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MENSCHEN&WIRTSCHAFT : Rechnungskünstler aus Schweden

  • Aktualisiert am
          3 Min.

          Gründerwettbewerbe sind nicht immer aussagekräftig. Als Sebastian Siemiatkowski vor sieben Jahren der hochkarätigen Jury der Stockholm School of Economics das Geschäftsmodell vorstellte, das er zusammen mit einem Kommilitonen erarbeitet hatte, nickten die versammelten Experten freundlich - und bedachten den Business Plan für einen Online-Bezahldienstleister mit dem letzten Platz.

          Wie daneben die Juroren damit lagen, konnten die beiden Studenten damals kaum wissen; sie ließen sich trotzdem nicht abschrecken und trieben das Kapital für ihre Gründung auf: Heute beschäftigt ihr Unternehmen Klarna knapp 500 Mitarbeiter. Den Umsatz im vergangenen Jahr beziffert Siemiatkowski mit umgerechnet rund 38 Millionen Euro, der Geschäftsbericht für 2009 weist einen Gewinn vor Steuern von 5,5 Millionen Euro aus. Der Gründer und Vorstandsvorsitzende selbst ist in Schweden gerade von einem Personaldienstleister zur "Führungskraft des Jahres" gewählt worden.

          Klarna übernimmt für Hersteller und Händler, die ihre Ware über einen Online-Shop vertreiben, die Zahlungsabwicklung. Dafür zahlen sowohl der Anbieter als auch der Käufer eine Gebühr. Der Clou ist, dass Klarna den Kunden die Möglichkeit gibt, ihre Einkäufe bis zu 15 Tage nach Erhalt der Ware per Rechnung oder per Ratenkauf zu bezahlen und nicht, wie im Internet üblich, auf Vorauskasse oder Kreditkarte besteht. "Wenn ein Kunde nicht bezahlen kann oder sich als Betrüger entpuppt, dann sind wir dran", sagt Siemiatkowski. Das Risiko versuchen die Schweden mit innovativen Methoden zu begrenzen. "Uns interessieren nicht so sehr der Wohnort und das Alter eines Einkäufers als vielmehr sein Verhalten", beschreibt Siemiatkowski die Systematik. "Wir bewerten beispielsweise Kunden, die um drei Uhr nachts online einkaufen, anders als solche, die mitten am Tag bestellen."

          Der in Markterhebungen ausgewiesene Trend zu Kreditkartenkauf und elektronischem Zahlungsverkehr entspreche nicht den Wünschen der Kunden, kritisiert Siemiatkowski, sondern der Technikversessenheit der Anbieter. "Die Leute werden gegen ihren Willen in diese Zahlungsformen gezwungen", sagt er. 4,5 Millionen Kunden haben sich bislang für eine vergleichsweise altmodische Rechnung von Klarna entschieden. Diese zusätzliche Alternative steigere die Umsätze der Online-Shops durchschnittlich um 20 bis 30 Prozent, wirbt Siemiatkowski.

          Das Transaktionsvolumen lag im vergangenen Jahr nach Auskunft des Gründers bei rund 1 Milliarde Euro. Außer in Schweden ist das Unternehmen, in das neben dem Management und vielen Mitarbeitern 2010 auch die amerikanische Beteiligungsgesellschaft Sequoia investiert hat, inzwischen in Finnland, Norwegen, Israel, in den Niederlanden und auch in Deutschland vertreten. Rund 1500 Händler, vom Fahrradspezialisten bis zum Blumenversand, haben sich hierzulande für die Rechnungskünstler aus Schweden entschieden, Siemiatkowski hält einen Marktanteil von 50 Prozent für möglich.

          "Ryanair hat die Luftfahrtbranche aufgeschreckt", sagt der Gründer ganz unbescheiden. "So ähnlich machen wir das jetzt mit den Banken." Klarna arbeite kostengünstiger als die meisten großen Institute, weil die Systeme technisch auf dem neuesten Stand seien. "Und weil wir an Einfachheit und Transparenz glauben." In seiner schwedischen Heimat bietet Klarna inzwischen sogar Sparkonten an, rund 80 Millionen Euro beträgt zurzeit die staatlich garantierte Einlagensumme. "Damit sind wir die fünft- oder sechstgrößte Bank des Landes!" Siemiatkowski kann es sich inzwischen also leisten, mit dem Fehlstart zu kokettieren. Das geht so weit, dass der Achtundzwanzigjährige seine Erfolgsgeschichte mit einer ganzen Kette von Pannen beginnen lässt. Das wirtschaftswissenschaftliche Studium hatte er für ein Jahr unterbrochen, um zusammen mit seinem späteren Kompagnon Niklas Adalberth in einem Schweizer Hotel das Erwerbsleben kennenzulernen. Für die Rückkehr nach Schweden nahmen sie sich eine Weltumrundung ohne Flugzeugbenutzung vor. "In Sydney haben wird das Containerschiff nach Acapulco verpasst und mussten einen Monat auf das nächste warten", berichtet Siemiatkowski, dessen Eltern Anfang der achtziger Jahre aus Polen nach Schweden ausgewandert sind. "Dadurch kam ich zu spät zur Zwischenprüfung zurück und hatte dann noch ein ganzes Jahr frei."

          Der in der Not angetretene Job bei einem der damals schon bestehenden Bezahldienstleister, der im Auftrag von Unternehmenskunden Rechnungen abwickelte, sei ihm zwar einerseits monoton vorgekommen. Andererseits habe der Frust darüber den Anstoß zur eigenen Gründung gegeben. "In der Branche lag viel Verbesserungspotential brach", sagt Siemiatkowski. Dann zählt er einen ganzen Katalog von Details auf, denen Klarna große Bedeutung zumesse. "Der Text auf der Rückseite der Rechnung muss verständlich sein, die Telefonnummer für den Kundendienst muss stimmen - und die über das Kontaktformular eingehenden Beschwerden liest bei uns die Geschäftsführung persönlich." So werde aus der Bezahldienstleistung umfassende Kundenpflege.

          Und aus dem trödelnden Weltreisenden von einst ist ein Unternehmer geworden, der auf das Flugzeug nicht mehr verzichten mag. Für potentielle Nachahmer hat er jedoch eine nüchterne Botschaft parat: "Wer denkt, eine Gründung bedeute etwas Bequemeres als viele Arbeitsstunden, der liegt schlicht falsch." Für einen spaßeshalber ausgerufenen internen Wettbewerb hätten die Klarna-Gründer anfangs ihre eigenen Stunden notiert - und damit bis heute weitergemacht. "Bei mir sind es rund 16 000 Stück", sagt er. Macht im Durchschnitt 7,3 Stunden am Tag, Wochenenden und Feiertage, Krankheit und Urlaub inklusive. "Das steht nicht im Lehrbuch."

          SEBASTIAN BALZTER

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