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Alibaba-Chef Jack Ma : Das „Krokodil vom Jangtse“

  • Aktualisiert am

Jack Ma Bild: dpa

Jack Ma ist in China so etwas wie ein Rockstar. Erst fand er keinen Job, dann gründete er in einer kleinen Wohnung seine eigene Firma - und wurde schnell zum reichsten Mann des Landes. Kann er nun mit seinem Online-Marktplatz Alibaba auch die Wall Street erobern?

          Jack Ma ist der „geistige Vater“ von Alibaba. Er gilt als Visionär, der jede Gelegenheit ergreift. Seine Verkaufskünste sind legendär. Schon vor dem Börsengang des Internetriesen in New York ist der 49-Jährige mit einem Vermögen von 21,8 Milliarden Dollar der reichste Chinese. Er genießt Kultstatus.

          Bei den jährlichen „Alifest“ genannten Mitarbeiterversammlungen, zu denen schon der frühere amerikanische Präsident Bill Clinton oder Amerikas Basketballstar Kobe Bryant eingeladen wurden, wird Ma wie ein Rockstar gefeiert. Auch gibt der Alibaba-Chef jungverheirateten Mitarbeitern persönlich seinen Segen.

          Seine exzentrischen Auftritte und seine Fähigkeiten hätten eine fast religiöse Atmosphäre unter den Mitarbeitern geschaffen, finden Zeitungskommentatoren. Gepriesen werden auch seine Überredungskünste. Er könne etwas verkaufen, das noch gar nicht existiere, heißt es. Seine Geschäftsentscheidungen fällt Ma intuitiv. Zuletzt sieg er bei Chinas Fußballmeister Evergrande in Guangzhou ein. Doch fand die Erfolgssträhne des Titelverteidigers der asiatischen Champions League kurz darauf ein abruptes Ende.

          Unter dem Symbol „Baba“ geht der Internetgigant Alibaba an die Börse

          Mas Lebensweg begann holprig. Zweimal fiel er bei der Aufnahmeprüfung durch, bevor er 1988 an der Pädagogischen Hochschule angenommen wurde, wie chinesische Medien berichten. Es fiel ihm schwer, einen Job zu finden. Auch die Fast-Food-Kette Kentucky Fried Chicken (KFC) wollte ihn nicht als Manager anheuern. Obwohl ihm sowohl technische als auch geschäftliche Vorkenntnisse fehlten, gründete der Englischlehrer 1999 sein Unternehmen in einer kleinen Wohnung in der ostchinesischen Stadt Hangzhou, die bis heute Firmensitz ist.

          „Alle unsere Wettbewerber sind im Silicon Valley, nicht in China“, sagte Ma in einer Filmdokumentation und ermunterte seine Mitarbeiter, sich nicht unterkriegen zu lassen: „Wir haben genauso viel im Kopf wie die.“ Er hat den Beweis angetreten: Alibaba ist heute die größte Handelsplattform der Welt, größer als Amazon und eBay zusammen.

          Dass er den großen Konkurrenten Ebay in China abgewehrt hat, brachte ihm viel Ruhm. „Ebay mag ein Hai im Ozean sein, aber ich bin das Krokodil im Jangtse-Strom. Wenn wir im Ozean zum Kampf antreten, werden wir verlieren - aber wenn wir im Fluss kämpfen, werden wir gewinnen“, sagte Ma 2005.

          Neun Jahre später verlässt das Krokodil die heimischen Gewässer, überquert den Pazifik und lauert jetzt an der Wall Street, wo die Investoren es kaum abwarten können. Auch wenn er nun Banker und Fondsmananager umwirbt, hat er nie einen Hehl aus seinen Prioritäten gemacht: „Erstens die Kunden, zweitens die Mitarbeiter und drittens die Investoren.“ So geht Alibaba zwar an die Börse, aber Jack Ma behält über ein 27-köpfiges Gremium mit Vertrauten die Kontrolle.

          Seinen persönlichen Reichtum lässt der Milliardär jetzt auch in eine Stiftung fließen und tritt damit in die Fußstapfen anderer Wohltäter wie Bill Gates, Warren Buffett oder Michael Bloomberg. Von seinen 8,8 Prozent Anteilen an Alibaba hat er 1,5 Prozent in die SymAsia-Stiftung gesteckt. Der Fonds könnte nach dem Börsengang mit dem Beitrag des Alibaba-Mitbegründers Joseph Tsai über Kapital von rund drei Milliarden Dollar verfügen.

          Für China, wo karitative Organisationen noch kleine Spielräume haben, schlägt Ma damit ein neues Kapitel auf. Der Vater zweier Kinder ist beunruhigt über zunehmende Krebserkrankungen in seiner Familie oder unter Mitarbeitern. Die wachsende Umweltverschmutzung in China sieht er als eine Ursache. „Wir hoffen, in einer Welt mit blauerem Himmel, saubererem Wasser und besserem Zugang zu medizinischer Versorgung zu leben“, sagt Ma. Er wolle mit seiner Stiftung einen Beitrag leisten und sich um Umwelt, Gesundheit und Bildung kümmern. „Sorgen und Klagen können die gegenwärtige Situation nicht ändern.“

          Alibaba

          Alibaba ist der größte Marktplatz der Welt. Sein Börsengang soll der größte aller Zeiten werden. Auf drei Kontinenten und in 100 Präsentationen will der Internetgigant mit einer zweiwöchigen „Roadshow“ potenzielle Investoren ködern. Die Wall Street hört bereits die Kassen klingeln. Um der größte Börsengang der Geschichte zu werden, muss Alibaba die 22 Milliarden Dollar von Chinas Landwirtschaftsbank 2010 in Hongkong und Shanghai übertreffen. Das Potenzial scheint groß zu sein. Alibabas Handelsplattformen wickeln vier Fünftel des Handels im Internet in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt ab.

          Das große Geschäft machen die Handelsplattformen Taobao (Schatzsuche) und Tmall. Firmen und Verbraucher tummeln sich hier gleichermaßen, was Alibaba größer als Amazon und Ebay zusammen macht. Wie eine Krake streckt Alibaba seine Finger aus: Der Handelsriese investierte in die Weibo genannten twitterähnlichen Mikroblogs, in Clouddienste mit Online-Datenspeichern, Browser, die große Videoplattform Youku und Filmproduktionen. Zudem besitzt das Unternehmen Beteiligungen bis hin zu Chinas erfolgreichstem Fußballclub Guangzhou Evergrande.

          Die komplizierte Firmenstruktur, verschachtelte Beteiligungen und die undurchsichtigen Entscheidungen des legendären Firmengründer Jack Ma wecken aber bei Investoren auch Sorgen über mangelnde Transparenz. Die Kontrolle des Unternehmens wird auch nach dem Börsengang in den Händen eines 27-köpfigen Gremiums mit Ma und dessen Vertrauten liegen. Diese Organisation hatte die Hongkonger Börse aus rechtlichen Gründen abgelehnt. In den Vereinigten Staaten ist es aber zulässig.

          Unter dem Symbol „Baba“ geht der Internetgigant an die traditionsreiche Nasdaq. „Ba“ steht für die chinesische Glückzahl Acht. So wird auf Kantonesisch das chinesische Wort „fa“ ausgesprochen, das „reich werden“ bedeutet. Die Aussichten scheinen rosig: Mit mehr als 600 Millionen Internetnutzern, von denen schon die Hälfte online einkauft, und einer wachsenden Mittelklasse in China boomt der Umsatz und sprudeln die Gewinne.

          Alibaba ist in China nicht nur größer als Wettbewerber Tencent mit seinem populären WeChat-Dienst oder die Suchmaschine Baidu, sondern auch profitabler. Seine Kosten sind niedrig. Alibaba verkauft keine eigene Waren, sondern kassiert für Zugang zur Plattform und Werbung. Seine Einnahmen legten im Quartal bis Ende Juni um 46 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf 2,54 Milliarden US-Dollar zu. Die Zahl der aktiven Käufer stieg um 50 Prozent auf 279 Millionen. Die Transaktionen mit mobilen Geräten vervierfachten sich auf 27 Milliarden Dollar und versprechen neues Wachstum.

          Ein erfolgreicher Börsengang kann das Unternehmen auf Platz vier der Liste der globalen Internetriesen hinter Apple, Google und Microsoft katapultieren. Läuft es nicht so gut, wäre Alibaba immer noch unter den zehn weltgrößten Tech-Firmen.

           

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