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Hanks Welt : Studierende sind keine Kunden

Studierende in einem Hörsaal: Der Kundenbegriff für das Studium ist nicht nur fehl am Platz, sondern schädlich, findet Rainer Hank. Bild: dpa

In ihrer Hexenjagd instrumentalisieren Studenten die Marktwirtschaft, um die Meinungsfreiheit der anderen zu unterdrücken. Das könnte man die neoliberale Variante des Meinungsterrors nennen.

          4 Min.

          Nach einer schweren Panikattacke hat die Philosophin Kathleen Stock, 48, Ende Oktober ihren Lehrstuhl für Philosophie an der britischen University of Sussex aufgegeben. „In einem derart vergifteten Klima kann ich nicht mehr arbeiten“, gab sie zu Protokoll. Der Fall hat weltweit Aufsehen erregt: Kathleen Stock versteht sich als linke, gender-kritische Feministin. Sie hat zwei Söhne, ist lesbisch, ihre Partnerin ist schwanger. Von der mächtigen Transgender-Bewegung wurde die Philosophin als „transphob“ beschimpft, verunglimpft und mürbegemobbt.

          Rainer Hank
          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Für Leute außerhalb des universitären Milieus mag sich der Streit merkwürdig fremd anhören. Er bestimmt aber die zunehmend aggressiven Debatten der akademischen Gemeinden, nicht nur im angelsächsischen Raum. Während die Transgender-Bewegung einen Konstruktivismus vertritt, wonach jeder sich als Mann, Frau oder queer definieren kann unabhängig von seiner biologischen Natur, sieht der genderkritische Feminismus darin einen übergriffigen Machbarkeitswahn und hält an der Unhintergehbarkeit der biologischen Natur fest.

          Freie Rede auf dem Spiel

          Die Definition der persönlichen Zugehörigkeit sei nicht über allem erhaben, sagen die Feministinnen. Die biologische Natur lasse sich nicht wegdefinieren. Das wiederum nennen die Transgender-Leute eine Verletzung ihres Rechts auf Selbstbestimmung. Sie, die Schwächeren, beanspruchen größere Schutzrechte. Die Feministinnen hingegen befürchten, dass Männer als Transgenderleute in die Frauentoiletten eindringen.

          Kathleen Stock hat ihren Lehrstuhl für Philosophie an der University of Sussex aufgegeben.
          Kathleen Stock hat ihren Lehrstuhl für Philosophie an der University of Sussex aufgegeben. : Bild: picture alliance / dmg media Licensing

          Nun könnte man diesen Streit ruhig den akademischen Debatten überlassen, die nichts oder allenfalls am Rande etwas mit einer Wirtschaftskolumne zu tun haben. Doch das ist eben noch nicht das Ende der Geschichte. Denn es geht um die freie Rede und das Recht, in einer liberalen Gesellschaft alles sagen zu dürften – zumindest bis heran an die Grenzen des Strafrechts. Die freie Rede („Parrhesie“), in der man ohne falsche Rücksichtnahme aussprechen darf, was man für wahr hält, ist seit der Antike eine humane Errungenschaft der Zivilisation. Sie ist es, die heute auf dem Spiel steht.

          Die Gegner der Freiheit von Forschung und Lehre im Fall Stock finden sich nämlich nicht nur, aber vor allem auch unter der Studentenschaft der Universität Sussex, während viele Professoren und die Universitätsleitung – zumindest eine Zeit lang – ihrer Kollegin den Rücken stärkten. Die Studenten berufen sich auf ihren emotionalen Schutzraum, den Kathleen Stock verletzt habe. Und da kommt nun auch die Marktwirtschaft ins Spiel: „Wir zahlen doch keine 9250 Pfund jährlich, um von einer transphoben Professorin beleidigt zu werden“, so war es auf den Plakaten einer Demon­stration zu lesen. Nach der Demission von Kathleen Stock triumphierten ihre Gegner und sangen „Ding, dong, die Hexe ist tot“ aus dem Film „Der Zauberer von Oz“.

          Die Studenten in ihrer Hexenjagd instrumentalisieren die Marktwirtschaft, um die Meinungsfreiheit der anderen zu unterdrücken. Das könnte man die neoliberale Variante des Meinungsterrors nennen, der durch seine ökonomische Legitimation auch nicht besser wird als bei den Achtundsechzigern, die sich nicht als Agenten des Marktes, sondern als Propheten der Weltrevolution verstanden. Terror bleibt Terror. „Sie wollen nicht argumentieren, sie wollen meine Reputation zerstören“, sagt Kathleen Harris.

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