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Agrarminister Schmidt : Ein feiner Kerl im Sturm der Zeiten

  • -Aktualisiert am

Christian Schmidt Bild: Getty

Glyphosat! Milchpreise! „Bauernsterben“! Bundesagrarminister Christian Schmidt steht im Dauersturm und bleibt trotzdem die Ruhe selbst. Porträt eines stillen Helden.

          3 Min.

          Es ist zu hören, dass er Gefallen am Amt gefunden hat, und man fragt sich, warum bloß. Denn eine schreckliche Neuigkeit jagt die nächste, der Gegenwind pfeift aus allen Richtungen aus Sicht des Bundesagrarministers Christian Schmidt von der CSU. Am Donnerstag wandte sich, völlig überraschend, der chronisch nervöse Koalitionspartner SPD von ihm und der Union ab. Es ging um das Glyphosat, das verbreitete Herbizid, das seit Monaten Gegenstand einer virtuos demagogischen Kampagne von Grünen und ihren Umweltverbänden ist, die nun offenbar auch die SPD für sich gewonnen haben. Kurz vor der Entscheidung über eine Neuzulassung, die in den kommenden Wochen in Brüssel fallen soll, hat sich die in Umfragen dramatisch schwächelnde SPD plötzlich doch dagegen ausgesprochen, bis alle Risiken (Krebs) „zweifelsfrei“ ausgeschlossen seien, wie auch immer das gehen mag. Gegen den Rat wissenschaftlicher Institute übrigens, in deren Chor sich nun noch eine weitere gewichtige Stimme einreiht: Die Weltgesundheitsorganisation. Sie hält, wie seit diesem Montag bekannt ist, Glyphosat nicht für krebserregend.

          Schmidt traf der Meinungsschwenk der SPD wie ein Blitz, er sprach davon, verlässliches Regierungshandeln sei so nicht möglich, denn es war koalitionsintern abgesprochen, dass Deutschland in Brüssel nicht gegen die Neuzulassung des Glyphosats stimmen würde. Noch vor wenigen Wochen hatten die SPD-Abgeordneten im Bundestag gegen ein Verbot votiert. Jetzt soll die Kanzlerin vermitteln.

          Schmidt ist die wechselhaften Stimmungen gewohnt, die in Berlin zu Gesetzen werden. Er ist für Bauern zuständig, für Ernährung, mithin die Bürger, steht zwischen den Stühlen kleinlauter Realpolitik für eine Landwirtschaft, die eben auch im Weltmarkt steht, und öko-ethischer Ansprüche, die von Landwirtschaft vor allem den Blick fürs große Ganze fordern. Dafür ist Schmidt, ein bescheidener Mann, nicht der Richtige. In seiner Uneitelkeit ist er unter Berliner Ministern eine Jahrhundertausnahme.

          Alle sollen ihr Kuchenstück bekommen

          Es ist zu hören, wie er sich mit Juristenakkuranz in all die Themen rund um den Teller vertieft hat, um in den tausend Realitäten und Hyperkomplexitäten über die Frage nach der agrar- und ernährungspolitischen Ausrichtung womöglich gegen Ende dieses Jahres glasklar sehen zu können. Etwa dann will Schmidt ein „Grünbuch“ vorlegen, in dem das große Ganze und die gleichsam industrie- wie bürgernahen Agrarpolitikzukunftsleitlinien festgeschrieben sein sollen. Dann sollen alle ihr Kuchenstück bekommen: Wirtschaft, Bauern und die Bürger, die sich eine bäuerliche und tierfreundlichere Landwirtschaft wünschen. Spezialisierung, Regionalisierung und Tierwohl seien seine Leitlinien, ist aus Schmidts Ministerium zu hören, was auch immer das konkret heißen mag.

          Bis dahin muss er sich weiter mit all den notorisch aufgeregten Stakeholdern seiner Politik herumärgern: Grünen, Bauern, Journalisten und noch mal Grünen. Der Kessel dampft zu allen Seiten mit Hochdruck. Der Milchpreis ist so dramatisch eingebrochen, dass nicht mehr nur der übliche Strukturwandel - das Ende für einige tausend Milchbauern im Jahr -, sondern ein „Strukturerdbeben“ bevorsteht. Vom Bauern bis zum Grünen zeigen nicht wenige moralinsauer mit dem Zeigefinger auf Schmidt: Was habe der dagegen getan? Wo seien die Konzepte?

          Alte Fronten bröckeln. In Kiel demonstrierten am Donnerstag erstmals Bauern aus dem Bauernverband gegen den Bauernverband, da diesem auch keine konstruktive Lösung einfiele. Und was soll Schmidt tun? Der Weltmarkt, die Weltüberproduktion, die deutsche Überproduktion - mächtige Realitäten. Also reden, reden, reden. Und auf dem Milchgipfel Ende Mai Millionen für die Bauern mitbringen. Hier und da flicken, wo sich das große Ganze nicht stoppen lässt. „Wir werden den Strukturwandel nicht aufhalten können“, sagte Schmidt der F.A.Z. Er warnt vor allzu großen Sentimentalitäten gegenüber Land und Tieren. Und will doch behutsam retten, was zu retten ist. Ein staatliches Tierwohlsiegel. Regionalsiegel. Den Bauern helfen, von der Massenproduktion zu unverwechselbaren Produkten zu kommen.

          Bloß keine politischen Abenteuer

          Für die agrarpolitische Vollbremsung, wie sie die Grünen wollen, ist er nicht zu haben - etwa eine komplette Umschichtung der EU-Subventionen für Umweltmaßnahmen. Überhaupt ist Schmidt nicht für politische Abenteuer zu gewinne. Das finden viele ausnehmend progressive und hippe Politikgestalter in Berlin unerträglich, und die Bauern maulen auch herum.

          Schmidt geht stoisch von Zukunftskongress zu Zukunftskongress und hält unerhört langweilige Reden - die nicht ohne zahlreiche Bandwurmsätze auskommen, die sich im Nichts verlieren und es seinen Zuhörern unmöglich machen, nachher zu sagen, was Schmidt eigentlich gesagt habe. Er selbst tut das nicht ohne subtile Ironie. Man kann ihn als Helden der Bescheidenheit sehen im grünen Berlin unserer Tage. Bei einem Autounfall verlor er einmal fast sein Leben. Sein Realismus, das ist sein großes Geheimnis.

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