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Aleksander Ruzicka : Vom Manager zum Sträfling

Endlich wieder der Steuermann

Äußerlich ist der heute Vierundfünfzigjährige schon wieder ganz der Alte. Zum Gespräch in einem Frankfurter Café kommt er im Anzug mit Einstecktuch. An seiner Hose blitzt ein Gürtel von Hermès, auf den Tisch legt er ein iPhone 6. Er wischt und tippt darauf herum wie ein Profi und nicht wie jemand, der zuletzt vor vielen Jahren ein Blackberry in der Hand hielt. Auch sein Selbstbewusstsein scheint ungebrochen. Ruzicka fühlt sich sichtlich wohl in der Rolle des Erklärers, des Belehrers, er ist, endlich, wieder der Steuermann. Doch je länger er erzählt, und Ruzicka wird das insgesamt fast vier Stunden lang tun, desto deutlicher wird: Innerlich hat ihn die Zeit in Haft sehr verändert. Der Manager, der sich für unangreifbar hielt, ist verletzlich geworden. Er selbst formuliert es anders: „Ich hab ein paar Narben und Hornhaut bekommen.“

Das Schlimmste am Gefängnis, so erzählt es Ruzicka, sei nicht das Eingeschlossensein. Dass sich mit dem Abendessen der Schlüssel im Schloss dreht und die Tür erst morgens nach der „Lebendkontrolle“ wieder aufgeht, daran könne man sich schon gewöhnen. Auch an das karge Essen („nur 600 Gramm Fleisch in der Woche, und da zählt jedes Körnchen Haschee“), die Einheitsanstaltsjoggingkluft, das winzige Stück Himmel über dem Fenster, das kalte Wasser in der Zelle, das Gerülpse und Gegröle aus den anderen Zellen - alles zu verschmerzen. Woran er sich aber bis zuletzt nicht gewöhnen konnte, das war die Ohnmacht. Nicht mehr Herr des Handelns zu sein.

Sehr freundlich und sehr bestimmend

Es fällt nicht schwer, ihm das zu glauben. Wer mit Ruzicka zu tun hat, erlebt einen Menschen, dem es wichtig ist, immer die Kontrolle zu haben. Alle Zitate in diesem Artikel hat er im Vorfeld gesehen, das war eine der Bedingungen. Auch das Bild von ihm durfte der Fotograf erst weiterleiten, nachdem Ruzicka es abgesegnet hatte. Er kann sehr freundlich und zugleich sehr bestimmend sein.

Die Geschichte des Aleksander Ruzicka ist zunächst die eines typischen Aufsteigers. Von der Praktikantenstelle nach dem BWL-Studium hatte er sich im Lauf der Jahre bis zum Zentraleuropa-Chef von Aegis Media hochgearbeitet. Für Nichtwerber mag das unspektakulär klingen, doch in der Werbeszene hatte er damit eine Schlüsselposition inne. Mediaagenturen beraten Unternehmen, wo sie Werbung schalten sollen, und handeln die Preise mit den Medienhäusern aus. Ruzicka war einer der Umtriebigsten in diesem Geschäft. Über seine opulenten Partys und die nicht minder opulenten Safaritouren mit Kunden wird bis heute gesprochen. In Spitzenzeiten bewegte Ruzicka rund 3 Milliarden Euro im Jahr und verdiente so viel wie mancher Dax-Chef. Er war der „Sonnenkönig“ der Branche - bis zu seinem Sturz 2006.

„Man wird verwaltet“

Umso schwerer muss das gewesen sein, was folgte. „Das System“, dieses Wort benutzt Ruzicka oft, wenn er über seine Zeit im Gefängnis spricht, „arbeitet mit einer Entpersonifizierung. Man wird zu dem Gefangenen, dem VU, dem Verurteilten. Man wird verwaltet.“ Wenn er in den vergangenen Jahren eines gelernt hat, dann das: zu warten. Zum Beispiel, wenn mal wieder ein Gerichtstermin anstand. Es gibt eine Art Linienbusverkehr für Häftlinge, in regelmäßigen Abständen pendeln Busse zwischen verschiedenen Städten. Ruzicka war die meiste Zeit in Südhessen inhaftiert, zuerst in der JVA in Weiterstadt, dann in Darmstadt-Eberstadt, zum Schluss wieder in Weiterstadt. Mit dem Auto dauert die Fahrt von dort bis zum Landgericht in Wiesbaden eine gute halbe Stunde. Ruzicka brauchte für die Strecke mehrere Tage. Weil es keine direkte Busverbindung gab, ging es einige Tage vor dem eigentlichen Termin erst einmal nach Frankfurt. Von dort wurde er dann nach Wiesbaden gebracht. Zurück das gleiche Prozedere - schwer erträglich für einen Manager, der es gewohnt war, alles auf Effizienz zu trimmen.

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