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Aleksander Ruzicka : Vom Manager zum Sträfling

Sieht man vom verschwenderischen Umgang mit Zeit ab, gibt es erstaunlich viele Parallelen zwischen dem Innenleben eines Gefängnisses und dem eines mittelgroßen Unternehmens. In beiden gibt es klare Hierarchien, Zuständigkeiten und Berichtswege. Die typische „Top-down“-Struktur, wie Unternehmensberater sie lieben. Und dann gibt es da noch die nicht ganz so klar gekennzeichneten Wege, wie sich die ein oder andere Regel unauffällig umgehen lässt. Auch im Gefängnis wird gelästert und getratscht, es gibt Machtkämpfe zwischen den Häftlingen und solche zwischen den Wärtern, und weil alle den ganzen Tag auf engstem Raum aufeinander hängen, breitet sich Flurfunk noch schneller aus als anderswo. „Ich war noch nicht von einer Anhörung zurück, da wussten alle schon, wie es gelaufen war“, sagt Ruzicka.

Alles muss schriftlich festgehalten werden

Er kannte diese Mechanismen, dieses ewige Wer-mit-wem, Wer-gegen-wen, neu war für ihn nur seine Position. Er stand mit einem Mal: ganz unten. Der Anstaltsleiter entscheidet, ob der Häftling Ausgang bekommt. Der Abteilungsleiter entscheidet, wie lange der Häftling telefonieren darf. Der Vollzugsbeamte entscheidet, ob der Häftling seine Post erst abends gegen sechs Uhr bekommt oder vielleicht doch schon, ausnahmsweise, beim Mittagsumschluss, wenn er noch die Chance hat, einen Anwalt zu erreichen. Manches Mal ist Ruzicka als Sieger aus diesen kleinen Machtspielchen herausgegangen, oft genug auch nicht. Sicherlich habe bei den Wärtern auch Neid eine Rolle gespielt, mutmaßt er. „Da ist einer, der hat viel Geld verdient, dem zeige ich mal, wer jetzt das Sagen hat.“

Doch auch Ruzicka nutzte seine, wenn auch begrenzten, Machtmittel. „Das System beruht auf Dokumentation“, diesen Grundsatz lernte er schnell. Was nicht schriftlich festgehalten ist, das ist nichts wert, es hat sozusagen nie existiert. Also machte er es sich zur Angewohnheit, von jedem Antrag, den er in seiner Zelle auf der Schreibmaschine tippte, mit Kohlepapier eine Kopie anzufertigen, „so richtig schön analog“. Darauf ließ er sich dann von den Wärtern quittieren, dass sie sein Schreiben entgegengenommen hatten. Man ahnt, dass er sich damit nicht nur Freunde gemacht hat.

Es gibt nichts, was es im Gefängnis nicht zu kaufen gibt

Wie in der Welt draußen gibt es auch im Gefängnis einen Wirtschaftskreislauf, genau genommen, sind es sogar zwei. Da ist zum einen der offizielle Markt, auf dem es zum Beispiel die besagte Schreibmaschine zu kaufen gibt, aber auch bestimmte Lebensmittel wie Nescafé („Ein Glas 7 Euro - wo es keine Konkurrenz gibt, gehen die Preise hoch“). Und dann ist da noch der Schwarzmarkt. „Drogen, Waffen, Pornos, es gibt nichts, was es im Gefängnis nicht zu kaufen gibt“, sagt Ruzicka. „Alles nur eine Frage des Geldes.“ Ihm sei mal ein iPhone für 1500 Euro angeboten worden, erzählt er, die passende Sim-Karte für weitere 1500 Euro. Er habe abgelehnt. „Ich wollte nichts tun, wo man hinterher sagt: Siehste, hab ich doch gleich gewusst, der macht krumme Sachen.“

Ruzicka war von seinen Anwälten gewarnt worden, dass er sich besser nicht in seiner Zelle verkriechen sollte. Die Vollzugsbeamten beobachten die Gefangenen genau. Wer sich abschottet, läuft Gefahr, als depressiv eingestuft zu werden, als ein potentieller Selbstmörder. Nichts sei schlimmer als das, sagt Ruzicka, denn dann sei auch noch das letzte bisschen Sicherheit weg, der Rechtsrahmen, die Paragrafen. Dann sei man von der Gunst der Psychologen abhängig, dem System gänzlich ausgeliefert.

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