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Weite Arbeitswege : Deutschland hat eine neue Pendler-Hauptstadt

  • Aktualisiert am

Der morgendliche Berufsverkehr auf der A555 in Köln Bild: dpa

Der Anteil der Pendler steigt und steigt. Was folgt daraus?

          2 Min.

          Immer mehr Beschäftigte in Deutschland pendeln zur Arbeit. Zugenommen hat die Zahl der Pendler zwischen den Bundesländern, zwischen den Kreisen und über Gemeindegrenzen hinweg. Auch die Länge des Wegs zur Arbeit ist im Schnitt gestiegen.

          Im vergangenen Jahr gab es 3,4 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, die ihren Arbeitsort nicht in dem Bundesland hatten, in dem sie wohnten. Im Jahr davor waren es rund 50.000 weniger – und 1999 erst 2,14 Millionen. Das geht aus Daten zu Pendlerverflechtungen der Bundesagentur für Arbeit (BA) hervor, die die Linken-Abgeordnete Sabine Zimmermann analysiert hat.

          Für die Arbeit ihre Gemeinde verlassen haben im Jahr 2018 knapp 60 Prozent aller Arbeitnehmer. Im Jahr 2000 waren es lediglich 54 Prozent. Das zeigt eine weitere Auswertung der Pendlerdaten, die das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung vorgenommen hat. Demnach pendelten zuletzt gar 19,3 Millionen Beschäftigte. Im Jahr 2000 waren es noch 14,9 Millionen. Die starke Zunahme liege vor allem am Beschäftigungszuwachs in den vergangenen Jahren.

          Mehr Beschäftigten verlassen auf dem Weg zur Arbeit auch ihren Stadt- oder Landkreis. 2018 waren dies 12,6 Millionen, 2000 erst 9,3 Millionen.

          Knapp 17 Kilometer Anfahrt im Schnitt

          Wie das Bundesinstitut weiter ermittelt hat, stieg die durchschnittliche Länge der Arbeitswege von 14,8 Kilometer im Jahr 2000 auf 16,9 Kilometer im Jahr 2018. Die 16-Kilometer-Distanz wurde bereits 2006 überschritten, in den vergangenen Jahren schwächte sich der Trend zu immer weiteren Arbeitswegen ab.

          „Der Druck, im Beruf mobil zu sein und weite Wege zum Arbeitsplatz zurückzulegen, hat in den letzten Jahren unvermindert angehalten“, sagte die Linken-Abgeordnete Zimmermann. Der Preis sei zunehmender Stress, insbesondere bei Fernpendlern, bis hin zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen.

          Besonders lang sind die Wege zu den Arbeitsmarktzentren demnach in den dünn besiedelten Räumen abseits der Ballungsräume, wie die Forscher erläutern. In großen Teilen Mecklenburg-Vorpommerns, Brandenburgs und Sachsen-Anhalts legen Beschäftigte demnach im Durchschnitt mehr als 30 Kilometer auf dem Weg zur Arbeit zurück.

          Von Ost nach West

          Noch immer fahren wesentlich mehr Beschäftigte auch aus Ostdeutschland zum Arbeiten in die westlichen Bundesländer als in umgekehrter Richtung. 2019 pendelten nach den BA-Zahlen rund 415.000 ostdeutsche Beschäftigte in den Westen. Umgekehrt kamen aus Westdeutschland 178.000 Beschäftigte zum Arbeiten in den Osten.

          Vor allem in die Metropolen pendeln regelmäßig Hunderttausende. An der Spitze der Stadt- und Landkreise steht laut dem Bundesinstitut die Stadt München: Hier kamen zuletzt rund 390.000 Beschäftigte aus einem anderen Kreis in die Stadt zur Arbeit. Es folgten Frankfurt am Main (374.000), Hamburg (350.000) und Berlin (315.000). Umgekehrt pendeln aus den großen Städten auch zunehmend Beschäftigte zu Arbeitsplätzen im Umland oder in andere Großstädte, teilte das Bundesinstitut weiter mit.

          Arbeitgeber müssten Arbeitszeitmodelle finden, die den Beschäftigten Flexibilität einräumen und dem Pendelstress entgegenwirken, forderte Zimmermann. Dass mehr Menschen von Ost nach West pendeln, sei zudem Ausdruck der Niedriglöhne in den neuen Ländern. Der ostdeutsche Arbeitsmarkt werde dadurch noch immer wesentlich entlastet, Probleme würden überdeckt.

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