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Arbeitsschutz : Mit vereinten Kräften gegen den Burn Out

Bis hierher und nicht weiter: Beim Arbeitsschutz haben vor allem kleinere Unternehmen in Deutschland Nachholbedarf Bild: Irl, Maria

Bund, Länder und Unfallversicherung kämpfen für einen besseren Arbeitsschutz. Jährlich gibt es durch Arbeitsunfähigkeitstage Produktionsausfälle von 39 Milliarden Euro.

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          Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) will Arbeitnehmer besser vor psychischen Belastungen am Arbeitsplatz bewahren. Im Kampf um einen besseren Arbeitsschutz setzt sie vorerst auf einen Bewusstseinswandel in den Unternehmen, nicht auf schärfere Gesetze. Im koalitionsinternen Wettbewerb hat sich auch Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) zu Wort gemeldet: Er will den Ausbau der Prävention in den Betrieben vorantreiben.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Die schrittweise Heraufsetzung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre und der wachsende Fachkräftemangel verstärken den Druck auf die Betriebe, sich mehr um die Gesundheit der Beschäftigten zu kümmern. Arbeitsschutz und Gesundheitsförderung besser zu verzahnen ist ein Kernziel der Demographie-Strategie der Bundesregierung. Das Kabinett soll das unter Federführung von Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) entstandene Konzept nächsten Mittwoch beschließen.

          Produktionsausfälle von 39 Milliarden Euro

          Gerade in kleinen und mittleren Unternehmen ist das Vorurteil, Arbeitsschutz koste viel und bringe wenig, immer noch weit verbreitet. Seine Bedeutung für die Wettbewerbsfähigkeit wird unterschätzt. Dabei belasten Berufskrankheiten den Arbeitnehmer - und den Arbeitgeber, denn ohne gesunde und zufriedene Mitarbeiter sinkt seine Produktivität. Allein im Jahr 2010 führten die Erkrankungen der Beschäftigten nach Angaben des Arbeitsministeriums zu einem Produktionsausfall von rund 39 Milliarden Euro und einem Ausfall an Bruttowertschöpfung von 68 Milliarden Euro. Stark zugenommen haben psychische Erkrankungen.

          Nach einer Umfrage der „Gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie“ (GDA), in der Bund, Länder und gesetzliche Unfallversicherung sowie Arbeitgeber und Gewerkschaften seit vier Jahren mit vereinten Kräften für mehr Arbeitsschutz kämpfen, meint dennoch nur die Hälfte der Verantwortlichen in den Betrieben mit bis zu 49 Beschäftigten, dass Arbeitschutz helfe, die Kosten zu senken.

          Doch Arbeitsschutz und Prävention zahlen sich offenbar aus: Nach einer Studie der Internationalen Vereinigung für Soziale Sicherheit (IVSS) bringen sie dem Unternehmen etwa das Doppelte des finanziellen Einsatzes als Gewinn zurück. Gerade kleine und mittlere Unternehmen sollten deshalb mehr maßgeschneiderte Hilfen bekommen, wie sie ihren Arbeitsschutz verbessern können. Oft fehlen Kenntnisse; etwa die Hälfte der Betriebe versäumt sogar, die gesetzlich geforderte „Gefährdungsbeurteilung“ zu erstellen.

          Die Arbeitswelt ändert sich, der Arbeitsschutz auch

          Dabei sollen sie künftig nicht nur die technischen, sondern auch psychische Gefährdungen stärker berücksichtigen. In den Ohren vieler Chefs heißt „Arbeitsschutz“ bisher vor allem: Beschäftigte dürfen keine zu schweren Lasten heben und müssen vor übermäßigem Lärm geschützt werden. Doch mit der Arbeitswelt - mit Globalisierung, Flexibilisierung und Digitalisierung - haben sich auch die Anforderungen an den Arbeitsschutz gewandelt. Psychische Erkrankungen sind in den Vordergrund getreten - neben klassischen Muskel- und Skeletterkrankungen. In einer Aufstellung des Arbeitsministeriums heißt es, 2010 seien 53,5 Millionen Krankheitstage gezählt worden, die auf psychische Störungen zurückgingen - 80 Prozent mehr als 1997.

          Die Ursachen sind weit gefächert: Sie reichen vom Umgang mit schwierigen Kunden, Patienten oder Schülern über wachsenden Zeitdruck bis zu fehlenden Führungsqualitäten des Vorgesetzten. Nach Angaben des Deutschen Gewerkschaftsbundes haben sich die Fälle der Arbeitsunfähigkeit wegen „Burnout“ in den letzten sieben Jahren verneunfacht. Immer mehr Menschen gehen deswegen vorzeitig in Rente: 2010 waren 39,3 Prozent der Neuzugänge bei der Erwerbsminderungsrente psychisch begründet (ohne Sucht und Psychosen). Die Neurentner sind im Schnitt 48 Jahre alt.

          In der Gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie setzt das Arbeitsministerium auf Verbesserungen durch nichtverbindliche Leitlinien zum Umgang mit psychischen Belastungen. Dazu soll die Bundesanstalt für Arbeitsschutz bis Sommer 2013 ein Handbuch mit erprobten Instrumente erstellen. Auch Gewerkschaften und Arbeitgeber setzen auf Freiwilligkeit: Gesundheitsförderung darf weder für Arbeitnehmer noch für Unternehmen zur Pflicht werden.

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