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Agustín Carstens : Der erfahrene Kandidat für den IWF

Beleibter Mann mit zarter Stimme: Augustín Carstens Bild: dapd

Agustín Carstens, der Gouverneur der Bank von Mexiko, ist zwar ein ernsthafter Bewerber, hat aber wenige Verbündete. Dennoch sieht er sich nicht auf verlorenem Posten. Zunehmend entwickelt er sich zum Stachel im Fleisch der Europäer.

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          Agustín Carstens ist nicht zu beneiden. In einer Werbetour reist der Gouverneur der Bank von Mexiko derzeit innerhalb weniger Tage rund um die Welt, wie seine französische Konkurrentin im Wettbewerb um den Spitzenposten im Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde. Brasilia, Buenos Aires, Ottawa, Washington, Neu Delhi. Im Gegensatz zu Lagarde werden die Strapazen sich für Carstens aller Voraussicht nach aber nicht auszahlen.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Weder die Vereinigten Staaten noch die Europäische Union, die Schwergewichte im IWF, haben Interesse daran, von der gewohnten Arbeitsteilung abzuweichen. Europa benennt danach den Geschäftsführenden Direktor im IWF, die Amerikaner stellen den Präsidenten der Weltbank und den ersten Stellvertreter im Fonds. Die Vertreter der Entwicklungs- und Schwellenländer, die seit Jahren auf mehr Einfluss in den internationalen Finanzinstitutionen drängen, blieben wieder vor der Tür - allen gegenteiligen Versprechungen zum Trotz.

          Offene Kritik an Europa

          Carstens sieht sich dennoch nicht auf verlorenem Posten. Der beleibte Mann mit der zarten Stimme entwickelt sich zunehmend zum Stachel im Fleisch der Europäer. Er legte die Farce des Auswahlprozesses noch vor dem Ende der Bewerbungsfrist offen. Europa habe schon für einen europäischen Kandidaten plädiert, bevor es sich auf Lagarde geeinigt habe, kritisiert Carstens. Eine Auswahl des nächsten IWF-Chefs, die sich allein an den Qualitäten des Kandidaten orientiert, sieht tatsächlich anders aus. „Wenn wir wieder der europäischen Kirche folgen, werden sich die Dinge nie ändern“, sagt Carstens. Das europäische Argument für Lagarde, dass mitten in Europas Schuldenkrise ein Europäer an der Spitze des Fonds gebraucht werde, dreht Carstens überzeugend einfach um: Ein frischer Blick von außen helfe, die Dinge objektiver zu sehen. Von Vorwürfen, der Fonds gestehe Europa Sonderbedingungen zu, hält er sich indes zurück.

          Beobachter sprechen Carstens, der am vergangenen Donnerstag 53 Jahre alt wurde, mehr Qualifikation als Lagarde zu. „Er ist länger im Spiel, hat mehr Erfahrung mit dem IWF und er hat sein Land erfolgreich durch mehrere Krisen geführt“, sagt Fred Bergsten vom Peterson Institute for International Economics. Carsten wurde beruflich in der Bank von Mexiko groß. Er war an der Umschuldung mexikanischer Staatsschuld in Brady-Bonds Ende der achtziger Jahre beteiligt, von 2006 bis 2009 steuerte er sein Land als parteiunabhängiger Finanzminister erfolgreich durch die Wirren der globalen Finanzkrise.

          IWF-Insider

          Den Währungsfonds kennt er wie seine Westentasche. Er diente als Exekutivdirektorium der von Mexiko geführten Ländergruppe und war von 2003 bis 2006 Stellvertreter des IWF-Chefs. Unter Carstens würde der Fonds seine Politik, möglichst viele Länderrisiken zu versichern, wohl ausweiten. Mexiko war dank seines Plädoyers das erste Land, das eine vorbeugende flexible Kreditlinie des Fonds in Höhe von rund 72 Milliarden Dollar erhielt, ohne sie bislang beansprucht zu haben. Diese Kreditzusagen gelten als „Goldstandard“, der IWF vergibt sie nur an Länder, in denen er eine kernsolide Wirtschaftspolitik vermutet. Dass Mexiko dazu gehört, hängt auch damit zusammen, dass die Vereinigten Staaten mit ihrem großen Einfluss im IWF Ruhe in ihrem „Hinterhof“ haben wollen. Carstens aber hat die Genese dieses Kreditinstruments sehr gefördert. Einen Vorteil vorbeugender Kreditlinien sieht er darin, dass sie die Regierungen zu einer guten Wirtschaftspolitik anhielten. Dank seines Einflusses war Mexiko auch schnell dabei, 2002 Kollektivklauseln in die Auslandsverschuldung einzuführen.

          Manche halten den Ökonomen, der an der marktliberalen Universität von Chicago promovierte, als zu konservativ und fürchten, dass er den Fonds auf eine zu harte Linie trimmen würde. Carstens führt gegen dieses Vorurteil an, dass er in Chicago zwar sein Handwerk lernte, aber nicht die Ideologie.

          Carstens größtes Handicap ist, dass sich außer Uruguay und Kolumbien kein anderes Land explizit für ihn ausgesprochen hat. Gerade die großen Schwellenländer der Brics - Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika - haben sich nicht hinter ihm versammelt. Ohne einen gemeinsamen Kandidaten aber werden die Schwellen- und Entwicklungsländer die amerikanisch-europäische Ämterteilung nicht aufbrechen.

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