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Sozialer Status : Übertriebene Abstiegsangst

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Vollzeitjob Schule: in den Ferien ist ja Zeit für einen Weiterbildungskurs - Eltern haben oft große Pläne für ihren Nachwuchs Bild: Frank Röth

Viele Menschen in Deutschland sind durch Bildung sozial aufgestiegen. Und dieser Status soll auch an die kommende Generation weitergegeben werden. Oftmals um jeden Preis.

          Welche Ängste die Deutschen vor allem plagen, offenbaren sie in Umfragen. Bleibe ich gesund? Trifft mich eine Naturkatastrophe? Wer pflegt mich im Alter? Auch wirtschaftliche Sorgen stehen oben auf der Rangliste. Wird eine hohe Inflation meine Ersparnisse aufzehren? Wird sich die Wirtschaftslage deutlich verschlechtern? Behalte ich meinen Arbeitsplatz?

          Nur die Gegenwart ist real, selbst was im nächsten Augenblick passiert, weiß man nicht sicher. Frohnaturen halten die Ungewissheit leichter aus; doch ist, wer ein beunruhigendes Maß an latenter Angst und Verunsicherung empfindet, alles andere als allein: Psychologen und Soziologen diagnostizieren, dass Angst, die über das gesunde Maß hinausgeht, in der deutschen Gesellschaft weit verbreitet ist. Dabei haben die Deutschen im Vergleich zu früheren Zeiten und anderen Ländern eigentlich recht viel Grund, gelassen zu sein.

          Wie weit sich die Schere zwischen der Wirklichkeit und den Gefühlen öffnen kann, zeigt sich besonders deutlich am Beispiel der in der Mittelschicht weitverbreiteten Bildungssorgen. Kinder aus der Mittelschicht werden aller Voraussicht nach Abitur oder mittlere Reife machen. Die meisten werden studieren, die anderen einen beruflichen Abschluss schaffen. Wegen der demographischen Entwicklung werden sie von den Arbeitgebern umworben werden.

          Sorgen machen müssen sich diejenigen ohne oder mit schlechtem Hauptschulabschluss - die Kinder aus der Unterschicht. Doch während dort die Bildungsambitionen oft zu lasch sind, erkennen Bildungsfachleute in der Mittelschicht sogar Bildungspanik. Ausdruck dieser Angst vor der Zukunft sind zum Beispiel die Verschulung der Kindergärten und eine mit Terminen vollgestopfte Freizeit.

          Viele ertragen es nicht, einfach mal vor sich hin zu leben

          Viele Jugendliche wissen nicht einmal um ihre guten beruflichen Perspektiven. Das verwundert nicht, bewältigen sie doch im achtjährigen Gymnasium eine Mehr-als-40-Stunden-Woche, und für die nächsten Schulferien haben ihre Eltern das Englischcamp schon gebucht. Da muss das Gefühl aufkommen, es könnte später einmal eng auf dem Arbeitsmarkt werden.

          Der Kasseler Makrosoziologe Heinz Bude beschreibt in seinem Buch „Gesellschaft der Angst“ eine Gesellschaft, in der es viele nicht ertragen, nur mal vor sich hin zu leben. Alles muss einen Sinn haben und den Lebenszweck vervollkommnen. Man könne so viel falsch machen: die falsche Grundschule wählen, die falsche weiterführende Schule, die falsche Universität, die falsche Fachrichtung, die falschen Auslandsaufenthalte, die falschen Netzwerke, den falschen Partner, den falschen Ort.

          Der Maßstab für das eigene Leben sei das, was die anderen tun. Und hinter ungezügeltem Neid verberge sich die tiefe Angst, nicht mithalten zu können und allein als der Düpierte übrig zu bleiben. Nach Budes Beobachtung herrscht in der breiten gesellschaftlichen Mitte Statuspanik. Die Deutschen haben Angst, in einer globalisierten Welt, in der Schwellenländer auf dem Vormarsch sind, irgendwann nicht mehr mithalten zu können.

          In einer Gesellschaft wie der deutschen, in der in den vergangenen Jahrzehnten viele Menschen aufgestiegen sind, sind viele ständig mit ihrem sozialen Status beschäftigt. Entweder ist man selbst aufgestiegen oder kommt aus einer Familie, die im Zuge der Bildungsexpansion der siebziger, achtziger und neunziger Jahre aufgestiegen ist. Man hat den Aufstieg gemeistert und will das Erreichte an die kommende Generation weitergeben.

          Statuserhalt als Mindestziel

          Wenig ist verpönter als der soziale Abstieg, der Statuserhalt ist das Mindestziel. Akademikereltern wollen oft nicht einmal, dass ihre Kinder nach dem Abitur „nur“ eine duale Ausbildung absolvieren. Das erklärt auch den Drang von Mittelschichtseltern, ihre Kinder in Schulen zu schicken, in denen sie mit Kindern aus derselben Schicht lernen. Wenn nötig geben sie dafür sogar einige hundert Euro im Monat für eine Privatschule aus.

          Die permanente Angst vor dem, was kommt, raubt sehr viel Energie. Wenn der Wille zur Perfektion zu groß wird, kann eine Depression die Folge sein. Rund vier Millionen Menschen leiden in Deutschland an Depressionen. Die Gesellschaft sei erschöpft, konstatiert der Psychologe Stephan Grünewald vom Rheingold-Institut nach Tausenden Tiefeninterviews. Arbeit und Freizeit - alles werde durchgeplant und ständig kontrolliert. Selbst Rentner müssten ihre Leistungsfähigkeit durch reges Reisen beweisen. Immer mehr, immer besser - viele Menschen seien sogar stolz auf die Erschöpfung, die sie sich im Laufe eines Tages erkämpften, der Burnout sei die neue Tapferkeitsmedaille.

          Doch was folgt daraus? Ist der Angst mit Realismus beizukommen? Indem man zum Beispiel erklärt, die Bildungspanik sei unnötig, nicht einmal mäßig begabte Mittelschichtskinder müssten sich um ihre berufliche Zukunft sorgen. Doch ist Angst gegenüber Realismus ziemlich resistent. Eher dürfte helfen, sie nicht abzutun, sondern zu akzeptieren. Auch wenn Angst und Erschöpfung gesellschaftliche Phänomene sind, können sie nur individuell angegangen werden, letztlich indem man sich immer wieder Gelegenheiten zum Innehalten verschafft.

          Lisa Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

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