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Mein Lehman : Josef Ackermann, damals Chef der Deutschen Bank

  • Aktualisiert am

Bild: Gaby Gerster/laif

Die Nachricht von der Lehman-Pleite kam im Auto.

          2 Min.

          Josef Ackermann erfährt am Sonntagabend, dass die Pleite von Lehman unmittelbar bevorsteht. Er sitzt im Auto auf dem Rückweg von Zürich, wo er das Wochenende verbracht hat, nach Frankfurt und liest Unterlagen, als sein Mobiltelefon klingelt. Am anderen Ende der Leitung ist Seth Waugh, sein Statthalter in den Vereinigten Staaten. Der berichtet ihm, dass alle Rettungsversuche gescheitert seien, die Finanzgemeinde in New York treffe bereits Vorbereitungen für den nächsten Morgen, wenn die Börsen wieder öffnen.

          Der Deutsche-Bank-Chef kann die Nachrichten aus den Vereinigten Staaten kaum glauben. Er hatte bis zum Schluss darauf gesetzt, dass Lehman aufgefangen würde. Zu viel stand auf dem Spiel – Wahlkampf hin oder her. Und im Finanzministerium in Washington hatte mit dem Ex-Goldman-Chef Henry Paulson schließlich ein Vollprofi das Sagen. Sein erster Gedanke: „Das ist der GAU.“ Zwar war sein Haus schon einige Zeit auf den Worst Case bei Lehman eingestellt, die direkten Auswirkungen halten sich in Grenzen, aber der Schweizer weiß, dass die indirekten Folgen über den Markt verheerend sein werden. Und dass ihm eine Horrorwoche bevorsteht.

          Bank auf das Unvermeidliche vorbereiten

          Keine Bank würde einer anderen mehr Geld leihen. Er hat jetzt keinen Blick mehr für Akten. Es gibt Wichtigeres zu tun. Als Ersten ruft er seinen Risikochef Hugo Bänziger an, dann Anshu Jain, den Chef des Wertpapierhandels. Es gilt, die Bank bestmöglich auf das Unvermeidliche vorzubereiten und zu retten, was zu retten ist. Wie zu erwarten, verpufft am Montag das ohnehin seit Monaten schwer angeschlagene Vertrauen an den Finanzmärkten komplett. Panik bricht aus. Niemand kann mehr sagen, welche Bank jetzt noch sicher ist und welche als nächste in den Abgrund stürzt. Notenbanken rund um die Welt pumpen Hunderte Milliarden – die EZB an zwei Tagen allein 100 Milliarden Euro – an Extra-Liquidität in die Geldmärkte, damit das System nicht zusammenbricht. Die Fed akzeptiert erstmals Aktien als Sicherheit für die Refinanzierung von Geschäftsbanken.

          Die Börsen erleben den schwärzesten Montag seit vielen Jahren. Bankaktien verlieren besonders stark. Der Index für europäische Geldinstitute gibt um weitere acht Prozent nach. Der Kurs der Deutschen Bank fällt um über sechs Prozent. Doch das ist noch nicht das Ende – und gar nichts im Vergleich zu einem Papier, das einmal als eines der solidesten galt, der Aktie des größten Versicherungsunternehmens der Welt, American International in New York. Es bricht am Montag zeitweise um über 70 Prozent ein. Die Investoren fürchten um die Überlebensfähigkeit des Assekuranz-Riesen, der sehr stark im riskanten Geschäft mit Kreditausfallversicherungen auf CDOs engagiert ist. An dem Montag, an dem die viertgrößte Bank der Vereinigten Staaten Konkurs anmeldet, droht auch der Zusammenbruch des weltgrößten Versicherers.

          In diesen Tagen bekomme ich (Stefan Baron, einstiger Kommunikationschef der Deutschen Bank, (Anm. der Redaktion) von Josef Ackermann so wenig zu sehen und zu hören wie nie zuvor und nie mehr danach in meinen Jahren bei der Bank. Es ist gespenstisch: Nie waren die Tage für mich als Kommunikationschef der Deutschen Bank ruhiger als auf dem Höhepunkt der Jahrhundertkrise. Völlig ungestört kann ich Mittagspause machen und den Abend bei meinem Stammgriechen an der Ecke verbringen. Die Öffentlichkeitsarbeit hat Pause. So muss es sich im Auge eines Orkans anfühlen: Kein Wind, keine Wolken, kein Regen – und dennoch weiß man: Nicht weit entfernt toben Urgewalten und richten schlimme Verwüstungen an.

          Aufgezeichnet vom damaligen Kommunikationschef der Deutschen Bank. Stefan Baron, in seinem Buch „Späte Reue“, erschienen bei Econ 2013, 24,99 Euro.

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