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Bildung : Die Herkunft wird wieder entscheidend

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Wer macht Karriere? Studenten der Humboldt-Universität Berlin im Hörsaal Bild: dpa

Die Bildungsexpansion seit den siebziger Jahren hat vielen jungen Menschen einen Bildungsaufstieg ermöglicht. Doch genau dieser Wandel könnte die Ursache für künftige Probleme sein.

          Wie liegt das Messer auf dem Teller, wie kräftig ist der Händedruck, wer hat den Knigge gelesen? Verfeinerte Kulturtechniken waren bis ins vergangene Jahrhundert hinein ein Stoppschild, mit dem sich Angehörige der Oberschicht von Aufsteigern abgrenzten. Für den Aufstieg durch akademische Bildung, der jenseits vom Standesdünkel oft gelang, blieb lange elterliches Vermögen die Bedingung, weil Schulbesuch und Studium teuer waren. Beides, Standesdünkel und ein Vermögen, sind als Bedingungen für den Aufstieg seit einem halben Jahrhundert einigermaßen unwichtig geworden.

          Zwar ist der Zusammenhang von Herkunft und Bildungserfolg der Kinder trotz Ausbildungsförderung, Stipendien und Bildungsexpansion nicht aus der Welt zu schaffen. Die Herkunft prägt schließlich immer auch die Motivation und Ambitionen eines jungen Menschen, sie fließt ein in die Berufswahl. Aber wenn es so etwas wie Leistungsgerechtigkeit gibt, ist sie heute so stark ausgeprägt wie nie zuvor. Die Leistung an Schulen und Hochschulen entscheidet mehr als andere Faktoren darüber, wer später eine gute Anstellung finden wird.

          Weil nicht nur das Elternhaus, sondern auch der Staat jungen Menschen kräftig dabei hilft, das Versprechen vom materiellen und sozialen Aufstieg durch höhere Bildungsabschlüsse einzulösen, als sei das ein ewig geltender Automatismus, steigt die Akademikerquote seit Jahrzehnten. Die Bildungsexpansion seit den siebziger Jahren hat nun schon zwei Generationen von Abiturienten den Bildungsaufstieg ermöglicht und die Leistungsgerechtigkeit erhöht.

          Das könnte sich künftig aber ändern, und paradoxerweise wird die Ursache dafür die Bildungsexpansion selbst sein: Schon bald wird in Deutschland fast jeder Zweite eines Jahrgangs das Abitur haben; in Frankreich beträgt die Abiturquote schon gut 80 Prozent. Parallel steigen die Absolventenzahlen an Universitäten und Hochschulen. Wie mit dem Geld, so ist es mit Zeugnissen und Zertifikaten: Je mehr im Umlauf sind, desto geringer ist ihr Wert. Nun ist es so, dass es nicht nur eine Noteninflation gibt, sondern dass auch die gemessenen Leistungen steigen. Infolge der Pisa-Hysterie der vergangenen 15 Jahre wurden die Lehrpläne gestrafft und die Schulzeit verkürzt, schon in der Kinderkrippe, spätestens ab der ersten Klasse stehen Fremdsprachen auf dem Lehrplan. Das Bildungssystem spuckt Jahrgänge von sehr jungen Abiturienten, Bachelors und Masters aus, die besser rechnen und schreiben können als frühere.

          Und trotzdem ist ihnen eine latente Zukunftsangst eingeimpft, die in Konformität und Strebertum zum Ausdruck kommt. So lässt sich jedenfalls jüngst eine Umfrage des Beratungsunternehmens EY interpretieren, in der jeder dritte Absolvent sagt, er möchte im öffentlichen Dienst arbeiten. Den Konkurrenzkampf um Arbeitsplätze nehmen Studenten, deren Hörsäle immer voller werden, als zermürbend wahr. Sie sammeln Praktikumszeugnisse und Zertifikate, Sprachkenntnisse und Auslandsaufenthalte, um sich irgendwie abzuheben, um im Rennen zu bleiben.

          Inflation der Abschlüsse bringt neue Probleme

          Das Versprechen eines Aufstiegs durch Bildung, der zum Grundmotiv der Bildungspolitik gehört, wird so ein Stück weit wieder in Frage gestellt. Die Inflation der Abschlüsse bringt neue Probleme. Und: Je mehr Abschlüsse es gibt, desto größer wird der Druck für Studenten, sich anderweitig abzuheben. Die Bildungsexpansion schafft viel Gutes – sie fördert Talente, schafft Gleichheit und Gerechtigkeit – aber sie schafft teilweise auch mehr Angst und Unruhe.

          Schule hat zwei Aufgaben: junge Menschen zu qualifizieren und zu kultivieren. Die Bildungspolitik hat sich in den vergangenen Jahren bemüht, die Qualifizierung zu verbessern. Die Unternehmen, die die Absolventen dann beschäftigen, legen aber auf beide Seiten Wert: fachliche Kenntnisse und die Persönlichkeit des Bewerbers. Für viele Absolventen – etwa Wirtschaftswissenschaftler, Juristen, Geisteswissenschaftler – ist die Lage so, dass sie sich zunehmend über andere Kriterien als die Qualifikation unterscheiden müssen. Wenn es viele Einser-Absolventen gibt, picken Unternehmen sich die besten nach anderen Kriterien heraus, nach Selbstbewusstsein, Ausstrahlung, Schönheit.

          Der Bildungsforscher David Labaree von der Universität Stanford hat die Debatte in Amerika losgetreten. Er sagt: Es kann nicht nur Häuptlinge geben. „Someone has to fail“ heißt sein Buch. Darin beschreibt er, mit welchen widersprüchlichen Wünschen das Schul- und Hochschulsystem belastet wird. Es soll breiten Schichten Zugang zum sozialen Aufstieg ermöglichen, doch andererseits den eigenen Kindern einen Vorteil im Konkurrenzkampf verschaffen. So sind gerade unter Eltern der distinktionsbedürftigen Mittelschicht nun die Schulen im Trend, die ihren Schwerpunkt auf Kultivierung legen. Dazu zählen Musikgymnasien, Waldorfschulen, Internate. Die Distinktion wird erkauft. Und damit auch ein Selbstbewusstsein der Kinder, das verstärkt die Karrieren determiniert. Das ist ein nicht intendierter Rückfall in alte Zeiten.

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