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Teilnehmer an „Start Plus“ : „Ausbildung light“ als zweite Chance

  • -Aktualisiert am

Einsteiger: Ali Yakut (links) und Sascha Roth fanden ihren Ausbildungsplatz bei Sanofi über das „Start in den Beruf“ Bild: Etienne Lehnen

Schüler, die keinen Ausbildungsplatz finden, müssen nicht in der Arbeitslosigkeit landen. Das Programm „Start plus“ zum Beispiel gibt ihnen neue Chancen. Zwei Beispiele aus Frankfurt-Höchst.

          Ali Yakuts Lieblingsfach in der Schule war Chemie. Weil Chemie auch sein bestes Fach war, riet ihm sein Lehrer zu einer Ausbildung zum Chemikanten. 2011 bewarb er sich also um einen Ausbildungsplatz bei dem Pharmakonzern Sanofi im Industriepark Höchst. Er erhielt eine Absage. 2012 bewarb er sich abermals. Wieder gab es die Absage. Woran seine Bewerbungen scheiterten, weiß Yakut nicht. Erst 2013 führte sein Weg ihn über das Programm „Start Plus“ doch noch zu Sanofi.

          „Start Plus“ ist ein Programm des Frankfurter Ausbildungsunternehmens Provadis. Neun Monate lang werden Jugendliche, die nach eigenen Bemühungen keinen Ausbildungsplatz gefunden haben, auf eine Berufsausbildung vorbereitet. „Für uns spielt die Motivation der Jugendlichen die größte Rolle. Sie sollen uns zeigen, dass sie das wirklich wollen“, sagt Noemi Joan Stellbogen, die mit den Jugendlichen während der Zeit eng zusammenarbeitet. Wenn die jungen Leute durchhalten, garantiert ihnen Provadis den Erhalt eines Ausbildungsplatzes in einem der im Industriepark Höchst ansässigen Unternehmen.

          Schlechte Noten, Fehlzeiten

          Die Gründe für das Scheitern auf dem Arbeitsmarkt sind laut Stellbogen unterschiedlich: Schlechte Noten in den Hauptfächern, Fehltage und schlechtes Abschneiden bei den Einstellungstests seien die Hauptgründe. Sascha Roth zum Beispiel hatte beim Einstellungstest ein ganz gutes Gefühl. Auch er wollte nach dem Hauptschulabschluss eine Ausbildung zum Chemikanten machen. Doch sein Testergebnis war nicht gut genug. Er erhielt eine Absage. Dafür bot man ihm wie Yakut die Teilnahme bei „Start Plus“ an. „Dass ich keine Fehltage hatte, hat mich gerettet“, sagt der 21 Jahre alte Auszubildende heute.

          Das Programm beginnt jedes Jahr im September. In den ersten fünf Monaten erhalten die 17 Teilnehmer Einblicke in verschiedene Berufe. Einen Tag in der Woche werden in der Berufsschule Deutsch, Mathe und Naturwissenschaften unterrichtet, hinzu kommen Kompetenzseminare, die Stellbogen leitet. „In den ersten Monaten geht es hoch her“, sagt sie. Dinge, wie den richtigen Umgang mit seinem Vorgesetzten, könne man aber lernen. Die Jugendlichen müssten sich langsam an das Arbeitsleben gewöhnen.

          „Mit 14 andere Dinge im Kopf“

          Nach den ersten fünf Monaten entscheiden sich die Teilnehmer für einen der Berufe und beginnen in dem Betrieb, in dem sie später ihre Ausbildung machen, ein Praktikum. So war Yakuts Traum, Chemikant zu werden, plötzlich doch noch zum Greifen nah. „Die Jugendlichen geben richtig Gas, wenn sie merken, dass man sich für sie interessiert und sie nicht aufgibt“, sagt Stellbogen.

          Die Frage, ob sie bereuen, dass sie für die Schule nicht mehr getan hätten, bejahen Yakut und Roth einmütig. Ihre Eltern hätten ihnen immer wieder gesagt, dass sie lernen sollten. „Aber mit vierzehn Jahren hatte ich einfach andere Dinge im Kopf“, sagt Ali Yakut.

          Sascha Roth entschied sich für die Ausbildung zum Fachlageristen. Zu Beginn des Programms wies er zwar theoretische Defizite auf. Dafür konnte er mit seiner Zuverlässigkeit punkten. „Ich transportiere Paletten im Wert von 750.000 Euro. Wenn man sich nicht auf mich verlassen könnte, wäre die Hölle los.“ Sein Leben lang will er aber nicht Gabelstapler fahren. „Nach ein paar Jahren will ich mich weiterbilden. Vielleicht kann ich eines Tages als Industriekaufmann arbeiten. Das hier ist meine zweite Chance.“

          Insgesamt schließen 93 Prozent der Teilnehmer des Programms ihre Ausbildung erfolgreich ab. Durch die „Ausbildung light“ wüssten die Auszubildenden, worauf es ankäme, sagt Stellbogen.

          Nachdem Yakut zum zweiten Mal keinen Ausbildungsplatz bei Sanofi bekommen hatte, begann er eine Ausbildung zum Bauzeichner. Das machte ihm weder Spaß, noch war er darin besonders gut. Er brach die Ausbildung ab. Er wollte Chemikant werden, nichts anderes. Er sei sehr zielstrebig, lobt Stellbogen. Obwohl sich die Absagen stapelten, verlor er sein Ziel nicht aus den Augen. Als dann mit der „Ausbildung light“ die zweite Chance kam, griff er beherzt zu. Die Ausbildung zum Chemikanten kann er nun sogar verkürzen.

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