https://www.faz.net/-gqe-7wcb4

Beerdigungen in Deutschland : Oma wollte es ja immer schlicht

Auch in der Wiese hinter dem Beet sind Urnen vergraben. Der Fachmann spricht von einem „Rasengrab“.

Wie groß das Interesse an einer Feuerbestattung ist, hat sich jüngst wieder in Dachsenhausen gezeigt, einem 1000-Seelen-Dorf in der Nähe von Koblenz. Dorthin hat das Rhein-Taunus-Krematorium zu einem Tag der offenen Tür geladen. Trotz des unerquicklichen Themas sind mehr als 300 Leute gekommen. Wer das Krematorium besichtigen will, muss zur Mittagszeit eine Stunde warten.

Eine Band vertreibt die Wartezeit. Sie spielt „It’s a bright sunshiny day“ und „It never rains in Southern California“. Für die Kinder ist eine große Hüpfburg aufgebaut. Für das irdische Wohl ist gesorgt. Das Hacksteak mit Brötchen kostet 5 Euro, eine Bratwurst mit Kartoffelsalat 3,50 Euro. 100 Meter weiter brennen die Öfen, doch davon ist nichts zu riechen. „Unsere Filtertechnik ist auf dem neusten Stand“, berichtet die Tochter des Besitzers. Sie lächelt dabei, Stolz liegt in der Stimme. „Ihr Kamin zu Hause bläst sicher deutlich mehr Schadstoffe in die Luft.“

„Zum Schluss brennt die Wirbelsäule durch“

Wenig später führt ihr Vater Karl-Heinz Könsgen eine weitere Gruppe durch die Anlage: „Hier werden die Särge angeliefert“, beginnt er und streckt den rechten Arm aus. Könsgen zeigt den Kühlraum, der „Platz für bis zu 250 Leichen bietet“. Schließlich bleibt er vor einem Ofen stehen. Der Geschäftsführer stellt sich neben das Wandposter „Ofen 1 Anlagenbild“. Daran erklärt Könsgen, wie ein Leichnam verbrannt wird. Wobei das auch schon falsch ist. „Genau genommen ist es eine Selbstverbrennung im heißen Raum unter Zugabe von Luft“, doziert er. „Zum Schluss brennt die Wirbelsäule durch.“

Auch der Rest seines Vortrags ist nichts für schwache Nerven. Die 32 Zuhörer erfahren, dass hagere Menschen deutlich schlechter brennen als Dicke, und dass „die Knochen später nicht gemahlen, sondern gequetscht“ werden. Keiner der Anwesenden verzieht eine Miene.

Viel bleibt nicht übrig

Die erste Frage der Zuhörer lautet: „Wie lange dauert das Ganze?“ Antwort: „Jeder Mensch hat seinen eigenen Rhythmus.“ Im Schnitt etwa 90 Minuten. Zum Schluss zeigt Könsgen einen Behälter, der die Asche eines kurz zuvor Verbrannten enthält. „Viel bleibt ja nicht übrig“, kommentiert ein älterer Mann. Könsgen nickt: „Nein.“

Übrig bleibt jedoch die Frage, wohin mit den sterblichen Überresten. „In den letzten Jahren ist es zu einer ,neuen Vielfalt‘ von Grabformen gekommen“, heißt es dazu in der Studie der Uni Bochum. Demnach wird nur noch jeder zweite Verstorbene (57 Prozent) in einem Grab beigesetzt, das sich die Familie bewusst ausgesucht hat. Jeder fünfte findet in einem Reihengrab seine letzte Ruhe. Das restliche Viertel der Verstorbenen endet in Grabstätten, die nahezu ohne Pflege auskommen. Ihre Asche wird auf anonymen Streufeldern verteilt oder ihre Urne kommt in eine Wand in einem Kolumbarium, also in einem Gedenkgebäude. Auch Bestattungen in der Natur, zum Beispiel in der Nähe eines Baumes, werden zunehmend gebucht. Möglich ist es zudem, die Asche des Verstorbenen in den Weltraum bringen zu lassen oder einen Teil davon zu einem Diamanten zu pressen. Angesichts der Kosten von mindestens 5000 Euro für einen Diamanten kommt es aber nur in Einzelfällen zum Erinnerungs-Schmuckstück. Und auch die Rakete, die meist noch viel teurer ist, bleibt so gut wie immer am Boden. Da zieht auch die absolute Pflegefreiheit nicht mehr.

Weitere Themen

Topmeldungen

Bei Twitter : Trump droht Iran

„Wenn der Iran kämpfen will, wird dies das offizielle Ende des Iran sein“, twitterte Trump am Sonntag. Nur wenige Stunden vor dem Tweet war im Regierungs- und Diplomatenviertel der irakischen Hauptstadt Bagdad eine Rakete eingeschlagen.

Kurz’ Zögern : Gefangen in der Ibiza-Falle

Lange wartete Österreichs Kanzler, bis er sich zum Video von FPÖ-Chef Strache äußerte. Dabei war ihm schnell klar, dass sein Vize nicht zu halten ist. Dessen Parteifreund Gudenus soll derweil weiter Kontakt zu der vermeintlichen Oligarchennichte gehalten haben.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.