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Zwei Geschichten aus dem Krieg

Von PHILIPP KROHN, Fotos: DANIEL PILAR

19. Juni 2022 · Beeinträchtige Kinder fliehen vor Bomben: Gründern eröffnet das die vierte Chance, andere lernen laufen.

An einem Abend Ende Februar sitzen Alexander Jatel und Anatoliy Bespiatiy bei einem kühlen Bier vor ihrer Datsche in der Nähe von Kiew. Das Fleisch ist vorbereitet, es gibt etwas zu feiern. Sie haben eine Maschine gekauft und in der Garage untergebracht. Es ist der dritte Anlauf, ein Unternehmen zu starten. Zweimal kam ihnen die Weltgeschichte dazwischen. Doch schon einige Tage später wird sie sich wieder einmischen. Schon wieder eine Zäsur, Russland greift die Ukraine an. Die Maschine steht still. Auch der dritte Versuch der Start-up-Gründer scheitert. Die beiden Ukrainer sind Erfinder, Produktdesigner der eine (Alexander), Metallurge der andere (Anatoliy). Mit ihrer Technik können sie aus recycelten PET-Flaschen Dachziegel herstellen. Sehr leicht, sehr stabil, sehr haltbar. „Plastik ist fest und bricht nicht, außerdem siebenmal leichter und günstiger als Keramik“, sagt Bespiatiy. Wenn Wasserflaschen am Strand herumliegen, dauere es dreihundert Jahre, bis sie sich auflösen. Das sei eine sehr gute Eigenschaft.

Foto: Daniel Pilar
Foto: Daniel Pilar
Blick auf einen Dachziegel aus recyceltem Plastik in den Händen von Alexander Yatel, Elektroingenieur und Schmuckdesigner,

Zwei Wochen halten es die Unternehmer noch in der Datsche aus. Dann entschließen sie sich zur Flucht. Jatels jüngerer Sohn hat das Downsyndrom, Medikamente werden knapp. Bespiatiy hat drei Töchter. Männer mit behindertem Nachwuchs oder mindestens drei Kindern zieht die Armee nicht ein. Sechzehn Stunden in einem alten Volkswagen am ersten Tag. Schlafen in den Karpaten, 14 Stunden bis zur slowakischen Grenze am zweiten Tag. Dann trennen sich ihre Wege. Bespiatiys Frau ist Russin. Bei Kriegsbeginn hält sie sich in Moskau auf. Will sie ihren Mann, ihre drei Töchter und ihre zwei Hunde schnell wiedersehen, gibt es nur eine Möglichkeit: zu Fuß über die Grenze nach Litauen. Dort bleiben sie drei Monate. Jatels Familie dagegen steuert das Haus eines Studienfreundes in der Nähe von Bielefeld an. Über Kontakte zum Goethe-Institut in Kiew findet er ein Haus in Schwarmstedt, nördlich von Hannover. Die Auffahrt führt an einer Wiese vorbei. Über eine Wäscheleine können die Kinder Federball spielen. Heute sind sie zu fünft. Denn nach der Zeit in Litauen und einer abenteuerlichen zwischenzeitlichen Rückkehr nach Kiew, wohin Bespiatiy den Bernhardiner der Familie zu seinem Vater brachte, weil er bei der Quartiersuche störte, sind er und Jatel für einige Tage wiedervereinigt. Im Garten sprießen die Blumen. Sein Gastgeber hat Jatels Familie erlaubt, großflächig Tomaten anzubauen. Gemüse ist so teuer in Deutschland. Seit acht Jahren arbeiten die beiden an ihrer Idee. Doch ihr Timing erwies sich immer wieder als ungünstig. An ihrem Willen als Unternehmer liegt das nicht. Einen ersten Versuch beendete der russische Angriff auf den Donbass und die Besetzung der Krim. Für Jatel war es nicht mehr möglich, weiter in der Nähe von Moskau zu arbeiten, wo sie ihre kleine Fa­brik gebaut hatten. Als Alternative stellten sie eine Produktionsstätte in China auf. Dann brach die Corona-Pandemie aus, und sie erhielten keine Visa mehr. Nun der Krieg, drei Tage nachdem sie auf ihren dritten Versuch mit einem Bier angestoßen haben. Die Weltgeschichte meint es nicht gut mit ihnen.

Die Ukrainer Anatoly Bespialy (47, links), Erfinder, und Alexander Yatel (42), Elektroingenieur und Schmuckdesigner, in ihrer temoporären Unterkunft in Schwarmstadt am 12.Juni.2022.
Die Ukrainer Anatoly Bespialy (47, links), Erfinder, und Alexander Yatel (42), Elektroingenieur und Schmuckdesigner, in ihrer temoporären Unterkunft in Schwarmstadt am 12.Juni.2022. Foto: Daniel Pilar

Das Haus, in dem Jatel wohnt, ist nicht nur großflächig im Vergleich zu vielen anderen Flüchtlingsunterkünften in Deutschland. Vom Eingang aus geht es rechts ins Wohnzimmer. Davor vier Laptops auf einem Esstisch, etwa ein Meter fünfzig lang. Ein Mobiltelefon auf einem Selfie-Stick, Kopfhörer, Buntstifte. Mehr brauchen sie nicht für ihr Start-up, das sie nun schon im vierten Land neugründen wollen. Bespiatiy ist Unternehmer, er stellt in der Heimat seiner Frau Isolierschaum für Böden in Wohnungen her. Nach der Geburt ihrer ersten Tochter machte er einen längeren Urlaub in Thailand. Seine russische Frau wollte das Kind nicht der Klimaanlage aussetzen. Er schwitzte. „Ich stellte mir vor, in einem Kühlschrank zu liegen“, erinnert er sich. Das brachte ihn auf eine Idee: Das Dach müsste aus einem Material sein, das außen heiß und innen kühl ist. Die Idee fand er auch noch gut, als er aus dem Urlaub zurückkehrte. Jatel fand er übers Internet. Mit seiner kleinen Firma, die Schmuck herstellt, wirbt er für sich auch als Produktdesigner. Wenn Unternehmen einen Prototyp benötigen, fragen sie ihn. Von der Zahnbürste bis zur Handykamera. Oder eben bis zum Plastik-Dachziegel. Auf dem langen Esstisch seines Hauses kann er auf dem Laptop die Produktion ihres Produkts optimieren. Einige Dachziegel hat Bespiatiy auf der Flucht mitgebracht. 

Warum nicht unterwegs Kontakte zu Investoren knüpfen? Auf seinem Handy hat er etwa zwanzig Patente gespeichert, dazu Videos ihrer drei Fabriken, Fotos von Häusern in Litauen, wohin sie vor acht Jahren ihre ersten Ziegel exportiert haben. Kein Moos, glänzende Oberfläche. Er legt einen Ziegel in die Sonne, um den Effekt zu zeigen. „Das Material ist gut wegen des Preises, und man bekommt es überall als gewaschenes PET“, sagt er. Na ja, und in Deutschland gefällt vielen der Ökoaspekt. „Es sind schon besondere Kräfte, die uns bislang abgehalten haben“, reflektiert Jatel. „Wir wollen hier Steuern zahlen“, sagt er. Das Haus werde vom Staat bezahlt. „Wir wollen etwas zurückgeben.“ Mit seinem Gastgeber, der gerade Großvater geworden ist, hat er eine Sandkiste zusammengebaut. Darin sitzt sein beeinträchtigter Sohn und kommentiert lautstark sein Spiel. Seine Behinderung war der Schlüssel zur Flucht. Vielleicht ist er auch der Schlüssel zum Erfolg des Unternehmens. Gerade waren Jatel und Bespiatiy in Berlin, um mögliche Investoren zu treffen. „Wir brauchen nur eine Garage“, sagt Jatel. Zur Produktion brauchen sie weniger Energie als Hersteller von Keramikziegeln. Gerade in Zeiten steigender Preise ein Wettbewerbsvorteil. Als Bespiatiy nach einer halben Stunde seinen Plastikziegel aus der Sonne holt, ist er außen heiß und innen lauwarm. Vielleicht ist Niedersachsen der Ort, an dem sie der Weltgeschichte trotzen können.


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In der kurzen Zeit seines Aufenthalts hat sich Kolja den Spitznamen Türwächter erworben. Der kleine Ukrainer hat immer im Blick, ob Besucher oder Betreuer auf seiner Etage unterwegs sind. Jetzt aber hört er Musik. Laute Schlager in seiner Heimatsprache. Irgendjemand hat es hinbekommen, sein grünes Tonie-Abspielgerät mit ukrainischen Liedern zu bespielen. Ein wenig Kiew auf den Fluren von Bethel. Kolja sitzt auf dem gelben Linoleum-Boden, seine Beine sind dünn und schwach. Ein Holzgitter trennt den Raum von zwölf Quadratmetern vom Flur. Drei Betten für drei Kinder. Der Junge ist multipel beeinträchtigt, Sprechlaute sind kaum zu verstehen. Bevor er in die Sozialeinrichtung in Bielefeld kam, konnte er nur sitzen und krabbeln. Schuhe trug er zu Hause nie. Er sieht aus wie elf, ist aber sechzehn. Seit einigen Wochen schwingt er sich in einen Rollstuhl. 

Kolja
Kolja

Mit den Armen hievt sich der Teenager geschickt hinein und fährt zum Fahrstuhl. Er liebt es, sich hoch- und runterfahren zu lassen. Doch jetzt läuft ihm Frau Wolters entgegen. Die Musikpädagogin hat eine Gitarre dabei. Es ist noch etwas Zeit, den jungen Musikfan Kolja zu erfreuen. Ein Frederik-Vahle-Song. Sie reicht ihm eine Rassel. Bald ist Essenszeit. Betreuer tragen Mitbewohner in den Essensraum. Haus Mamre ist seit drei Monaten Zuhause für sechsunddreißig Ukrainer mit besonderem Hilfebedarf. Am dritten März erteilte die Regierung in Kiew seinem Heim siebzig Kilometer südlich der Hauptstadt einen Evakuierungsbefehl. Kolja und einhundertzehn andere zwischen sechs und zweiundvierzig Jahren sollten vor russischen Bomben geschützt werden. Ihr Heim liegt zwischen einer Kaserne und einem Flugplatz. Hochgradig gefährdet. Bis dahin hatten Betreuer viele in einen Luftschutzkeller tragen müssen. „Wenn die Sirenen erklangen, mussten wir alle Kinder wecken und gemeinsam in den Keller“, erzählt Alla Ve­reshchak, die Heimdirektorin. Mit zehn Mitarbeiterinnen floh sie. Familien blieben.

Alla Veresszczak, Direktorin der Einrichtung für ukrainische Flüchtlingskinder mit Beeinträchtigung, in der Einrichtung im Haus Regenbogen in Bethel
Alla Veresszczak, Direktorin der Einrichtung für ukrainische Flüchtlingskinder mit Beeinträchtigung, in der Einrichtung im Haus Regenbogen in Bethel

Nach wenigen Tagen in überfüllten Notunterkünften in Stettin zeigte sich, dass die Gruppe der Benachteiligten weiterziehen musste. Auf Bitten der Landesregierung in Düsseldorf reiste Sandra Waters an die Ostseeküste. Sie ist Geschäftsführerin bei Bethel-Regional. Acht Tage später brachten zwei Busse und etwa dreißig Einzeltransporte die Gruppe nach Bethel. Zwei Gebäude konnten umgewidmet werden. Statt Sanierung nun Notquartier. Waters muss viel improvisieren. „Die Ukrainerinnen würden am liebsten zwanzig Tage durcharbeiten, wir achten auf den Arbeitsschutz“, sagt sie. Die Stadt zeige sich flexibel, etwa wenn Zimmer mit drei Betten überbelegt sind, weil die Ukrainer es nicht gewohnt sind, allein zu schlafen. Doch werden Behörden Qualifikationen unbürokratisch anerkennen? Werden sie nicht nur Eingliederungshilfen bewilligen, sondern alle Sozialleistungen? Im zweiten Stock von Haus Mamre riecht es nach Gemüse: Betreuer füllen Teller mit Kohlrabi mit Kartoffeln und Fisch. Kolja sitzt am Tisch. Neben ihm eine Betreuerin je Kind. Ohne sie hätte die Flucht nicht funktioniert, eine von ihnen hat ihre eigene Tochter mitgebracht. Kolja pickt mit seiner Gabel ein Stück Fisch. Eine der deutschen Betreuerinnen ruft: „Schmeckt’s, Kolja?“ In Bethel hat Kolja nicht nur gelernt, den Rollstuhl zu bedienen. Häufiger als zu Hause isst er feste Mahlzeiten. Die Betreuer glauben, dass einige aus seiner Gruppe hier laufen lernen könnten. Doch Direktorin Vereshchak macht deutlich, wovon trotz der guten Aufnahme alle träumen: „Am besten wäre es, wenn wir den Krieg gewinnen, und alles gut wird für die Ukraine.“ Einen kurzen Fußweg den Hügel hinauf haben Schulbusse gehalten. Betreuerinnen begleiten Jungen zum Eingang von Haus Ebenezer. 

Hier wohnen die Geflüchteten mit geringeren Beeinträchtigungen. Viele erhalten zum ersten Mal Schulunterricht. Einige Ältere sind in den Werkstätten von Bethel integriert. Um 12.43 Uhr öffnet sich die Tür zum Essenssaal. Alle strömen zu ihren Plätzen, löffeln die Nudelsuppe oder den Sahne-Joghurt aus. Ein Holzkreuz hängt an der Wand. 

Foto: Daniel Pilar
Foto: Danial Pilar
Bewohner der Einrichtung für ukrainische Flüchtlingskinder mit Beeinträchtigung im Haus Regenbogen in Bethel am 10.06.2022. Foto: Daniel Pilar

 An einem der Tische sitzen Diakonie-Präsident Ulrich Lilie und die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Annette Kurschus. Sie besuchen die einhundertelf Ukrainer an diesem Tag. Ein Schatz der Zivilgesellschaft, ein sicherer Ort, an dem man sich neu erfinden könne, ein Mikrokosmos der Flüchtlingssituation im Land, sagt er. Beeindruckendes spontanes Engagement, ein positiver Kulturschock, eine Übertragung ins Stetige müsse nun gelingen, sagt sie. Theologe Lilie verlangt, alle Sozialbehörden sollten so entgegenkommend sein wie die Stadtverwaltung. „Hoffentlich ist Bielefeld überall.“

Video: Daniel Pilar

Wenig später dröhnt laute ukrainische Popmusik durch den Garten. Unter einem Ahornbaum sind Plastikstühle aufgebaut. Kolja sitzt auf seinem Rollstuhl in der ersten Reihe. Mit zwei Freunden hat Stas eine Choreographie einstudiert. 

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Er ist achtundzwanzig und arbeitet in einer Autowerkstatt. Auf der Flucht trug er das Gepäck der Jüngeren. Seit er vier ist, lebte er in dem Heim. Auch er teilt sich sein Zimmer mit zwei anderen, drei Betten, ein Fußball, über Telegram hält er Kontakt nach Hause. „Ich denke über die Ukraine nach und bete“, sagt er. Beim Tanzen und Singen vergessen sie ein wenig das Heimweh und den Schmerz des Krieges. Auch Lilie und Kurschus reihen sich ein. Ausgelassene Stimmung, der man die Sehnsucht nach Hause anmerken kann. Eine Betreuerin tanzt mit Kolja, indem sie den Rollstuhl hin und her schiebt. 

Foto: Daniel Pilar
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Der Musikfan schnipst mit den Fingern. Als Sänger Wowa die Zeile „Wir wollen nach Hause“ singt, rollen einer Betreuerin Tränen über die Wange. Das Sommerfest dauert etwa eine Dreiviertelstunde. Dann rollt sich Kolja zurück zu Haus Mamre. Es geht bergab, er hat ganz schön Tempo erreicht. „Das ist ein Halunke“, sagt eine deutsche Betreuerin zu ihrem Kollegen. „Aber der kann das ja.“ Und schon sieht man ihn nicht mehr. Er ist angekommen. Zumindest vorübergehend.

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 19.06.2022 21:22 Uhr