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Arbeitgeberpräsidentskandidat Ingo Kramer : Chancenstifter mit Polarerfahrung

Ingo Kramer Bild: obs

Ingo Kramer, Favorit für das Amt des Arbeitgeberpräsidenten, ist hanseatisch-dezent und gleichzeitig hart in der Sache. Themen wie Bildung und Chancengleichheit sind ihm wichtig.

          3 Min.

          Ein selbstgearbeiteter Kompass sagte mehr als all die Worte. Ein Auszubildender hatte ihn Ingo Kramer während der Feier anlässlich Kramers sechzigsten Geburtstags zu Beginn des Jahres in einem Hamburger Hotel überreicht. Als Symbol für den richtigen Weg, auf den der junge Mann gefunden hat. Denn der Spätaussiedler hat die „Nordchance“ ergriffen und trotz fehlender schulischer Zeugnisse eine Ausbildung beim Gabelstaplerhersteller Still beginnen können. Für Kramer, sichtlich gerührt, war das die beste Bestätigung für jahrelanges Engagement.

          Sven Astheimer
          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.
          Dietrich Creutzburg
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Bildung und Chancengerechtigkeit liegen dem Unternehmer aus Bremerhaven am Herzen, ob als Präsident des Arbeitgeberverbandes Nordmetall, als Vorstandsvorsitzender der Stiftung der Deutschen Wirtschaft oder in anderen Ehrenämtern. Wenn Kramer wie geplant im November auf Dieter Hundt an der Spitze der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) nachfolgt, wird davon auch im neuen Amt zu hören sein. Die Weichen für den Aufstieg an die Spitze des Dachverbands sind jedenfalls gestellt.

          Ein anderer Typ

          Natürlich kann der Wirtschaftsingenieur und einstige FDP-Lokalpolitiker den philosophischen Bogen zum Bildungsthema spannen, kennt dazu die Thesen von Nobelpreisträger Amartya Sen und den Gerechtigkeitsbegriff nach John Rawls. Doch am liebsten mag er es konkret: Wie bekommt man Jugendliche dazu, ihr Potential zu entfalten, und das am besten in einer dualen Ausbildung? Diese Frage beschäftigt Kramer, weil er mit unternehmerischem Weitblick sieht, dass der wahre Fachkräftemangel in Deutschland wohl weniger im Bereich der Ingenieure als der Facharbeiter droht. Deshalb hat er 2008 gemeinsam mit Betrieben, Bildungsträgern und Berufsschulen das Projekt „Nordchance“ aus der Taufe gehoben, das die Fähigkeiten von jungen Geringqualifizierten entwickelt.

          Nach außen verkörpert Kramer ganz den hanseatischen Kaufmann - dezent und elegant im Auftritt wie in der Wortwahl. Er ist ein ganz anderer Typus als der amtierende Arbeitgeberpräsident aus dem Schwäbischen oder der zeitweilig als Nachfolgekandidat gehandelte Sauerländer Arndt G. Kirchhoff. Eine von Kramers künftigen Aufgaben mit erhöhtem Schwierigkeitsgrad wird es sein, den Positionen der Arbeitgeberverbände in Politik und Talkshows wieder mehr Gehör zu verschaffen. In den Fernsehrunden waren in jüngerer Zeit eher andere Unternehmer Dauergast, etwa Wolfgang Grupp von der Textilfirma Trigema oder Dirk Roßmann, Gründer der Drogeriekette - die beide ein recht distanziertes Verhältnis zu Tarifverträgen haben. Die vornehme Art ist bei Kramer keinesfalls mit Harmoniesucht zu verwechseln. Hinter den Kulissen kann er hart in der Sache sein, wie Martin Kannegiesser, langjähriger Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, sich schmunzelnd an die Zeit seines Schatzmeisters Kramer erinnert.

          Auch die IG Metall kennt Kramers Beharrlichkeit aus vielen Tarifrunden. „Wir haben ihn als Verhandlungsführer kennengelernt, der zu Tarifverträgen und der Sozialpartnerschaft steht“, sagt Bezirksleiter Meinhard Geiken. „Kritisch sehen wir, dass auch während seiner Zeit der Ausbau des Verbandes für Betriebe ohne Tarifbindung vorangetrieben wurde“, benennt Geiken die Reibungsflächen.

          In anderen Ämtern hat Kramer ebenfalls eine gewisse Kompromisslosigkeit an den Tag gelegt. So gelang es ihm 2007, aus drei regionalen Metallarbeitgeberverbänden einen einzigen zu schmieden. Kramer heimst heute Lob für die Fusion ein. Unter den Mitgliedern zwischen Emden und Stralsund habe sich rasch ein Wir-Gefühl eingestellt, heißt es aus Verbandskreisen. Dasselbe Kunststück hat er sich noch einmal zum Ziel gesetzt. Zu seiner Wiederwahl als Präsident der Industrie- und Handelskammer Bremerhaven trat er mit dem Ziel an, die Verschmelzung mit der Handelskammer Bremen durchzusetzen - wer das nicht wolle, solle ihn nicht wählen. Kramer wurde gewählt.

          Die Fähigkeit, Menschen auf den Weg zu seinen Zielen mitzunehmen, hat sich Kramer als Arbeitgeber angeeignet. In dritter Generation führt er die J. Heinr. Kramer Gruppe in Bremerhaven. Seine Betriebsräte bescheinigen ihm einen fairen Umgang mit dem Personal. Sein Unternehmen stellt mit rund 260 Mitarbeitern Großanlagen etwa für Offshore-Windkraft her. Dass der Vater von vier Kindern dabei eine fast pedantische Detailverliebtheit an den Tag legen kann, bewies er vor sechs Jahren mit einer Reise zum Südpol. Dort stand die Forschungsstation „Neumayer II“ der Alfred-Wegener-Gesellschaft, gebaut von der Kramer-Gruppe. Zur Vorbereitung des Folgeauftrags sprach Kramer persönlich mit den Forschern vor Ort - um sich Verbesserungsmöglichkeiten für die nächste Polarstation erklären zu lassen.

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