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Bernd Lucke : Der Protestant

„Lieblingsdinge hatte ich als Sechsjähriger“

Er könne sich nicht vorstellen, ein Jahr ohne seine Familie zu leben, sagt Lucke, also wohnten sie während seines Einsatzes bei der OECD sechs Monate in Paris, wo es allerdings keine Professorenwohnung gab. Die Luckes zogen in einen Hinterhof im schäbigen 19. Arrondissement, wo es ganz anders war als in Winsen und Bloomington. „Unser Aufenthalt war sehr interessant“, sagt Lucke, „wir haben sehr beengt gelebt in einer Nachbarschaft, die größtenteils aus Schwarzen, Arabern, Asiaten und Juden bestand.“

Als die F.A.S. Politiker nach ihrem Lieblingsgedicht fragte, schickte Lucke als Antwort, „Lieblingsdinge hatte ich als Sechsjähriger“. Er äußerte sich zu Fragen über Kultur in einer Art, die die AfD-Sprecherin bewog von einer Veröffentlichung abzuraten, Lucke schickte trotzdem. „Prosa lese ich lieber als Lyrik“, so ist das halt. Worüber kann er lachen? „Ich schätze geistreiche Wortspiele, Doppeldeutigkeiten mit einem humorvollen Hintersinn.“ Er mag Robert Gernhardt: Ich sprach: Wasser werde Wein! Doch das Wasser ließ das sein/Ich sprach: Lahmer, Du kannst gehen! Doch er blieb auf Krücken stehen/Da ward auch dem Dümmsten klar, dass ich nicht der Heiland war.

Protestwähler sehen ihm alles nach

Für die Enttäuschten aus der Union und die Zukurzgekommenen aus Berlin-Hellersdorf, wo die AfD bei der Bundestagswahl 11 Prozent holte, ist Lucke aber doch der Heiland. Sie erwarten dafür nicht, dass er Wasser zu Wein macht, es reicht, dass er seine Diskussionsgegner in den Talkshows „fertig macht“, wie Lucke-Fans die Auftritte auf Youtube kommentieren.

Lucke ist so anders als alle anderen Politiker, dass Protestwähler ihm alles nachsehen: die hohe Stimme, den Marktradikalismus. Die Professur gerät bei Lucke zur Auszeichnung, wer hätte das gedacht. Von Chaosparteitag zu Chaosparteitag reist der Mann gerade durchs Land, um seine zerrissene Partei zu befrieden. Er schickt die giftenden Juristen aus dem Saal, auf dass sie nicht wiederkommen bis die Tränen getrocknet sind.

Fünf Kinder sei eine gute Anzahl, sagt Erziehungsprofi Lucke, „da gibt es keine Pärchenbildung, die mischen sich ständig neu.“ Drillt er jetzt eben die Kindsköpfe aus der Hessen-AfD. „Manche haben sehr ausgeprägte Egos, mir hilft, dass ich eher praktische Lösungen suche statt legalistisch vorzugehen.“ Dass er dafür vergöttert wird, es „Anerkennung gibt“, wie Lucke formuliert, „freut mich.“

„Ich bin motiviert“

Der Beifall befriedigt den Narzissmus, doch die Rechtfertigung diene dem Glauben, das zumindest sagen Menschen, die Lucke länger kennen, und deshalb verstehen sie auch nicht, warum er die Unterwanderung der AfD durch Rechtsradikale lange laufen ließ, was ihm womöglich in Ostdeutschland auch zupass kam vor der Wahl. Lucke ruft bei seinen „Mut zur Wahrheit“-Auftritten in Sachsen nicht „Geld für die Oma statt Sinti und Roma“ wie die NPD, Lucke erklärt, dass Roma bei uns wegen mangelnder Bildung ohnehin in Hartz IV landen würden, „und das kann man sich für niemanden wünschen“.

So sei er, sagen jene, die ihn kennen: Beurteilt Menschen allein nach Leistung. In der Wahlnacht, als 0,3 Prozentpunkte fehlten, war Lucke bedient, er konnte es nicht fassen, die vielen vergeudeten Stunden seines Lebens, es zeigten sich das erste Mal Zweifel in Luckes Gesicht.

Es geht erst los

Es wurde spekuliert, ob er alles hinwirft, aber es geht erst los: Europawahl mit Drei-Prozent-Hürde, Wahlen in für Randparteien günstigen Ländern wie Sachsen, Thüringen, Brandenburg, die Millionen aus der Parteienfinanzierung werden überwiesen.

Eine, die mal bei Lucke zuhause war, erzählt, wie der Professor sie mit dem Fahrrad vom Bahnhof abholte. Der Gast bekam das Rad, Lucke zog Rollerblades aus der Tasche, schnallte sie an die Füße und fuhr voraus. Während es in Strömen regnete. Es goss. Die Pflicht ist noch nicht erfüllt, nie. „Ich bin motiviert“, sagt der Protestant Bernd Lucke.

Der Mensch und die Partei

Bernd Lucke wird am 19. August 1962 in West-Berlin als Sohn einer Rektorin und eines Bauingenieurs geboren. 1969 siedelt die Familie nach Neuss im Rheinland um und zieht später nach Haan bei Düsseldorf. Lucke studiert Volkswirtschaftslehre in Bonn, promoviert an der FU Berlin mit „summa cum laude“, arbeitet für den Berliner Finanzsenator und wird 1998 an die Universität Hamburg berufen, wo er einen Lehrstuhl für Wachstum und Konjunktur hat. 2005 ruft er im „Hamburger Appell“ zu Reformen auf. Luckes Frau ist ebenfalls Ökonomin und hält Vorlesungen. Lucke hat fünf Kinder, die beiden ältesten Söhne studieren Ingenieurswesen und Volkswirtschaftslehre.

Nachdem Lucke 2011 aus der CDU wegen der Euro-Politik ausgetreten war, kandidierte er 2013 bei der niedersächsischen Landtagswahl für die Freien Wähler und gründete mit anderen die Alternative für Deutschland (AfD), die eine „Auflösung des Euro-Währungsgebietes“ fordert und eine Wiedereinführung der D-Mark positiv sieht. Die Zuwanderung will die AfD auf Qualifizierte beschränken. Bei den Bundestagswahlen scheiterte die Partei knapp mit 4,7 Prozent am Einzug. Für die Europawahlen im Mai gilt jedoch nur eine Drei-Prozent-Hürde. In vielen AfD-Landesverbänden herrscht Streit, Lucke drückt deshalb mit harter Hand aus seiner Sicht akzeptables Personal durch.

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