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Angela Merkel : Traumfrau

Bundeskanzlerin Angela Merkel Bild: Helmut Fricke

Alte Freunde nennen Angela Merkel Traumtänzerin – weil sie ein Herz für Flüchtlinge hat. Alte Feinde fallen ihr heute um den Hals. Beide Gruppen werden der Kanzlerin immer fremder.

          6 Min.

          Neuerdings redet die Kanzlerin über Gefühle. Als Angela Merkel am vergangenen Montag in Darmstadt mit CDU-Funktionären über ihre Flüchtlingspolitik stritt, erzählte sie von einem britischen Fernsehspiel. „1990 gab es einen Film: Der Marsch“, sagte sie. „In diesen Tagen habe ich an diesen Film oft gedacht.“ Es geht darin um Klimaflüchtlinge aus Afrika, die das Mittelmeer überqueren und in Spanien von schwerbewaffneten Soldaten in Empfang genommen werden. Merkel findet den Film gut. Es gibt Leute, die den Film ziemlich kitschig fanden.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Gegner ihrer Flüchtlingspolitik werfen Merkel genau das vor: Die Bundeskanzlerin sei über Nacht zur romantischen Träumerin geworden. Aus Gefühlsduselei und humanitärem Überschwang führe sie das Land an den Rand des Abgrunds, in eine Lage, die es auch finanziell überfordere. Ihre Beliebtheitswerte sinken. Fast sind sie schon so niedrig wie vor ein paar Jahren, als sie wegen ihrer Euro-Politik im Feuer stand, oder nach dem ersten Jahr ihrer Kanzlerschaft, als sie wie eine Regierungschefin ohne Mission erschien.

          Andererseits hat Merkel neue Freunde. Anders als bei manchen Konservativen erzeugte Merkel im linken Spektrum zwar niemals großen Hass. Aber seit der Flüchtlingskrise gewinnt die Zuneigung eine neue Dimension. Manche Grünen-Politiker äußern schon Liebesbekenntnisse. Daneben gibt es Leute, denen einfach der Habitus gefällt: Nun zeigt die Frau endlich Haltung. Für viele ist sie, nach zehn Jahren im Amt, die Traumfrau. Auch der britische „Economist“ jubelte ihr in der vergangenen Woche zu.

          Merkel zeigt nicht nur Emotionen, Merkel weckt auch Emotionen. In einem sind sich die meisten Leute einig: Sie finden, dass sich Angela Merkel fundamental verändert hat. Die Frau, die ihr „Wir schaffen das“ aussprach und die Flüchtlinge aus Ungarn ins Land ließ, die auf einmal so klar und gerade in der Talkshow sitzt: Sie erkannten sie kaum wieder.

          „Dann ist das nicht mehr mein Land“

          Aber stimmt das? Hat sich die Kanzlerin so grundlegend verändert? Oder sind es eher die Umstände, die ihre Person in neuem Licht erscheinen lassen? „Sie werden mich so kennenlernen, wie ich bin“, antwortete sie einmal nach einer Wahl auf die Frage, ob es eine neue Angela Merkel geben werde.

          Der Schlüssel zu einer Antwort ist ein sehr persönlicher Satz, der persönlichste im Verlauf der Flüchtlingskrise und vielleicht ihrer ganzen Amtszeit. „Ich muss ganz ehrlich sagen: Wenn wir jetzt noch anfangen müssen, uns dafür zu entschuldigen, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land“, sagte sie im September. „Dann ist das nicht mehr mein Land“: Damit deutete sie die Möglichkeit an, dass sie dem Volk ihr Vertrauen auch entziehen könnte.

          Es war das erste Mal, dass Merkel ihr Misstrauen gegenüber den Deutschen so offen zum Ausdruck brachte. Bislang behielt sie es lieber für sich, dass sie über entscheidende Themen ganz anders dachte als die Mehrheit des Volkes, bei dem sie über weite Strecken ihrer Amtszeit so populär war. Doch in der Flüchtlingskrise kamen nun alle Themen zusammen, die ihre Distanz zur deutschen Mehrheitsstimmung begründen. Ängstlich, hysterisch, verwöhnt, bisweilen geschichtsvergessen: Das sind Attribute, die sich für die Kanzlerin mit dem von ihr regierten Volk durchaus verbinden.

          Auf wirtschaftspolitische Reformen im Innern verzichtet

          Einen kleinen Spalt öffnete sie den Vorhang schon vor drei Jahren, als das ganze Land erregt über ein Verbot der Beschneidung debattierte. Merkel fand schon den Gedanken daran bizarr. „Wir machen uns ja sonst zur Komikernation“, sagte sie damals im CDU-Vorstand. Die Sorge um die männliche Vorhaut widersprach aus ihrer Sicht einer pragmatischen Alltagsvernunft im Zusammenleben der Religionen und Weltanschauungen. Sie schien ihr der Mentalität überempfindlicher Westdeutscher zu entspringen, die sich vor allem und jedem ängstigen – vor allem, wenn es die meisten von ihnen gar nicht selbst betrifft. Schließlich sah sie, da es auch um Juden ging, die deutsche Staatsräson berührt.

          In der Flüchtlingsfrage verwirrte die Kanzlerin zuletzt auch ihre eigenen Parteianhänger.

          Die geringe Veränderungsbereitschaft gerade der Westdeutschen zählte für Merkel, deren Welt sich 1989 komplett verändert hatte, zu den prägenden Erfahrungen als Politikerin. Sie erlebt sie als Frauenministerin in der Debatte ums Abtreibungsrecht, sie war als Umweltministerin mit den Atom-Ängsten konfrontiert – und sie musste als Kanzlerkandidatin 2005 schmerzhaft lernen, dass sie mit einem radikalen Reformprogramm den sicher geglaubten Wahlsieg beinahe verspielte.

          Der verbreitete Glaube, in der alten Bundesrepublik oder gar in der DDR sei alles besser und behaglicher gewesen, blieb ihr fremd. Trotzdem gab Merkel solchen Stimmungen lange nach. Sie hat auf wirtschaftspolitischen Reformen im Innern verzichtet, sie hat die von Rot-Grün begonnenen Militäreinsätze nicht fortgeführt, sie hat der deutschen Angst vor dem Atom nachgegeben. Die Deutschen wussten es zu schätzen.

          Verbindung von Außen- und Innenpolitik

          Die Flüchtlingskrise markiert den Endpunkt dieser Entwicklung: Merkel hält ihrem Volk die Welt nicht mehr vom Leibe. Lange war sie gerade dafür populär, dass sie sich um alle weltpolitischen Probleme kümmerte und dem heimischen Wahlvolk jede Konfrontation mit der Weltlage ersparte. In der Finanzkrise erklärte sie die Spareinlagen für sicher – die Deutschen waren beruhigt. Als der Euro wackelte, wollten die Leute für die Krisenländer nichts bezahlen, aber ihre Währung behalten – Merkel fand eine Formel, die beides vereinte. Im Konflikt um die Ukraine ängstigten sich die Deutschen vor einem neuen Krieg – die Kanzlerin flog zu Putin und rettete den Frieden.

          Jetzt geht es aus Sicht der Kanzlerin nicht mehr. Die Deutschen waren skeptisch gegenüber einem stärkeren Engagement in Syrien, der Annäherung der Türkei an die EU, selbst gegen finanzielle Hilfen für Krisenregionen sprachen sie sich aus. Jetzt wundern sich die Leute, wenn Flüchtlinge kommen – so, wie sie sich über steigende Strompreise beschwerten, als Merkel ihnen den Wunsch nach der Atomwende erfüllte. „Wenn wir außenpolitisch etwas nicht tun, dann kann das innenpolitisch gravierende Folgen haben“: Das hält sie ihrem Volk jetzt vor. In der Euro-Krise zeigte sie Verständnis für arme Osteuropäer, die nicht für reiche Griechen zahlen wollten. Jetzt zählt sie auf, dass andere Länder im Verhältnis viel mehr Flüchtlinge aufnehmen als wir: Jordanien oder der Libanon zum Beispiel, aber lange Zeit auch Griechenland oder Italien.

          Grundüberzeugung: Mauer und Stacheldraht nicht zu bauen

          Schon lange klafft ein Abgrund zwischen der Behaglichkeit im Volk und dem Bewusstsein der politischen Entscheidungsträger. Sie leben spätestens seit der Banken-, der Euro- und der Ukraine-Krise in dem Bewusstsein, dass ein falscher Schritt die vertraute Welt in den Untergang reißen kann. Die Ruhe der Deutschen war ein Faktor der Stabilität, aber er war auch Anlass zur Sorge. Die Flüchtlingskrise hat den Vorhang zur Welt nun aufgezogen. Dass Merkel am Montag sogar vor militärischen Konflikten auf dem Balkan warnte, ist Bestandteil der neuen Schocktherapie.

          Und es ging ja nicht um irgendeine Grenze, auch das zählt aus Merkels Sicht zur Geschichtsvergessenheit der Deutschen. Hätte Angela Merkel am 4. September 2015 die syrischen Flüchtlinge aus Budapest nicht in die Bundesrepublik gelassen, dann wäre ein Grenzzaun exakt dort errichtet worden, wo der ungarische Außenminister Gyula Horn im Juni 1989 den Stacheldraht zerschnitt und der DDR den Todesstoß versetzte. Dieses Datum aber war der glückliche Wendepunkt in Merkels Biographie. „Mit vielem habe ich gerechnet, aber nicht mit dem Geschenk der Freiheit vor meinem Rentenalter“, sagte sie in ihrer ersten Regierungserklärung als Kanzlerin. Mauer und Stacheldraht nicht zu bauen, das zählt zu ihren Grundüberzeugungen. Und eine neue Grenze hätte weitere nach sich gezogen, davon ist Merkel überzeugt: Alles Bemühen um Europas Zusammenhalt wäre vergebens gewesen.

          Tausende AfD-Anhänger demonstrierten am Samstag in Berlin und forderten Merkels Rücktritt.

          Immer schon der Blick von außen

          Merkels Misstrauen gegenüber dem eigenen Land macht sich schließlich an allem fest, was mit Rechtsradikalismus, Antisemitismus, Nationalismus zu tun hat. Schon als DDR-Bürgerin bewunderte sie Richard von Weizsäckers Rede zur Befreiung vom Nationalsozialismus. Beim Ausschluss des Abgeordneten Martin Hohmann hatte sie noch gezögert. Den deutschen Papst tadelte sie dann sehr forsch für seine Nachsicht gegenüber Antisemiten, und vorigen Winter warnte sie – „Hass im Herzen“ – vor Pegida. So war es auch im Spätsommer. Der rechtsradikale Mob hatte gerade im sächsischen Heidenau gewütet, als Merkel ihre Entscheidung in der Flüchtlingsfrage traf. Eine Grenzschließung zu diesem Zeitpunkt hätte im In- und Ausland ausgesehen wie ein Zurückweichen vor den Gewalttätern.

          Merkels Sicht auf die Bundesrepublik war schon immer der Blick von außen, der Dazugekommenen, der Migrantin im eigenen Land. Was vielen ihrer Kollegen selbstverständlich schien, registrierte sie mit distanziertem Interesse. Das war ein Vorteil für ihren Aufstieg in der Politik. Während ihrer langen Amtszeit kam die weltpolitische Dimension hinzu. Noch mehr als vorher blickt sie deshalb von außen auf das Land. Noch nie stand die Bundesrepublik seit der Wiedervereinigung so sehr im Fokus der Weltpolitik wie heute. Im Jahr 2014 telefonierte der amerikanische Präsident so oft mit Merkel wie mit keinem anderen Regierungschef auf der Welt, sechsmal häufiger als mit dem Kollegen in Peking.

          Das ist die Dimension, in der Merkel inzwischen denkt. Auf die Empfindlichkeiten jener Deutschen, die ihr Land gerne wie eine neutrale Schweiz im Großformat betrachten, glaubt sie keine Rücksicht mehr nehmen zu können. Deshalb hat die Traumfrau ihren Wählern nun die Vertrauensfrage gestellt - und offen gezeigt, wie sie schon lange denkt.

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