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Bernd Lucke : Der Protestant

Bernd Lucke: Gläubig, konsequent, konservativ Bild: Gyarmaty, Jens

Der Gründer der Alternative für Deutschland, Bernd Lucke, ist ein frommer Mann. Zusätzlich lebt er einen seltenen Idealismus: Der Ökonomie-Professor spürt die Pflicht, die Welt zu retten.

          An der Hamburger Ferdinandstraße, unweit der Binnenalster und der Privatbank M.M. Warburg, steht eine Kirche, die anders ist. Zwei Stockwerke, unten Glas, oben der Gottesdienstraum, kahl. Die Wände tragen keine Bilder und kein Kreuz, nichts, was von Gottes Wort ablenkt. Im Halbkreis vernimmt die Gemeinde die Verkündigung und blickt auf den Abendmahlstisch. Altar? Gibt es nicht in der Kirche der evangelisch-reformierten Christen. Die Kirche von Bernd Lucke.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Reformiert heißt: Das Volk leitet die Kirche. Im Rat sitzen Laien wie Lucke, der sich dort lange engagiert hat. Lucke hat fünf Kinder im Alter von 15 bis 20, als sie kleiner waren, hat er Kindergottesdienste gegeben, den Sprösslingen Kirche und Welt erklärt.

          Luckes Konsequenz ist manchem unheimlich

          Kirche und Welt: für die Reformierten ist das kein Gegensatz. In der frühen Neuzeit wurden sie verfolgt, ihr Vordenker Johannes Calvin lehrte die Gläubigen, dass das Leben kein Jammertal sei. Als Christ habe man die Pflicht, diese Welt mit aller Kraft zu gestalten. Mit Politik zum Beispiel. Es gibt unter den Reformierten der Ferdinandstraße eine Menge Menschen, die meinen, niemand aus der Gemeinde ziehe das so konsequent durch wie Glaubensbruder Bernd Lucke: da ist einer, den es körperlich schmerzt, wie der Zug der Zeit gerade mit 80 Millionen Deutschen vor die Wand zu rasen droht.

          So sieht er es. Und hängt sich mit aller Kraft an den Weichenhebel. Die Reformierten sind einiges gewohnt in Sachen moralischer Lebensführung, aber die Konsequenz von Lucke ist auch unter ihnen manch einem unheimlich. Zumal Lucke die Gemeinde spaltet. Wenn man nach dem Gottesdienst zusammen isst, sitzt Dorothea Lucke mit den Kindern am Tisch und ihr Mann, so berichten es Teilnehmer, müsse sich zuweilen besorgten Fragen stellen: was es damit auf sich habe, dass die Alternative für Deutschland die Griechen aus dem Euro werfen wolle.

          Eine rissfreie Weltsicht ohne Grauzonen

          Dass Lucke durch die Republik reise und auf Marktplätzen ruft, die Roma sollten doch lieber in Rumänien bleiben. Man hat gelesen, die AfD werde von Rechtsextremen unterwandert. Höflich geht es zu, Lucke hat auf alles eine Antwort. Diese Erfahrung haben ja schon die hauptberuflichen Rhetoriker aus den etablierten Parteien erlitten: dass es sehr, sehr schwer ist, von diesem Mann argumentativ nicht auseinander genommen zu werden. Wer sagt, die AfD sei eine Einthemenpartei, hat Lucke nicht begriffen.

          In der Ökonomie kann ihm, dem Volkswirtschaftslehrer, qua Profession kaum einer etwas vormachen, doch sein Horizont geht viel weiter. Er habe eine komplette und rissfreie Weltsicht, die keine Grauzonen kennt, sagen jene, die es am ehesten wissen können.

          Das ist das Unheimliche, das Interessante: die Überzeugungstäterschaft. Noch nie hat Lucke in einer Brüsseler Nacht den Euro gerettet, er hat nicht die Angst gespürt vor wild gewordenen Finanzmärkten, er hat mit seiner Theorie nie bis zum Morgen fünfzehn ausländische Staatschefs überzeugen müssen, die ihre Wiederwahl begraben können, wenn sie kein Geld mit nachhause bringen.

          Einladungen in Talkshows, die er gar nicht kannte

          Aber Lucke will ja auch gar nicht nachts nach Brüssel. „Es sollten überhaupt keine Verträge bis früh in den Morgen verhandelt werden, jeder Entwurf sollte erst in die Ministerien gehen und von Fachleuten drei Wochen geprüft werden.“ Denn: „Was theoretisch falsch ist, kann nicht praktisch richtig sein.“

          Eine Stunde fahren die Luckes nach dem Gottesdienst heim nach Winsen auf der anderen Seite der Elbe. Luckes haben kein Auto. Einen Fernsehanschluss auch nicht. „Die Qualität der Programme ist gering“, sagt Lucke, dafür hat er keine Zeit. Die Talkshows, in die er jetzt ständig eingeladen wird, kannte er vorher nicht. Er bereitet sich auf jeden Auftritt intensiv vor. Inhaltlich, nicht rhetorisch. „Ich bedaure dann meist, wie flach das argumentative Niveau ist“, sagt Lucke. Er hat nicht den Eindruck, dass die Familie etwas in der Glotze verpasst hätte.

          Zuhause gab es Werte

          Die Luckes maximieren den Nutzen aus den täglichen Zeiteinheiten anders. Es wird viel musiziert. Vor zwei Jahren machten die damals 11, 12 und 14 Jahre alten Kinder bei einem Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten mit, Lucke betreute das Team als Tutor und lehrte anhand eines alten Mörike-Liederbuchs Altdeutsch. Recherchiert wurde nachmittags und am Wochenende, Luckes Kinder lieferten ein 50-Seiten-Werk ab und gewannen den Wettbewerb. Auf Facebook machen die Kinder Werbung für die AfD.

          Bernd Lucke wurde in West-Berlin geboren, der Vater war Bauingenieur, die Mutter Schulrektorin. Als Lucke acht Jahre alt war, zogen sie nach Neuss und dann nach Haan bei Düsseldorf. Zuhause habe es Werte gegeben, sagt Lucke: „Den Zusammenhalt der Familie zum Beispiel und die Freude, seinen Interessen nachzugehen.“ Mit 14 trat er in die Junge Union ein.

          „Ökonomie ist keine Glaubensfrage“

          Der Grund seien die Verwandten in der DDR gewesen und ein starkes antikommunistisches Gefühl in seinem Herzen, sagt Lucke. Die fehlende Härte von Willy Brandt: „Ich bin in die Junge Union eingetreten, weil ich die Entspannungspolitik als zu nachgiebig ansah. Sie erreichte keine Veränderungen in der DDR, denn die Menschen dort konnten nach wie vor weder frei reisen noch ihre Meinung sagen.“ Seine Kirche lehrt, es werde immer dann gefährlich, wenn man sage, der Mensch sei so und so.

          „Der reformierten Kirche ist das zweite Gebot sehr wichtig“, sagt Lucke: „Du sollst Dir kein Bildnis machen. Dabei geht es nicht um Bilder, sondern um Vorstellungen.“ Die Vorstellung von Gleichheit zum Beispiel. Oder dass Europa nicht ohne den Euro überleben kann. Dafür gibt es in der Ökonomie keinen Beleg. „Ökonomie ist keine Glaubensfrage“, sagt Lucke.

          Und so trat er aus der CDU aus

          Eigentlich mochte er in der Union nur Franz Josef Strauß gern, den noch nicht weichen Heiner Geißler der Achtziger vielleicht noch. Den Parteivorsitzenden hielt er von Anfang an für einen Opportunisten und heute sei eben eine Opportunistin am Ruder: „Ich glaube, Helmut Kohl hat nur in der Europapolitik feste Überzeugungen vertreten. Bei Angela Merkel fällt es mir schwer, überhaupt irgendetwas Festes zu entdecken.“ Lucke sagt, die CDU habe sich „von mir entfernt“. Also trat er aus und machte was Eigenes, so einfach ist das.

          Es ist keineswegs sicher, ob die CDU ihm zu wirtschaftsunfreundlich geworden ist oder schlichtweg nicht mehr konservativ genug. Lucke denkt gar nicht daran, die milliardenteuren Rentengeschenke aus dem Koalitionsvertrag zu geißeln, die Merkel nicht wollte: „Ich halte die Mütterrente für richtig, schließlich hat die jetzige Generation der Rentner ihren Teil des Generationenvertrages erfüllt und eine große Anzahl Kinder bekommen.“ Wenn es etwas zu kritisieren gebe, „dann die Tatsache, dass die heute Jungen den Generationenvertrag nicht erfüllen, indem sie nicht genug Kinder bekommen.“

          Das Powerpaar bekam fünf Kinder

          Luckes Vater war zehn, als er in Dresden die Bombennacht vom 13. Februar 45 überlebte. Als fünfzig Jahre später die Wende kam, ließ er sich nach Dresden versetzen und baute die Stadt wieder auf. Lucke, der Sohn und Ökonomie-Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes ging in den Sachverständigenrat zur Einführung der Sozialen Marktwirtschaft nach Berlin. Seine Frau hat Lucke bei einem Praktikum in der Bundesbank kennengelernt, Ökonomin, Studienstiftlerin. Es ist nicht schwer, bei Bernd Lucke Festes zu entdecken.

          Dorothea Lucke wollte vier Kinder, Bernd Lucke sieben, sie bekamen fünf. Daneben zog das Powerpaar Promotionen und Habilitation durch. Drei Mal nahm Lucke Forschungsaufträge im Ausland an und die Familie mit. Es war nicht das ganz große Abenteuer. Im Städtchen Bloomington im amerikanischen Indiana arbeitete jeder zweite für die Universität, Lucke und Familie wohnten im Haus eines Professors, der seinerseits auf Forschungsreise war.

          „Lieblingsdinge hatte ich als Sechsjähriger“

          Er könne sich nicht vorstellen, ein Jahr ohne seine Familie zu leben, sagt Lucke, also wohnten sie während seines Einsatzes bei der OECD sechs Monate in Paris, wo es allerdings keine Professorenwohnung gab. Die Luckes zogen in einen Hinterhof im schäbigen 19. Arrondissement, wo es ganz anders war als in Winsen und Bloomington. „Unser Aufenthalt war sehr interessant“, sagt Lucke, „wir haben sehr beengt gelebt in einer Nachbarschaft, die größtenteils aus Schwarzen, Arabern, Asiaten und Juden bestand.“

          Als die F.A.S. Politiker nach ihrem Lieblingsgedicht fragte, schickte Lucke als Antwort, „Lieblingsdinge hatte ich als Sechsjähriger“. Er äußerte sich zu Fragen über Kultur in einer Art, die die AfD-Sprecherin bewog von einer Veröffentlichung abzuraten, Lucke schickte trotzdem. „Prosa lese ich lieber als Lyrik“, so ist das halt. Worüber kann er lachen? „Ich schätze geistreiche Wortspiele, Doppeldeutigkeiten mit einem humorvollen Hintersinn.“ Er mag Robert Gernhardt: Ich sprach: Wasser werde Wein! Doch das Wasser ließ das sein/Ich sprach: Lahmer, Du kannst gehen! Doch er blieb auf Krücken stehen/Da ward auch dem Dümmsten klar, dass ich nicht der Heiland war.

          Protestwähler sehen ihm alles nach

          Für die Enttäuschten aus der Union und die Zukurzgekommenen aus Berlin-Hellersdorf, wo die AfD bei der Bundestagswahl 11 Prozent holte, ist Lucke aber doch der Heiland. Sie erwarten dafür nicht, dass er Wasser zu Wein macht, es reicht, dass er seine Diskussionsgegner in den Talkshows „fertig macht“, wie Lucke-Fans die Auftritte auf Youtube kommentieren.

          Lucke ist so anders als alle anderen Politiker, dass Protestwähler ihm alles nachsehen: die hohe Stimme, den Marktradikalismus. Die Professur gerät bei Lucke zur Auszeichnung, wer hätte das gedacht. Von Chaosparteitag zu Chaosparteitag reist der Mann gerade durchs Land, um seine zerrissene Partei zu befrieden. Er schickt die giftenden Juristen aus dem Saal, auf dass sie nicht wiederkommen bis die Tränen getrocknet sind.

          Fünf Kinder sei eine gute Anzahl, sagt Erziehungsprofi Lucke, „da gibt es keine Pärchenbildung, die mischen sich ständig neu.“ Drillt er jetzt eben die Kindsköpfe aus der Hessen-AfD. „Manche haben sehr ausgeprägte Egos, mir hilft, dass ich eher praktische Lösungen suche statt legalistisch vorzugehen.“ Dass er dafür vergöttert wird, es „Anerkennung gibt“, wie Lucke formuliert, „freut mich.“

          „Ich bin motiviert“

          Der Beifall befriedigt den Narzissmus, doch die Rechtfertigung diene dem Glauben, das zumindest sagen Menschen, die Lucke länger kennen, und deshalb verstehen sie auch nicht, warum er die Unterwanderung der AfD durch Rechtsradikale lange laufen ließ, was ihm womöglich in Ostdeutschland auch zupass kam vor der Wahl. Lucke ruft bei seinen „Mut zur Wahrheit“-Auftritten in Sachsen nicht „Geld für die Oma statt Sinti und Roma“ wie die NPD, Lucke erklärt, dass Roma bei uns wegen mangelnder Bildung ohnehin in Hartz IV landen würden, „und das kann man sich für niemanden wünschen“.

          So sei er, sagen jene, die ihn kennen: Beurteilt Menschen allein nach Leistung. In der Wahlnacht, als 0,3 Prozentpunkte fehlten, war Lucke bedient, er konnte es nicht fassen, die vielen vergeudeten Stunden seines Lebens, es zeigten sich das erste Mal Zweifel in Luckes Gesicht.

          Es geht erst los

          Es wurde spekuliert, ob er alles hinwirft, aber es geht erst los: Europawahl mit Drei-Prozent-Hürde, Wahlen in für Randparteien günstigen Ländern wie Sachsen, Thüringen, Brandenburg, die Millionen aus der Parteienfinanzierung werden überwiesen.

          Eine, die mal bei Lucke zuhause war, erzählt, wie der Professor sie mit dem Fahrrad vom Bahnhof abholte. Der Gast bekam das Rad, Lucke zog Rollerblades aus der Tasche, schnallte sie an die Füße und fuhr voraus. Während es in Strömen regnete. Es goss. Die Pflicht ist noch nicht erfüllt, nie. „Ich bin motiviert“, sagt der Protestant Bernd Lucke.

          Der Mensch und die Partei

          Bernd Lucke wird am 19. August 1962 in West-Berlin als Sohn einer Rektorin und eines Bauingenieurs geboren. 1969 siedelt die Familie nach Neuss im Rheinland um und zieht später nach Haan bei Düsseldorf. Lucke studiert Volkswirtschaftslehre in Bonn, promoviert an der FU Berlin mit „summa cum laude“, arbeitet für den Berliner Finanzsenator und wird 1998 an die Universität Hamburg berufen, wo er einen Lehrstuhl für Wachstum und Konjunktur hat. 2005 ruft er im „Hamburger Appell“ zu Reformen auf. Luckes Frau ist ebenfalls Ökonomin und hält Vorlesungen. Lucke hat fünf Kinder, die beiden ältesten Söhne studieren Ingenieurswesen und Volkswirtschaftslehre.

          Nachdem Lucke 2011 aus der CDU wegen der Euro-Politik ausgetreten war, kandidierte er 2013 bei der niedersächsischen Landtagswahl für die Freien Wähler und gründete mit anderen die Alternative für Deutschland (AfD), die eine „Auflösung des Euro-Währungsgebietes“ fordert und eine Wiedereinführung der D-Mark positiv sieht. Die Zuwanderung will die AfD auf Qualifizierte beschränken. Bei den Bundestagswahlen scheiterte die Partei knapp mit 4,7 Prozent am Einzug. Für die Europawahlen im Mai gilt jedoch nur eine Drei-Prozent-Hürde. In vielen AfD-Landesverbänden herrscht Streit, Lucke drückt deshalb mit harter Hand aus seiner Sicht akzeptables Personal durch.

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