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Boris Johnson : Mister Brexit

Johnson will Premierminister werden

Travers spricht von einer „kuriosen Wandlung“, die Johnson durchlaufen habe. Er erinnert daran, dass dieser als Bürgermeister der kosmopolitischen Metropole London vor einigen Jahren noch mit einer Amnestie für illegale Einwanderer geliebäugelt hat. Ohnehin nehmen die wenigsten Beobachter Johnson ab, dass ihm der Brexit eine Herzensangelegenheit ist. In der ersten Garde der Konservativen Partei in Großbritannien, der Johnson angehört, gibt es Männer wie den Justizminister Michael Gove, die seit langem offen gegen die EU-Mitgliedschaft ihres Landes sind. Johnson aber gehörte bisher nicht zu dieser Riege.

Sein Sprung ins Brexit-Lager ist wohl nicht zuletzt seinen persönlichen politischen Ambitionen geschuldet. Alle wissen: Der brennend ehrgeizige Johnson will seinem langjährigen parteiinternen Rivalen David Cameron als Premierminister nachfolgen. An der Parteibasis ist er populär. Doch es fehlt ihm die dafür notwendige Unterstützung der konservativen Parlamentsabgeordneten. Viele Parlamentarier sehen den Exoten Johnson bisher eher als Clown denn als ernsthaften Politiker.

Dabei war seine Bilanz in den acht Jahren als Bürgermeister von London ordentlich: Als er den Posten 2008 antrat, glaubten viele, der Mann mit der großen Klappe sei mit dem wichtigen Job in der Acht-Millionen-Einwohner-Stadt hoffnungslos überfordert. Tatsächlich jedoch machte Johnson keine so schlechte Figur: Er brachte die Modernisierung des U-Bahn-Systems voran und half mit, die Olympischen Spiele 2012 in der Hauptstadt zu einem Erfolg zu machen.

„Er hat kaum wirkliche Freunde“

Doch Johnson will eben mehr als nur Bürgermeister sein. Wenn er sich nun vor dem Referendum gegen den proeuropäisch eingestellten Cameron und auf die Seite der vielen EU-müden Abgeordneten seiner Partei stellt, könnte ihm das die Machtbasis in der Fraktion verschaffen, die er benötigt, um Premierminister zu werden – ganz egal, wie das Referendum ausgeht. Es gebe keinen Grund anzunehmen, dass Johnson den Brexit wirklich wolle, ätzte kürzlich der Kolumnist Bruce Anderson, früherer Politikchef des „Spectator“. „Seine Fähigkeit, genau an das zu glauben, was ihm selbst am meisten nutzt, war immer grenzenlos.“

Aber woher eigentlich kommt dieser unbezwingbare Hunger nach Erfolg und Karriere, der Johnson antreibt? Den wohl aufschlussreichsten und überraschendsten Einblick in sein Inneres lieferte im Frühjahr seine frühere Geliebte, die Journalistin Petronella Wyatt, mit welcher der Familienvater und notorische Weiberheld vier Jahre lang eine außereheliche Beziehung führte. In einem großen und keineswegs feindseligen Stück in der „Daily Mail“ schilderte Wyatt einen Boris Johnson, wie ihn die Briten bisher nicht kannten.

Sie beschreibt den Kalauer-König und Gute-Laune-Politiker als grüblerischen Einzelgänger mit einem Hang zu Selbstzweifeln und depressiven Stimmungslagen. „Er ist berühmt dafür, freundlich zu sein. Aber er hat kaum wirkliche Freunde“, schreibt Wyatt. „Wie viele Einzelgänger hat er zur Kompensation das Bedürfnis, gemocht zu werden. Manchmal denke ich, sein Ehrgeiz ist die Folge davon. Ein Teil von Boris will Premierminister werden, weil ihm die Liebe seiner Familie und der konservativen Wähler nicht genug ist.“

Weitere Hintergründe

Die Person

Boris Johnson wurde 1964 in New York als ältestes von vier Kindern geboren und stammt aus einer großbürgerlichen britischen Familie. Sein Vater Stanley arbeitete zeitweise für die Weltbank und war später Europaabgeordneter. In seiner Kindheit zog die Familie Dutzende Male um und lebte unter anderem in London und Brüssel. Johnson litt als kleiner Junge zeitweilig unter Taubheit.

Er besuchte das Elite-Internat im englischen Eton und schloss ein Altphilologie-Studium in Oxford ab. Johnson war ein erfolgreicher Journalist und unter anderem Korrespondent in Brüssel, bevor er 2001 Parlamentsabgeordneter wurde. 2008 wurde er zum Bürgermeister von London gewählt. Nach zwei Amtszeiten gab er diesen Posten kürzlich ab und sitzt seit 2015 wieder im Unterhaus. Boris Johnson ist in zweiter Ehe verheiratet und Vater von fünf Kindern.

Das Referendum

Die Briten hatten immer schon ein schwieriges Verhältnis zur EU: Erst 1973, anderthalb Jahrzehnte nach der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), wurde das damals wirtschaftlich geschwächte Land Mitglied - in der Hoffnung, den Anschluss an Kontinentaleuropa zu schaffen. In den vergangenen zehn Jahren hat vor allem der ungebremste Anstieg der Einwanderung aus anderen EU-Staaten die britische Protestbewegung befeuert.

Das Austrittsreferendum am 23. Juni ist ein Novum in der Geschichte der EU. Premierminister David Cameron wirbt für den Verbleib im Staatenbund, weite Teile der britischen Wirtschaft und die Bank von England warnen vor den ökonomischen Risiken des „Brexits“. Zum Austritt ermutigt werden die Briten dagegen von Donald Trump und vom französischen Front National.

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