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Mein Lehman : Jörg Asmussen, damals im Finanzministerium

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Bild: Gyarmaty, Jens

Die Kollegen aus Amerika haben mich geweckt.

          2 Min.

          Das Wochenende vor der Lehman-Pleite waren wir in Nizza, informelles Treffen der Finanzminister. Alle wussten, dass es eine brenzlige Situation ist. Minister Steinbrück hat mit seinem amerikanischen Kollegen telefoniert. EZB-Präsident Trichet hat viel telefoniert. Immer mit dem Ziel, die Amerikaner zu überzeugen: Rettet sie. Es war klar, dass die Amerikaner schwanken. Aber alle dachten noch, das werde gutgehen.

          Dass dem nicht so war, habe ich erst erfahren, als ich schon wieder in Berlin war. Tief in der Nacht von Sonntag auf Montag wurde ich durchs Telefon geweckt. Es war ein Anruf meines Kollegen aus dem amerikanischen Finanzministerium, der mir mitteilte, dass Lehman fallen gelassen wird. Ich habe darauf erst einmal ruhig reagiert. Man wusste ja nicht, was passiert. Ich bin erst einmal zu einer Konferenz des Versicherungsverbands gegangen und habe Solvency 2 erklärt. Es hat zwei Wochen gedauert, bis die Schockstarre sich durchs System gefressen hatte.

          Keine Stabilisierung ohne den Staat

          Dann war klar: Der Interbankenmarkt ist völlig zum Erliegen gekommen, die Banken leihen sich gegenseitig kein Geld mehr. Und es war auch erst dann klar, dass es für die HRE keine Stabilisierung ohne den Staat geben wird. Langsam wurde mir bewusst: Das ist kein Einzelfall, wir haben ein systemisches Problem. Es folgten die beiden HRE-Wochenenden und der berühmte 5. Oktober mit der Garantie der Spareinlagen der Deutschen.

          Die entscheidende Nacht für mich war vom 12. auf den 13. Oktober. Die Kanzlerin, Jens Weidmann und ich kamen aus Paris, wo die europäischen Staatschefs ihre Krisenstrategie koordiniert hatten. Minister Steinbrück kam von der Herbsttagung des Internationalen Währungsfonds aus Washington zurück. Wir haben uns um zehn, halb elf im Kanzleramt getroffen: Kanzlerin, Finanzminister, Vizekanzler, Chef des Kanzleramtes, dazu Jens Weidmann und ich. Es ging um das Finanzmarktstabilisierungsgesetz, den Bankenrettungsfonds. Den Rahmen hatten wir stehen, aber die großen Punkte, das Volumen zum Beispiel, fehlten. Das wurde in der Nacht entschieden.

          Der entscheidende Moment der Krise

          Gegen drei waren wir fertig und Jens Weidmann und ich sind zu unseren Leuten und haben das ins Gesetz eingearbeitet. Um halb acht haben die beamteten Staatssekretäre darüber beraten, um zehn tagte das Kabinett, danach Bundespressekonferenz. Nachmittags wurden die Fraktionen unterrichtet. Das war für mich der entscheidende Moment der Krise.

          Angst hatte ich nie, Respekt ja. Aber ich musste völlig neu agieren. Die Datenreihen hatten einen Bruch. Erst denkt man, das ist eine Anomalie, dann merkt man: Nein, es ist ein echter Bruch. Dann ist jede Empirie wertlos. Jens Weidmann, Axel Weber und ich, wir sind empirisch getriebene Leute, aber das funktionierte damals nicht mehr. Man hat also versucht, am Telefon mit Marktteilnehmern ein Gespür dafür zu bekommen, was los ist, was zu tun ist.

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