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Menschen und Wirtschaft : Mit Kreditkarten-Kleid im Rampenlicht

Messe-Profi Ariane Drefke Bild: F.A.Z. - Foto Frank Röth

Hosteß Ariane Drefke ist auf der IAA die wahrscheinlich meistfotografierte Frau. Die 24 Jahre alte Studentin ist ein Profi, ihr Kleid erregt einiges Aufsehen: Es besteht aus Hunderten von Kreditkarten.

          3 Min.

          Ariane Drefke wird dafür bezahlt, daß sie lächelt. Zehn Stunden am Stück, sieben Tage lang. Und sie lächelt viel. Die 1,77 Meter große, 24 Jahre alte Studentin steht in der Festhalle des Frankfurter Messegeländes und blickt in Objektive, die pausenlos um sie kreisen. Fast jeder, der die junge Frau sieht, möchte sie im Speicher seiner digitalen Kamera verewigt als Andenken mit nach Hause nehmen. Und all das nicht nur, aber auch wegen ihres Kleides, das aus Hunderten kleiner Kreditkarten besteht, die die Marke Smart zusammen mit Visa vermarkten will.

          Katharina Iskandar
          Verantwortliche Redakteurin für das Ressort „Rhein-Main“ der Sonntagszeitung.

          Top-Ten der blöden Kommentare

          So, wie sie im Scheinwerferlicht auf ihren fragilen Stöckelschuhen auf und ab stolziert und sich geschickt zur Seite dreht, damit ihre Silhouette noch schmaler wirkt, als sie ohnehin schon ist, ist die Vierundzwanzigjährige die wahrscheinlich meistfotografierte Frau auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA). „Die Kameras“, sagt sie, „stören mich eigentlich nicht. Höchstens, wenn jemand dazu noch einen blöden Kommentar von sich gibt.“ Zusammen mit ihrer Kollegin habe sie eine Top-Ten-Liste der unverschämtesten Sprüche aufgestellt.

          „Vom langen Stehen sicher eine Thrombose”
          „Vom langen Stehen sicher eine Thrombose” : Bild: AP

          Stündlich kämen neue hinzu. Schon als sie das Kleid zum ersten Mal gesehen hat, habe sie geahnt, daß es das Interesse der Besucher auf sich ziehen würde. Doch daß sie nun zu einer „ganz eigenen Attraktion“ geworden ist, wie sie sagt, hätte sie nicht gedacht. Und auch nicht, daß sie weitaus mehr Beachtung findet als das giftgrüne Smart-Modell, das nur wenige Meter neben ihr auf einem Podest thront und ein wenig einsam wirkt.

          Ein Messe-Profi

          Punkt acht Uhr beginnt der Einsatz der gebürtigen Brühlerin auf dem Frankfurter Messegelände. Für die Dauer der Ausstellung wohnt sie zusammen mit einer Kollegin in einer Wohnung in Rüsselsheim, die ihr die Agentur vermittelt hat. Fast jeden Abend müsse sie trösten, beschwichtigen, große Schwester spielen. Denn ihre Mitbewohnerin ist das erste Mal dabei und klage darüber, daß sie vom langen Stehen doch ganz sicher Thrombose bekomme.

          Im Gegensatz zu ihr ist Ariane Drefke ein Messe-Profi. Seit fünf Jahren schon macht sie den Job. Die IAA ist ihre achte Messe in diesem Jahr. Das, was sie damit verdiene, sei aber eher ein Taschengeld, erzählt sie, denn ihr Studium finanzierten die Eltern. Wieviel sie für ihren Auftritt im Kreditkarten-Kleid bekommt, das die Stuttgarter Modeschule entworfen hat, darf sie nicht verraten. „Es ist aber weitaus mehr, als die Mädchen im Servicebereich bekommen, obwohl deren Job wahrscheinlich viel anstrengender ist.“

          So tun, als sei man fit

          Fünf Jahre Lächeln, Broschüren austeilen und Small talk mit Besuchern haben die Studentin abgestumpft. „Man muß schlagfertig sein“, sagt sie. Und wenn man sieht, wie die Hostess aufdringliche Messegäste mit flotten Sprüchen in ihre Schranken weist, dann weiß man, wovon sie spricht. Vor allem aber kennt sie das Gefühl, am Abend eines Messetages nach Hause zu kommen und in der S-Bahn schon dreimal eingenickt zu sein. Am nächsten Morgen müsse man wieder strahlen und so tun, als sei man fit. „Meistens ist das ja auch so, sofern man nicht noch an den After-Work-Partys teilnimmt.“

          An den ersten drei Tagen, als nur die Pressevertreter kamen, habe die Agentur eigene Visagisten beauftragt, um Ariane in einen Paradiesvogel zu verwandeln, die die Marke Smart mit ihrem jugendlich-bunten Image vermarkten soll. Mittlerweile, sagt die Studentin, müsse sie sich morgens selber stylen. Das blonde Haar bringe sie mit einem Lockenstab in Form. „Damit es ein bißchen Volumen bekommt“, sagt sie und schaut verschmitzt, als amüsiere sie sich über den Schönheitswahn der Messedamen.

          Die reinste Erholung

          Das Make-up sieht auch nach stundenlanger Arbeit noch immer so aus, als habe sie es erst vor wenigen Minuten aufgetragen. Gold- und Blautöne schimmern auf ihren Augenlidern. „Der gleiche Goldton wie meine Schuhe“, meint die Hostess und zeigt auf ihre Füße. Die sandalenähnlichen Treter bestehen fast nur aus dünnen Schnüren. Und immer da, wo die Schnüre besonders eng sitzen, klebt ein Pflaster. Dezent, so daß man es mit bloßem Auge kaum sieht.

          Für Ariane wird es wahrscheinlich die letzte Messe in diesem Jahr sein. In wenigen Wochen beginnt das Semester an der Fachhochschule Düsseldorf. Dann müsse sie sich nicht mehr überlegen, von welcher Seite sie am liebsten in die Kameras lächelt. Statt dessen zeichnet und gestaltet sie für den Fachbereich Kommunikationsdesign. „Dann werde ich auch nicht mehr mit gold-blau geschminkten Augen durch die Gegend laufen.“ Und plötzlich freut sie sich auf den Studienbeginn. „Das“, sagt sie, „wird die reinste Erholung nach diesem Job.“

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