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Mein Lehman : Andreas Dombret, damals Deutschland-Chef der Bank of America

  • Aktualisiert am

Bild: ddp

Ich googelte „Bankinsolvenz“. Das Netz war auf die Frage nicht vorbereitet.

          2 Min.

          An dem Wochenende, als Lehman fiel, war ich nicht im Auge des Sturms in New York, sondern in Deutschland. Ich war damals Chef der deutschen Tochter der Bank of America. Die Nachricht von der Lehman-Insolvenz erreichte mich per E-Mail aus Amerika. Jedem war bereits zuvor klar: Die amerikanischen Banken hatten große Probleme. Ihre Kurse fielen. Die Volatilität war enorm hoch, die Preise für Kreditausfallversicherungen stiegen: Es war ganz offensichtlich, dass etwas passieren würde.

          Meine Bank war damals von den drei amerikanischen Großbanken der wahrscheinlichste Kandidat, Lehman zu übernehmen. Am Freitag vor dem Wochenende sahen wir massive Kapitalabflüsse bei Lehman. Mein Ko-Geschäftsführer Franz Barthel und ich hatten schon anderthalb Wochen vorher im Zahlungsverkehr eine Vorsichtsmaßnahme getroffen: Jede einzelne Überweisung an Lehman durfte nicht automatisch durchgehen, sondern musste von Hand bestätigt werden. Und zwar nicht nur, wenn der Name korrekt geschrieben war, sondern auch bei Tippfehlern oder wenn jemand den Namen anders eingab. Deshalb erweiterten wir diese Vorkehrung auch für Buchungen an „Lehmann mit Doppel-n“, an das „Bankhaus Lehman“ oder an „Gebrüder Lehman“. Damit bloß keine Panne passiert.

          Auf der Suche nach Antworten

          Am Sonntag spitzte sich die Lage dramatisch zu. Ich erhielt einen Anruf aus Amerika, dass meine Bank nun wohl doch nicht Lehman, sondern Merill Lynch übernehmen würde. Damit war mir zugleich klar, dass Lehman ein Riesenproblem hat. Die Nacht verbrachte ich damit, im Internet nach Informationen zu suchen, wie eigentlich eine internationale Bank abgewickelt wird. Denn einen Abwicklungsfall in der Größenordnung hatte es bis dato nicht gegeben. Aber da gab es so gut wie nichts: Das Internet war auf so eine Frage nicht vorbereitet. Ich konnte es mir zwar nicht vorstellen, dass die Amerikaner Lehman einfach pleitegehen lassen würden. Aber ich wollte gerüstet sein für die mögliche Implosion der Wall Street.

          Am Montagmorgen bin ich sehr früh aufgestanden, habe meine E-Mails gelesen, und da kam die Nachricht, es werde sehr früh amerikanischer Zeit eine Pressekonferenz geben – noch vor Börsenöffnung in den Vereinigten Staaten. Im Büro habe ich als Erstes noch mal überprüft, dass beim Zahlungsverkehr nichts schiefgehen kann. Dann riefen die ersten Kunden an und fragten nach Informationen. Wir konnten nur sagen: „Es gibt eine Pressekonferenz, lassen Sie uns in Kontakt bleiben.“ Als wir später die Konferenz im Fernsehen verfolgten, war bereits bekannt, dass Lehman insolvent ist, in London aber noch handelt. Eigentlich erwarteten wir, dass die Börsenkurse abstürzen. So schlimm kam es aber am ersten Tag dann doch nicht. Der Dow Jones brach „nur“ um 4,4 Prozent ein, der deutsche Aktienindex Dax um gut 2 Prozent. Der große Einbruch kam erst einige Wochen später.

          Aus dem Fall Lehman habe ich viel gelernt. Meine wichtigsten Lehren aus dem Debakel: Wir brauchen mehr Eigenkapital und mehr Liquidität, aber auch mehr Transparenz und einen besseren Überblick, wie die Banken untereinander vernetzt sind. Das betrifft nicht zuletzt die Geschäfte mit Derivaten. Und wir brauchen ein internationales Insolvenzsystem für Banken – auch große Banken müssen scheitern können, ohne das ganze System in Schieflage zu bringen. Lehman steht für mich auch für Gier und eine zu starke Kurzfrist-Orientierung der Vergütungssysteme in Banken. Was wir brauchen, ist ein Wertewandel und mehr Verantwortungsbewusstsein in Teilen der Bankenwelt. Wir müssen das Finanzsystem als Dienstleister der Realwirtschaft begreifen. Lehman hat diese Rolle nur sehr eingeschränkt erfüllt – nicht zuletzt das wurde der Bank zum Verhängnis.

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