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Boris Johnson : Mister Brexit

„Great Britain“ statt „Little England“

Die Erfolgsformel Johnsons sei sein unbändiger Optimismus, sagt Tony Travers, Politikprofessor an der London School of Economics. Er kennt den Politiker gut: Johnson war bis vor kurzem Bürgermeister von London, und der Wissenschaftler Travers hat für ihn eine Expertenkommission zur Reform der Kommunalfinanzen geleitet. „Die meisten Politiker wirken pessimistisch, sie warnen die Öffentlichkeit dauernd vor irgendwelchen Gefahren“, sagt er. „Johnsons Unbeschwertheit ist so ungewöhnlich in der Politik, dass selbst Bürger mit ihm sympathisieren, die seine politischen Standpunkte nicht teilen.“

Im Wahlkampf vor dem Referendum will Johnson die Stimme eines selbstbewussten „Great Britain“ sein, nicht die eines ängstlichen „Little England“. Der Brexit wäre nicht Ausdruck von Wagenburgmentalität und Isolationismus, sondern von Weltoffenheit, argumentiert er. „Wenn wir aus der EU austreten, werden wir nicht Europa den Rücken kehren“, schleuderte er kürzlich in einer furiosen Rede seinen Widersachern entgegen – und stimmte, wie zum Beweis, auf Deutsch die Europa-Hymne an: Beethovens „Freude, schöner Götterfunken“. Er stehe in der Tradition der liberalen, kosmopolitischen europäischen Aufklärung, proklamierte Johnson. Die EU dagegen sei eine antidemokratische Sackgasse. „Die kämpfen für eine überholte absolutistische Ideologie. Wir kämpfen für die Freiheit.“

Aber Johnsons frohgemute Rhetorik hat zuletzt auch eine neue, dunkle und manchmal ziemlich schmuddelige Seite bekommen. In einem Interview zog er vergangene Woche eine groteske Parallele zwischen der EU und dem Eroberungskrieg Adolf Hitlers. Brüssel ziele darauf ab, einen europäischen Superstaat zu erzwingen. „Napoleon, Hitler, diverse Leute haben das versucht, und es endete tragisch“, warnte Johnson. „Die EU ist der Versuch, dies auf andere Weise zu erreichen“, behauptete er.

„Kein engstirniger Ausländerfeind“

Selbst rassistische Untertöne hat Johnson neuerdings im Repertoire. An schlechten Tagen klingt er inzwischen wie der amerikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump. Kürzlich bezeichnete er den amerikanischen Präsidenten Barack Obama als „halbkenianisch“. Obama hatte eindringlich vor einem Brexit gewarnt. Immer öfter redet Johnson von den ungeliebten Einwanderern: Er sei „kein engstirniger Ausländerfeind“, sagte er jüngst – und schürte fast im selben Atemzug Ressentiments gegen Migranten aus anderen EU-Staaten, indem er sie als Sozialtouristen diffamierte, die „ohne Qualifikation und ohne einen Arbeitsplatz in Aussicht zu haben“, nach Großbritannien kämen. Eine Behauptung, die von der Faktenlage nicht gedeckt ist: Tatsächlich sind die Zuwanderer vom Kontinent nicht nur besser ausgebildet und seltener arbeitslos als Durchschnittsbriten, sie bezahlen auch mehr an Steuern und Abgaben, als sie an staatlichen Leistungen in Anspruch nehmen.

So funktioniere nun mal Wahlkampf, sagt der Politologe Travers: Als Brexit-Tribun bleibe Johnson nichts anderes übrig: „Er muss die wirkungsvollste politische Waffe der EU-Gegner einsetzen, und das ist ganz klar das Thema Einwanderung“, sagt Travers. Umfragen zeigen seit Jahren, dass die Bürger die vielen Neuankömmlinge aus Ost- und Südeuropa als eines der drängendsten Probleme Großbritanniens ansehen. „Wenn in der EU-Debatte von demokratischer Selbstbestimmung und nationaler Souveränität die Rede ist, schlafen die Leute daheim vor dem Fernseher ein“, sagt Travers. „Wenn es aber um die EU-Einwanderung geht, hören sie zu.“ Dass im grenzenlosen Europa jeder Staatsbürger eines anderen Mitgliedslands auf die Insel kommen kann, ist nämlich für viele Brexit-Befürworter der Hauptgrund dafür, warum sie rauswollen aus der EU.

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