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Bevölkerungsentwicklung : Die große Migrationswelle kommt noch

Der Sozialwissenschaftler Gunnar Heinsohn, einer der führenden Forscher zum Phänomen „Youth Bulge“, der inzwischen am Nato Defense College in Rom lehrt, verdeutlicht die Konfliktgefahr mit einem sogenannten Kriegsindex. Dieser drückt aus, wie viele junge Leute (zwischen 15 und 19 Jahren) es relativ zur Zahl älterer Leute (von 55 bis 59 Jahren) gibt. Die einen suchen Beschäftigung, die anderen stehen kurz vor der Rente, machen also bald Platz. In Deutschland liegt der „Kriegsindex“ bei 0,66 (auf 1000 Ältere kommen nur 660 Jugendliche) - das Konfliktpotential um Arbeitsplätze ist minimal. Ganz anders in Afrika. „In Subsahara-Afrika kommen auf 1000 Ältere etwa 3500 bis 7000 Junge, die Arbeit suchen“, sagt Heinsohn. Den Nato-Kommandeuren zeigt er dann Landkarten mit erschreckenden Zahlen. In Uganda etwa liegt der „Kriegsindex“ bei sieben, in Mali, Afghanistan und Ruanda über sechs, in Palästina, Jemen und Somalia bei fast sechs. „Bei solchen Jugendüberschüssen droht Gewalt in irgendeiner Form, meist Gewalt nach innen. Das geht bis hin zu Völkermorden“, warnt Heinsohn.

Und diese Konflikte und die wirtschaftliche Perspektivlosigkeit führen dann dazu, dass ein erheblicher Teil der Menschen ans Auswandern denkt. In den Subsahara-Ländern würden 39 Prozent gerne ihre Länder dauerhaft verlassen, ergab eine große Gallup-Befragung von 2009. In dieser sehr armen Region leben bis heute etwa 600 Millionen Menschen ohne elektrischen Strom, erinnert Heinsohn. In Nordafrika und im Nahen Osten waren es 23 Prozent Auswanderungswillige. Laut einer Umfrage des Doha-Instituts von 2015 liegt der Anteil in Arabien immer noch bei etwa einem Viertel. In den islamischen Länder Asiens, von Afghanistan über Pakistan und Bangladesch bis Indonesien, möchte laut Gallup-Umfrage mindestens ein Zehntel gerne emigrieren. Heinsohn rechnet mit insgesamt bis zu 600 Millionen Wanderungswilligen auf der ganzen Welt. Überproportional viele Junge würden gerne gehen. In Algerien etwa denkt die Hälfte der jungen Erwachsenen ans Auswandern. Allerdings können nur wenige diese Wünsche bislang verwirklichen. Millionen Migranten in Afrika und Arabien gehen zunächst in Nachbarländer; erst zeitverzögert - und nachdem zerfallende Staaten wie Libyen den Weg übers Mittelmeer eröffnen - beginnt die Migration nach Europa.

Wenig Gründe für Optimismus

Die meisten Faktoren deuten auf einen steigenden Migrationsdruck in den kommenden Jahren: Sowohl die Demographie als auch das hohe Wirtschafts- und Einkommensgefälle zu Europa, die instabile Sicherheitslage sowie sich verschlechternde Umweltfaktoren sprächen dafür. Die Perspektiven könnten sich nur verbessern, wenn in den betroffenen Ländern viel mehr in berufsorientierte Bildung und die entsprechenden Jobs investiert würde. Auf dem Papier haben zwar einige nordafrikanische und arabische Länder höhere Quoten von Bildungsabschlüssen vorzuweisen. „Die Qualität der Abschlüsse ist aber sehr dürftig“, sagt Klingholz. In internationalen Vergleichstests wie der Pisa-Studie oder der Timss-Mathe-Studie liegen Afrika und Arabien ganz weit unten, betont Heinsohn. Die jungen Leute würden zudem das Falsche studieren, zu viel Sozial- und zu wenig technisch-mathematisch-naturwissenschaftliche-Fächer, kritisiert das Berlin-Institut. Viele Absolventen hofften auf eine Stelle in den aufgeblähten staatlichen Verwaltungsapparaten, die Privatwirtschaft bleibt schwach.

Paradoxerweise würden mehr Bildung und mehr Wohlstand zunächst auch nicht zu einem Rückgang des Migrationsdrucks führen. Denn es sind eher die gebildeteren, urbanen Schichten, die überhaupt das Wissen und die Mittel zur Auswanderung haben. Zudem nimmt das Risiko einer sozialen und politischen Destabilisierung in den Herkunftsländern eher zu, wenn junge Leute trotz besserer Bildung keine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben.

Die wirtschaftlichen Verhältnisse könnten nur dann wirklich besser werden, wenn die Rahmenbedingungen für Unternehmen günstiger würden, ist Klingholz überzeugt. Aktuell werden Unternehmer durch viel Bürokratie, Korruption und Rechtsunsicherheit behindert. „Wenn sich die Perspektiven der Menschen nicht bald verbessern, haben wir es mit einer wachsenden Zahl von Wirtschaftsflüchtlingen und anderen Flüchtlingen zu tun“, sagt Klingholz. Er will nicht nur schwarzmalen - doch fällt es ihm schwer, Gründe für Optimismus zu finden.

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