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Aleksander Ruzicka : Vom Manager zum Sträfling

Redakteur der Gefangenenzeitschrift

Also mischte er sich unters Volk. Sein Vorteil war, dass Manager unter den Gefangenen einigermaßen angesehen sind. Sie sind nicht viele, und sie sind in der Regel nicht dumm, sie können juristische Schachtelsätze in verständliches Deutsch übersetzen, das macht sie nützlich, anders als die Kinderschänder und die Vergewaltiger, die den schwersten Stand unter den Häftlingen haben. Ruzicka kam außerdem zugute, dass seine Strafe vergleichsweise hoch war, auch das spielt eine Rolle in der Hierarchie unter den Gefangenen und erlaubte es ihm, sich einigermaßen gefahrlos als schwul zu outen. „Einer meiner Zellennachbarn, ein Russe, hatte noch zwanzig Jahre. Als der sagte, der Aleksander ist in Ordnung, ging das durch den ganzen Knast.“

Nachdem der Bundesgerichtshof die Revision abgewiesen hatte, stellte sich in Ruzickas Leben so etwas wie Alltag ein. Nach dem Frühstück ging er zur Arbeit, „alleine, ohne einen Bewacher“. Er hatte Glück, er musste keine Flure schrubben, sondern bekam einen Job in der Gefängnisbücherei zugeteilt, organisierte die Ausleihe und war hauptamtlicher Redakteur der Gefangenenzeitschrift. Um die Mittagszeit ging es zurück in die Zelle, Essen, dann wieder zur Arbeit. Am Nachmittag Freistunde auf dem Hof. Abendessen. Zuschluss. Sein Leben hatte eine Struktur, wenn auch der Radius bedeutend kleiner als früher war.

„Ich bin im Kopf immer draußen geblieben“

Statt wie seine Zellennachbarn die Stunden an der Playstation oder vor dem Fernseher totzuschlagen, widmete sich Ruzicka abends seinem Zweitberuf. Er grub sich in Gutachten und Urteile über das Geschäftsmodell der Mediaagenturen ein, schrieb seinen Anwälten Entwürfe für neue Schriftsätze. „Ich hab auch im Gefängnis oft bis elf Uhr abends gearbeitet“, sagt er nicht ohne Stolz. Seitdem gehen ihm Wörter wie „rechtsstaatsfehlerhafte Verfahrensverzögerung“ fließend über die Lippen. Er las „Spiegel“ und „Manager Magazin“, „TV Spielfilm“ und die Fachzeitschriften der Werbebranche. „Ich bin im Kopf immer draußen geblieben“, sagt er, „das war ganz wichtig.“

Und dann ging auf einmal alles ganz schnell. Mitte Februar stellte die Justiz ein Verfahren ein, das in der Zwischenzeit noch gegen Ruzicka gelaufen war. Danach gab es keinen Grund mehr, ihn noch länger festzuhalten, schließlich hatte er schon mehr als zwei Drittel seiner Strafe abgesessen. Am 1. April war es so weit: Anhörung. Beschluss. Packen. Und dann stand Ruzicka plötzlich draußen vor den Mauern, mit freiem Blick auf die Spargelfelder von Weiterstadt. Vom Zimmer der Sozialarbeiterin hatte er seinen Lieblingstaxifahrer von früher angerufen, der fuhr ihn nach Frankfurt, wo Ruzickas Mann seit einiger Zeit in einer Mietswohnung lebt. Die Villa in Wiesbaden ist Vergangenheit, sie wurde während der Haftzeit verkauft. Ruzicka nimmt es gelassen: „Ich hätte dort sowieso nicht mehr wohnen wollen.“

Jemand hat zu ihm gesagt: Wenn das mit dem Gefängnis nicht gewesen wäre, dann wäre er längst an einem Herzinfarkt gestorben. Ruzicka mag diesen Gedanken, er gibt den vergangenen Jahren einen Sinn. Zu Entschleunigung verurteilt. Er ist sich sicher: „Ich hätte keinen Weg aus dem Hamsterrad gefunden.“ Doch jetzt will er wieder rein. Nicht unbedingt an vorderster Front, als Berater aber allemal. Er hat sich unter der Dusche das Gefängnis vom Leib geschrubbt, sich eine neue Garderobe zugelegt und seine alten Kontakte angerufen. Er ist zuversichtlich: Da geht wieder was. Die Briefe, die er und sein Mann sich während der Haftzeit geschrieben haben, um die Zeit zwischen den Besuchen zu überbrücken, haben die beiden kürzlich gemeinsam in den Reißwolf gesteckt. „Das liest man nicht noch mal, das reißt nur alte Wunden auf“, sagt Ruzicka. „Und warum auch: Ich bin ja wieder da.“

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