einwohner-Stadt hoffnungslos überfordert. Tatsächlich jedoch machte Johnson keine so schlechte Figur: Er brachte die Modernisierung des U-Bahn-Systems voran und half mit, die Olympischen Spiele 2012 in der Hauptstadt zu einem Erfolg zu machen.

          „Er hat kaum wirkliche Freunde“

          Doch Johnson will eben mehr als nur Bürgermeister sein. Wenn er sich nun vor dem Referendum gegen den proeuropäisch eingestellten Cameron und auf die Seite der vielen EU-müden Abgeordneten seiner Partei stellt, könnte ihm das die Machtbasis in der Fraktion verschaffen, die er benötigt, um Premierminister zu werden – ganz egal, wie das Referendum ausgeht. Es gebe keinen Grund anzunehmen, dass Johnson den Brexit wirklich wolle, ätzte kürzlich der Kolumnist Bruce Anderson, früherer Politikchef des „Spectator“. „Seine Fähigkeit, genau an das zu glauben, was ihm selbst am meisten nutzt, war immer grenzenlos.“

          Aber woher eigentlich kommt dieser unbezwingbare Hunger nach Erfolg und Karriere, der Johnson antreibt? Den wohl aufschlussreichsten und überraschendsten Einblick in sein Inneres lieferte im Frühjahr seine frühere Geliebte, die Journalistin Petronella Wyatt, mit welcher der Familienvater und notorische Weiberheld vier Jahre lang eine außereheliche Beziehung führte. In einem großen und keineswegs feindseligen Stück in der „Daily Mail“ schilderte Wyatt einen Boris Johnson, wie ihn die Briten bisher nicht kannten.

          Sie beschreibt den Kalauer-König und Gute-Laune-Politiker als grüblerischen Einzelgänger mit einem Hang zu Selbstzweifeln und depressiven Stimmungslagen. „Er ist berühmt dafür, freundlich zu sein. Aber er hat kaum wirkliche Freunde“, schreibt Wyatt. „Wie viele Einzelgänger hat er zur Kompensation das Bedürfnis, gemocht zu werden. Manchmal denke ich, sein Ehrgeiz ist die Folge davon. Ein Teil von Boris will Premierminister werden, weil ihm die Liebe seiner Familie und der konservativen Wähler nicht genug ist.“

          Weitere Hintergründe

          Die Person

          Boris Johnson wurde 1964 in New York als ältestes von vier Kindern geboren und stammt aus einer großbürgerlichen britischen Familie. Sein Vater Stanley arbeitete zeitweise für die Weltbank und war später Europaabgeordneter. In seiner Kindheit zog die Familie Dutzende Male um und lebte unter anderem in London und Brüssel. Johnson litt als kleiner Junge zeitweilig unter Taubheit.

          Er besuchte das Elite-Internat im englischen Eton und schloss ein Altphilologie-Studium in Oxford ab. Johnson war ein erfolgreicher Journalist und unter anderem Korrespondent in Brüssel, bevor er 2001 Parlamentsabgeordneter wurde. 2008 wurde er zum Bürgermeister von London gewählt. Nach zwei Amtszeiten gab er diesen Posten kürzlich ab und sitzt seit 2015 wieder im Unterhaus. Boris Johnson ist in zweiter Ehe verheiratet und Vater von fünf Kindern.

          Das Referendum

          Die Briten hatten immer schon ein schwieriges Verhältnis zur EU: Erst 1973, anderthalb Jahrzehnte nach der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), wurde das damals wirtschaftlich geschwächte Land Mitglied - in der Hoffnung, den Anschluss an Kontinentaleuropa zu schaffen. In den vergangenen zehn Jahren hat vor allem der ungebremste Anstieg der Einwanderung aus anderen EU-Staaten die britische Protestbewegung befeuert.

          Das Austrittsreferendum am 23. Juni ist ein Novum in der Geschichte der EU. Premierminister David Cameron wirbt für den Verbleib im Staatenbund, weite Teile der britischen Wirtschaft und die Bank von England warnen vor den ökonomischen Risiken des „Brexits“. Zum Austritt ermutigt werden die Briten dagegen von Donald Trump und vom französischen Front National.

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