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Mein Lehman : Jean-Claude Trichet, damals EZB-Präsident

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Bild: REUTERS

Ich habe permanent telefoniert.

          2 Min.

          Als EZB-Präsident habe ich immer viel gearbeitet, aber noch mehr nach Lehman. Ich hatte keine freien Wochenenden in den ersten Wochen. Und als ich wieder mal etwas freie Zeit hatte, dann trug ich, wenn ich etwa im Wald spazieren ging, immer meinen Blackberry bei mir, immer bereit, alles zu abzubrechen. Für mich war es wichtig, Kontakt zu halten, nicht nur zu allen Zentralbankern, sondern auch zu den Chefs der realen Wirtschaft. Ich brauchte das, um zu verstehen, was los war. Normalerweise verlassen sich Zentralbanken sehr stark auf Zahlen und Analyse. Aber das war nach Lehman nicht möglich, weil sich alles so schnell veränderte. Ich musste mich verlassen auf das, was die Menschen mir erzählten, auf ihre persönliche Erfahrung und Bewertung.

          Schon vor der Lehman-Pleite war klar, dass wir in einer gefährlichen Welt lebten. Aber der 15. September markierte den Beginn der absolut dramatischen Episode der Krise. Am Wochenende vor der Lehman-Pleite war ich in Nizza auf einem informellen Treffen der Finanzminister und Zentralbankchefs. Zu dieser Zeit glaubte die ganze Welt, dass Lehman gerettet würde. Ich hatte das ganze Wochenende lang Telefonkonferenzen mit Zentralbankern der ganzen Welt.

          Den Geisteszustand wechseln

          Zu Anfang des Wochenendes, vielleicht am Samstag, erfuhr ich, dass die amerikanische Regierung beschlossen hatte, kein Geld der Steuerzahler zu geben, und dass sie nach einer privaten Lösung suchten. Spätnachmittags am Sonntag hieß es dann: Es gibt keine private Lösung.

          Ich war sofort besorgt über die Folgen. Nicht alle glaubten, dass der Kollaps negative Folgen haben würde. Und die erste öffentliche Nachricht der amerikanischen Behörden am Montag war: „Das ist gut, die Firma war nicht gut gemanagt.“ Ich aber war von Anfang an besorgt. Und nach ein paar halben Tagen war klar: Wir mussten den Geisteszustand wechseln. Die Frage war nun: Wie stoppen wir den Finanz-Tsunami? Alle Banken und Firmen verhielten sich gleich. Sie dachten: Wenn Lehman zusammenbrechen kann, kann jeder zusammenbrechen. Sie verloren alles Vertrauen und versuchten, so liquide wie möglich zu sein. Dieses Phänomen war die Krise.

          Wir trafen sofort eine Reihe von Notfall-Entscheidungen, um das benötigte Geld unter diesen ungewöhnlichen Umständen zur Verfügung zu stellen. Das Angebot von Liquidität, in Dollar und Euro, wurde dramatisch verbessert dank der Entscheidungen, die wir am 18., 26. und 29. September trafen und am 3., 7., 8., 13. und 15. Oktober. Das gibt Ihnen eine Idee der Anspannung, die herrschte! Am Ende boten wir so viel Liquidität an, wie die Banken zu festen Zinssätzen haben wollten, auch in Dollar. Und wir senkten die Zinssätze in einem historisch ausnahmslosen Schritt gemeinsam mit fünf anderen Zentralbanken.

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