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Asylbewerber in Deutschland : Nutzlos in der neuen Welt

Aufstiegstraum: Von den Asylbewerbern, die noch im Sommer in Schwäbisch Gmünd Reisenden die Koffer trugen, ist zu hören, sie seien depressiv geworden, seitdem die Deutsche Bahn sie nicht mehr lässt Bild: dpa

Mehr und mehr Asylbewerber kommen nach Deutschland. Sie suchen Frieden, aber auch Wohlstand. Dafür müssten sie eigentlich arbeiten. Vielen fehlt es dafür an Bildung – und andere lässt man nicht.

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          Noch vor wenigen Wochen hat die Deutsche Bahn einige Asylbewerber die Koffer ihrer Reisenden tragen lassen. Eine Treppe hinauf, über die Bahngleise in Schwäbisch Gmünd hinweg und wieder herunter. Die Stadt und die Bahn zahlten ihnen dafür gemeinsam 1,05 Euro pro Stunde. Außerdem spendierte der Staatskonzern den Männern aus Afrika, Afghanistan und Pakistan rote T-Shirts mit der Aufschrift „Service“, Namensschilder und Strohhüte. Unfreiwillig zündete der Konzern so eine Bombe im PR-Fettnäpfchen. Die Presse prangerte den „Sklavenlohn“ an und wetterte: „Schwarz bedient Weiß“, die „taz“ vernahm gar „Grüße aus der Kolonialzeit“. Aufgeschreckt durch die Schlagzeilen, stampfte die Bahn das Projekt schon achtundvierzig Stunden nach seinem Start wieder ein: „Die konkreten Beschäftigungsbedingungen sind der Deutschen Bahn erst jetzt bekanntgeworden“, entschuldigte sie sich. Solche Arbeitsverhältnisse könne man nicht unterstützen.

          Christoph Schäfer
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und Finanzen Online.

          Die Eisenbrücke über die Gleise steht noch. Nun aber setzt die Bahn seit dem Rauswurf der Asylbewerber eigene Mitarbeiter fürs Kofferschleppen ein, die anständig nach Tarif bezahlt werden. Sie sollen so lange bleiben, bis der Bahnhof umgebaut und die Brücke wieder abmontiert ist. Ist nun alles in Ordnung?

          „Nein“, sagt Oberbürgermeister Richard Arnold von der CDU. „Ich bin traurig über die Entscheidung der Bahn.“ Auch die Asylbewerber seien sehr enttäuscht. „Niemand hat sie gefragt: Was wollt ihr denn? Uns hat das Herz geblutet, wir alle hätten das Projekt gern fortgeführt.“ Zur Wahrheit, findet Arnold, gehörten auch folgende Fakten: Alle neun Asylbewerber hatten sich freiwillig gemeldet und hätten ihre Arbeit jederzeit beenden dürfen. Die 1,05 Euro pro Stunde wurden nicht auf ihre Sozialbezüge angerechnet und waren das Maximum dessen, was Bahn und Gemeinde ihnen laut Asylbewerberleistungsgesetz zahlen durften. Dazu gab es Trinkgeld. „Selbst unsere sparsamen Schwaben haben sich nicht lumpen lassen“, berichtet der Oberbürgermeister. Unter dem Strich habe sich das Kofferschleppen für die Flüchtlinge gelohnt. Jetzt sind sie arbeitslos. „Das macht sie kaputt, das macht sie depressiv“, sagt Arnold. Und die hellhäutigen Bahn-Mitarbeiter ohne Strohhut, die nun zum Tariflohn Koffer schleppen, „sehen alles andere als glücklich aus“.

          Patrick war es acht Jahre lang verboten zu arbeiten

          Das Beispiel legt den Finger in eine Wunde. In keinem anderen Land der Europäischen Union beantragen mehr Menschen Asyl als in Deutschland. Von Januar bis September hat sich die Zahl der Erstanträge im Vergleich zum Vorjahr auf 75.000 verdoppelt. Ihre Lebensgeschichten sind unendlich vielseitig, aber sie alle – ob Akademiker oder Analphabet – träumen auch von Aufstieg und Wohlstand in einem relativ reichen Land. Und scheitern meist kläglich beim Versuch, Arbeit zu finden. Dabei gibt es davon genug.

          Steve Patrick zum Beispiel kämpft seit einundzwanzig Jahren eine Schlacht, die nur Verlierer kennt. Auf der einen Seite steht Patrick, einundsechzig Jahre alt. Auf der anderen die Ausländerbehörde. Patrick lebt seit 1992 in Deutschland, spricht aber immer noch kaum Deutsch. Englisch etwas besser, aber nicht gut. Wer sich mit ihm unterhält, versteht gerade so, was er sagen möchte. Aus welchem Land Patrick stammt, lässt sich nicht sagen. Seine Mutter starb, als er ein Baby war. „Mein Vater sagte mir, sie kam aus Nigeria.“ Der Vater ist mittlerweile auch tot. „Er war aus Liberia“, sagt Patrick. Welche Nationalität er selbst hat, will oder kann Patrick nicht sagen: „Es gibt keine Beweise.“

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