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Amerikaner und ihr Spleen : Wow, wau

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Bis dass der Tod uns scheidet: Einmal im Monat dürfen die Vierbeiner mit in Amerikas katholische Kirchen. Dort erfahren sie den Segen des Heiligen Franziskus. Bild: Reuters

Früher musste ein Hund bellen und beißen. Heute soll er uns glücklich machen und Heimat sein. In Amerika ist das weit fortgeschritten. Über die letzte große Liebe.

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          Katie war sieben Monate mit einem Mann zusammen, der diese eine Unart hatte. Er gab ihrem treuen Hund Bella Befehle. „Ich weiß nicht, was das soll. Er ist ein gut erzogener Hund.“ Wie sie den Satz sagt, spürt man die alte Wut. Gelegentlich beharrte der Mann sogar darauf, ihren Hund an der Leine zu führen. „Das konnte ich nicht ertragen“, sagt Katie. „Ich weiß nicht, vielleicht war es Eifersucht.“ Katie traf eine Entscheidung. Die Beziehung ging zu Ende.

          Katie zog mit Bella weiter von Connecticut nach Virginia, nicht weit von Washington, und arbeitet in der Hauptstadt seit ein paar Wochen als Tagesmutter, wie schon in den letzten sechzehn Jahren. Lieber aber hätte Katie als Hundeausführerin Fuß gefasst, anstatt Kinder zu betreuen. Doch sie stieß auf scharfe Konkurrenz im Dog-walking-Gewerbe. Die ambitionierten Doppelverdiener Washingtons lassen ihre Hunde für 18 Dollar die Stunde ausführen. Sie wollen, dass es den Tieren gutgeht, auch wenn sie selbst keine Zeit finden, mit ihnen durch die Parks zu joggen.

          Trend geht bei Hunden zur Vermenschlichung

          Ja, es ist Liebe. Kein Volk schenkt seinen Hunden mehr Zuwendung als die Amerikaner. Sie verschaffen damit ungewöhnlichen Dienstleistern ein Auskommen. Zur Geburtshilfe kommt die Hebamme, zur Aufzucht ein Trainer. Die Cupcakes zum Hundegeburtstag voller Zutaten aus biologischem Anbau liefert ein hochspezialisierter Bäcker. Geteilt wird der Kuchen mit befreundeten Hunden zum Spielenachmittag. Auch Hochzeiten werden gelegentlich mit großem Bohei begangen, organisiert von erfahrenen Eventmanagern.

          Der Trend heißt Vermenschlichung, schreiben die Marktforscher von Euromonitor, und er sei voller Chancen für Unternehmer. Hunde gehen zum Trainer, zur Hunde-Krippe (vierzig Dollar am Tag, vierhundert Dollar im Monat), zum Friseur, zum Masseur, zur Nagelpflege, ins Badehaus und gelegentlich in Boutiquen. Sie haben ihr eigenes Bier und ihr eigenes Facebook: „My social petwork“ heißt es. Und am ersten Wochenende im Oktober besuchen Hunde in ganz Amerika den Gottesdienst. Dann werden sie im Gedenken an Franz von Assisi gesegnet. Im Stillen beten die Hundebesitzer, dass ihre Gefährten länger leben als sie selbst.

          Die nackten Zahlen allein verraten die besondere Liebesbeziehung der Amerikaner. Kein Land hat mehr Hunde, weder in absoluten Zahlen noch pro Einwohner. In vierzig Prozent der amerikanischen Haushalte lebt mindestens ein Hund, melden die Marktforscher von Euromonitor. Das addiert sich zu sage und schreibe siebzig Millionen auf. In Deutschland leistet sich gerade jeder fünfte Haushalt einen Hund (acht Millionen). Wenn Geld ein Maßstab der Zuwendung ist, dann haben Amerikaner ihre Hunde fünfmal so gerne wie die Deutschen. Sie geben rund fünfmal so viel Geld für sie aus und sponsern damit ein buntes Gewerbe rund um das tierische Wohlergehen. Selbst nach der Lehman-Pleite litt diese Branche weniger als viele andere, die Zahl der Hunde ist seitdem in den Vereinigten Staaten um rund zehn Millionen gestiegen.

          Behörden müssen Evakuierungspläne für Haustiere bereithalten

          Verwundern muss das niemanden: Für zwei Drittel der amerikanischen Hundebesitzer sind die Vierbeiner Familie, ergibt eine Umfrage einer amerikanischen Tierärzte-Vereinigung. An ihren Familienmitgliedern aber sparen die Amerikaner zuletzt. Und Familienmitglieder lässt man in der Not nicht im Stich. Wenn es noch eines Liebesbeweises bedurft hätte, dann hat ihn der Wirbelsturm Katrina im Jahr 2005 geliefert. Als der Sturm New Orleans die große Flut brachte, weigerten sich Bürger, ohne ihre Haustiere gerettet zu werden. Die ergreifende Geschichte des Hundes Snowball machte die Runde. Ein Junge, der in einem Bus zum Sammelpunkt der Flutflüchtlinge gebracht werden sollte, wurde von einem Nationalgardist gezwungen, seinen kleinen weißen Hund zurückzulassen. Der Schutzmann hielt sich an die Regeln, der Junge rief verzweifelt nach dem Hund, eine AP-Reporterin fing die Szene ein. Ganz Amerika war tief ergriffen.

          In der Folge erließ das Repräsentantenhaus 2006 ein Gesetz, das die zuständigen Behörden zwingt, im Fall von Naturkatastrophen auch Evakuierungspläne für Haustiere vorzusehen. Die Autoren des Gesetzes berichteten, dass der kleine süße Snowball der eigentliche Vater des Gesetzes war. Die Gegner des Gesetzes brachten vor, nun müssten in Notfällen knappe Ressourcen zur Rettung von Haustieren verwendet werden, die Menschen nicht zur Verfügung stünden. Doch sie wurden von einer großen überparteilichen Mehrheit niedergestimmt. Snowball gelang etwas Seltenes. Er versöhnte für einen Moment die Parteien in Washington.

          Mensch und Hund auf einer Parade am Unabhängigkeitstag in Washington

          Hund und Mensch sind seit mehreren zehntausend Jahren zusammen. So viel ist zumindest sicher. Keiner weiß allerdings, wann und wo Wölfe zu Hunden wurden und mit Menschen zusammengekommen sind. Aber der Konsens der Evolutionsbiologie besagt, dass die Hunde den ersten Schritt gemacht haben, um die Beziehung anzubahnen. Es hat sich für sie gelohnt. Seither hat sich das Verhältnis als außergewöhnlich gedeihlich herausgestellt, für beide Seiten. Hunde schlugen Alarm bei Gefahr, fanden Spuren, dienten als Jagdgefährten und als Spielkameraden der Kinder, und außerdem entsorgten sie die Reste der Mahlzeiten. Dafür bekamen sie von den Menschen Essen und Schutz. „Menschen haben Hunde domestiziert, und Hunde haben Menschen domestiziert“, sagt der australische Biologe Colin Groves.

          Hunde als Mittel gegen mobilitätsbedingte Einsamkeit

          Nur: Amerikas Hunde von heute müssen in der Regel nicht mehr jagen, Fährten nachspüren oder Alarm geben. Ihr Anforderungsprofil hat sich verändert. Heute müssen sie sich vor allem wie blöde freuen, wenn Frauchen und Herrchen heimkommen, ferner müssen sie sich knuddeln lassen, sie müssen spazieren gehen und dabei ihren Jagdinstinkt zügeln, und sie müssen generell nett zu den Menschen und Tieren sein, zu denen Frauchen und Herrchen auch nett sind. Die Historikerin und Autorin des Buches „Haustiere in Amerika“, Katherine Grier, sagt, die Bindung begann sich vor fünfzig Jahren zu verändern von einer funktionalen zu einer emotionalen. Der Hund, der früher draußen in einer eigenen Hütte Schutz fand, wurde ins Haus gelassen. Erst in den Flur, danach ins Wohnzimmer und schließlich ins Schlafzimmer. Amerikas Sonderstellung in Sachen Hundeliebe hängt zum einen mit dem Wirtschaftswunder zusammen. Die Amerikaner strebten in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts dem Wohlstand entgegen. Sie hatten Grier zufolge das nötige Geld und ohnehin genügend Platz in diesem geräumigen Land. Zudem sind viele amerikanische Eltern von der Idee beseelt, dass ihren Kindern das Aufwachsen mit Hunden guttut: Die Sprösslinge lernen, so die Vorstellung, Verantwortung zu tragen und Mitgeschöpfe zu respektieren.

          Doch entscheidend für die besondere amerikanische Hundeliebe ist zum Zweiten und vermutlich wesentlicher etwas anderes. Amerikaner sind besonders mobil, sie lassen für den beruflichen Aufstieg Familie, Freunde und Nachbarn leichter hinter sich. Der Durchschnittsamerikaner wechselt elfmal im Leben seinen Wohnsitz. In der letzten Dekade sind nach dem Bericht der Weltbank dreimal so viele Amerikaner für ein besseres Leben umgezogen wie Europäer. Eine Folge ist, dass sich die Weggezogenen, aber auch die Zurückgelassenen, etwas allein fühlen. Die beste Medizin gegen Einsamkeit ist ein Hund.

          Sogar Zivilisationskrankheiten bilden sie aus

          Bella ist Katies Medizin. Einmal hat die Frau versucht, aus persönlichen Gründen in der Schweiz Arbeit und Wohnung zu finden. Doch kein Vermieter habe ihr einen Hund erlaubt. Dann ist sie nach Amerika zurückgekehrt. Die Zweiundvierzigjährige ist mit dem Thema Dating erst einmal durch, verrät sie. Die Frau zieht jetzt weiter nach Key West in Florida zu einem alten Ehepaar, um es zu betreuen. Die Leute freuen sich, dass Katies Bella mit einzieht. Sie haben schließlich selbst Hunde im Haus.

          Die symbiotischen Beziehungen haben nicht nur positive Folgen für die Gesundheit der Tiere. Sie leiden zunehmend an den gleichen modernen Zivilisationskrankheiten wie ihre Besitzer. Die Tierärzte diagnostizieren Fettleibigkeit, Diabetes, Herz- und Nierenprobleme, Krebs, Stress, und gelegentlich zeigen sie Burnout-Symptome, berichtet zumindest Euromonitor.

          Wenn Familienmitglieder krank werden, dann sollen sie die beste medizinische Versorgung bekommen. In den Vereinigten Staaten hat sich eine tierärztliche Versorgung entwickelt, die ihresgleichen sucht. Börsennotierte Tierhospitalketten mit sechshundert Hospitälern wie VCA (Börsenkurs in fünf Jahren verdreifacht) teilen sich den Markt mit Familienunternehmern wie Peter Glassman, dem Chef und Eigentümer der Tierklinik Friendship Hospital for Animals in Washington.

          Mit dem Hund zur Chemo-Therapie

          Die Klinik ist gerade renoviert worden. Glassman präsentiert sie mit einigem Stolz. Was dem laienhaften Besucher auffällt, ist die technische Ausstattung. Die modernen bildgebenden Diagnoseverfahren kann Glassmans Privatklinik anbieten: ein digitales Röntgengerät, ein hochpräzises Ultraschallgerät, das beispielsweise die Effektivität der Herzschläge aufzeichnet. Und schließlich ein Gerät für Magnetresonanztomographie und ein Gerät für Computertomographie stehen den Ärzten zur Verfügung. Zum Ärzteteam, das fünfzig Tierärzte umfasst, gehören zum Beispiel Spezialisten für minimalinvasive Operationen. Die Chirurgen richten nicht nur Knochen und rekonstruieren Weichteile. Der angestellte Spezialist Dirsko von Pfeil hat erfolgreich komplizierte Eingriffe an der Lunge und am Herzbeutel vorgenommen, Herzschrittmacher eingesetzt und Knochenbrüche unter Durchleuchtung und mit Hautschnitten von nur wenigen Zentimetern operiert.

          Auch Tumore entfernen die Chirurgen regelmäßig. In Glassmans Klinik kommen täglich rund zwanzig Hunde zur Chemotherapie. Manche Kliniken nehmen auch Nieren-Transplantationen vor, einige bieten Dialyse an. Viele Tierärzte lassen sich hierzulande inzwischen in Akupunktur ausbilden, einige widmen sich der Homöopathie. Glassmans Klinik ist besonders gut ausgestattet, aber trotzdem nur eine von vielen mit einem vergleichbaren Angebot in den Vereinigten Staaten. Nur wenige deutsche Spezialkliniken können da mithalten.

          Nur die Lebensspanne ist noch zu kurz

          Der medizinische Service in Amerika hat alles, was man so kennt – für Menschen, die es sich hierzulande leisten können. Technik und Spezialisierung erlauben es den Tierärzten, ihre Patienten mit modernsten Methoden der Humanmedizin zu therapieren. In den vergangenen zehn Jahren hat sich, so schätzen Tierärzte, die Lebenserwartung von Hunden um drei Jahre verlängert. Der Fluch des Fortschritts ist allerdings, dass nun Besitzern kranker Hunde Therapien offeriert werden können, die sehr teuer sind. Sie werden so mit einer brutalen Tatsache konfrontiert: den hohen Kosten ihres Wunsches nach einem verlängerten Hundeleben.

          So teuer kann es werden: Der Hund, der in die Tierklinik Friendship Heights in Washington gebracht wurde, war schon fünfzehn Jahre alt. Seine Zeit war abgelaufen, dachte Dirsko von Pfeil, der Chirurg. Er diagnostizierte eine Kehlkopflähmung. Sie verhindert, dass Luft zur Lunge gelangt. Der Hund drohte langsam zu ersticken. Operieren oder einschläfern, das waren deshalb die Optionen. Die amerikanischen Hundebesitzer ließen operieren, das kostete sie circa viertausend Dollar. Die Operation gelang, die Besitzer haben geweint vor Glück, der Chirurg Pfeil sagt, dass er selbst gerührt war. Und dass das die guten Momente in einem Beruf seien, der ihn ohnehin sehr befriedige. Viertausend Dollar für ein um ein paar Monate verlängertes Hundeleben – wie viele Europäer, wie viele Deutsche hätten genauso entschieden? Amerikaner verschulden sich manchmal für ihre große Liebe. Sie belasten ihr Kreditkartenkonto, leihen sich Mittel in ihrer Familie, oder sie nehmen Geld bei spezialisierten Finanzdienstleistern auf, verraten die Tierärzte vom Friendship Hospital.

          Von einer großen Belastung allerdings konnte die Tiermedizin die Menschen noch nicht befreien. Hunde werden nur fünfzehn Jahre alt, selten älter. Aber Amerika arbeitet daran. An der Universität des Bundesstaates Washington in Seattle haben Wissenschaftler ein hochambitioniertes Forschungsprojekt auf die Beine gestellt, um die Faktoren der Langlebigkeit für Hunde zu testen. Unter anderem sind pharmakologische Tests vorgesehen. „Hunde, wollt ihr ewig leben?“, soll Friedrich der Große der Legende nach in der Schlacht von Kolin gebrüllt haben. Aber das war anders gemeint.

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