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Der Metzger und der Missionar

Von JOHANNES PENNEKAMP, Fotos ILKAY KARAKURT

22. April 2022 · Am Frankfurter Grüneburgweg arbeiten ein Metzger und ein aktivistischer Veggie-Restaurant-Betreiber einen Steinwurf voneinander getrennt. Noch nie haben sie ein Wort miteinander gewechselt. Nun sitzen sie an einem Tisch.

Nur eine Straßenkreuzung trennt sie, doch zwischen ihnen liegen Welten. Frank Schüchter, Grüneburgweg 47, Metzger und Inhaber der Traditionsmetzgerei Illing. Und Nir Rosenfeld, Grüneburgweg 41-43, Tierrechtsaktivist und Betreiber des Vegan-Restaurants Dominion. Die beiden Männer kennen sich nicht, aber das Geschäft des jeweils anderen kennen sie gut. Jedenfalls von außen. Metzger Schüchter sagt über das Restaurant nebenan: „Dieses Kämpferische mit den ganzen Plakaten und Parolen an den Fensterscheiben, da gehe ich nicht rein.“ Gastronom Rosenfeld stoßen die Steaks und Würstchen in der Auslage des Metzgers ab. „Da liegen mir zu viele Leichen rum“, sagt er. Unter keinen Umständen wollen sie den Laden des anderen betreten, um miteinander zu reden oder zu streiten. Also erstmal Einzelgespräche. 

Nir Rosenfeld, Tierrechtsaktivist und Betreiber des Vegan-Restaurants Dominion
Nir Rosenfeld, Tierrechtsaktivist und Betreiber des Vegan-Restaurants Dominion Foto: Ilkay Karakurt
Frank Schüchter, Metzger und Inhaber der Traditionsmetzgerei Illing
Frank Schüchter, Metzger und Inhaber der Traditionsmetzgerei Illing Foto: Ilkay Karakurt

Nir Rosenfeld kann auf die Minute genau sagen, wann er beschlossen hat, nie wieder ein Stück Fleisch in den Mund zu nehmen: „4. September 2017, 21 Uhr.“ Er hat in jenem Moment einen Handy-Screenshot gemacht, nachdem er auf Youtube das Video eines Aktivisten geschaut hatte, der Tiere aus Käfigen befreit. Es war nicht das erst Video dieser Art, das sich der heute Einundfünzigjährige angesehen hat, aber dieses habe ihn endgültig zum Veganer gemacht. Dass Rosenfeld einmal alle tierischen Produkte aus seinem Leben verbannen würde, war nicht absehbar. Im Gegenteil. Als er klein war, haben seine Eltern in seiner Heimat Tel Aviv ein Restaurant betrieben, das zu Deutsch „Fleisch“ heißt. In dem Steakhouse ist er großgeworden, dort hat er gelernt, Gastronom zu sein. Als er vor knapp zwanzig Jahren nach Frankfurt kam, übernahm er zwei Restaurants, in denen Steaks und Burger auf der Karte standen. „Ich habe Fleisch geliebt“, sagt er. Bis zum 4. September 2017. 


„Tiere schlachten ist Mord.“
NIR ROSENFELD

Als er seiner Mutter, der Steakhouse-Inhaberin, erzählte, künftig kein Fleisch mehr zu essen und auch keins mehr zu verkaufen, habe die ihn gefragt, ob er verrückt geworden ist. Fleisch verkaufen, das war doch die Grundlage für den Wohlstand, den sich die Familie aufgebaut hat. Viereinhalb Jahre später scheint Rosenfeld auch mit seinen drei Veganen-Restaurants in Frankfurt erfolgreich zu sein. Mittags ist das „Dominion“ trotz Pandemie jedenfalls gut gefüllt, er plane gerade, mit Hilfe eines Investors eine vegane Großküche im innerstädtischen Gallusviertel zu eröffnen. 

Rosenfeld ist ein besonnener Mann, aber ein Radikaler, sobald es ums Fleischessen geht. Er sagt dann Sätze wie diesen: „Tiere schlachten ist Mord.“ Mensch und Tier haben in seinen Augen dasselbe Recht zu leben. Wie aus der Pistole geschossen zitiert Rosenfeld Studien darüber, welche Panik Tiere kurz vor ihrem Tot durch einen Bolzenschuss haben und wie schlecht Massentierhaltung für das Klima ist. Ob es nicht in Ordnung sei, ein Stück Fleisch zu grillen, das von einem Rind kommt, das glücklich auf einem Bio-Bauernhof gelebt hat? „Haben Sie einen Hund?“, erwidert er. „Wie fänden sie das, wenn man ihm am schönsten Tag seines Lebens eine Kugel in den Kopf jagt?“

Video: F.A.Z.
Video: F.A.Z.

Frank Schüchter hat vor einer Stunde Feierabend gemacht. Die Fleischtheke vor ihm ist jetzt ausgeräumt und blankpoliert. Sie ist nagelneu, der Metzger hat gerade umgebaut. „10.000 Euro kostet ein Meter Theke“, rechnet er vor. Den gesamten Verkaufsraum der Metzgerei Illing zu renovieren, die es in Frankfurter seit 1851 gibt, habe eine Viertelmillion Euro gekostet. Es ist schick geworden: graue Fliesen mit Ornamenten, links ein „Dry-Ager-Kühlschrank“, in dem Rindfleisch sechs bis acht Wochen bei einer bestimmten Luftfeuchtigkeit reift, und hinter der Theke das beleuchtete Logo – ein überlebensgroßer Bullenkopf. 


„Es gibt überhaupt keinen Nachwuchs mehr.“
FRANK SCHÜCHTER

Schüchter hat den Familienbetrieb vor mehr als zwanzig Jahren von seinem Stiefvater übernommen. Auch ihm wurde das Geschäft mit dem Fleisch in die Wiege gelegt. „Mein Opa war Viehhändler“, sagt er. Als kleiner Junge sei er mit ihm auf die Märkte gegangen. „Da bin ich groß geworden.“ Metzger sein, ist ein Knochenjob. Morgens um sechs Uhr beginnt sein Arbeitstag, vor zwanzig oder einundzwanzig Uhr abends endet er nie. In der Zwischenzeit zerlegen der Einundfünfzigjährige und seine dreizehn Angestellten das Rindfleisch, das aus dem Westerwald kommt, und die halben Schweine aus Schwäbisch-Hall. Mittags ist Rush-Hour, da strömen die Menschen aus den benachbarten Bürogebäuden zum Mittagstisch in die Metzgerei. Abends dann noch Putzen und Abrechnung. Urlaub zu machen sei problematisch, sagt Schüchter. An seiner Tür hängt ein Zettel, auf dem er nach Personal sucht. „Es gibt überhaupt keinen Nachwuchs mehr. In ein paar Jahren wird es solche Metzgerbetriebe nicht mehr geben“, prognostiziert er. 

Video: F.A.Z.
Video: F.A.Z.

Mit einem Treffen in der Redaktion der F.A.Z. sind beide Männer einverstanden. Sie unterhalten sich zwei Stunden lang. 

Schüchter: Was mich stört, ist, dass bei den Fleisch-Gegnern alles immer sehr aggressiv ist. Das sieht man ja auch bei euch im Laden: Wer Fleisch isst, ist Mörder. Warum muss das so aggressiv sein?

Rosenfeld: Gegenfrage: Warum sollen wir so aggressiv zu fühlenden Lebewesen sein? Sowas fragen Fleischesser nie. Wenn ich die Bilder der Massentierhaltung sehe, natürlich werde ich da aggressiv. Aber ich würde niemals einen Menschen verletzen.

Schüchter: Diese Bilder im Fenster, das ist so wie eine Zigarettenschachtel, auf der eine offene Lunge drauf ist. Ich als Fleischesser würde mich davon nicht inspirieren lassen. Da gibt es Leute, die gehen extra auf die andere Straßenseite, um sich das nicht anschauen zu müssen.

Rosenfeld: Um Gottes Willen, das will ich nicht. Ich mache das nicht, um Leute zu provozieren oder zu erschrecken, das bringt mir gar nichts. Ich will die Leute zum Nachdenken bringen.

Foto: Ilkay Karakurt
Foto: Ilkay Karakurt

Menschen mit Schock-Bildern zu konfrontieren, schadet der veganen Sache offenbar nicht: Rosenfelds Aktionsradius endet nicht in seinem Restaurant. Samstags steht er mit anderen Aktivisten auf der Frankfurter Fußgängerzone Zeil. Auf Bildschirmen halten sie Passanten grausame Aufnahmen aus Tierställen entgegen.

Rosenfeld: Sobald jemand mehr als zwei Minuten stehenbleibt, geht einer von uns auf ihn zu und fragt: Haben Sie solche Bilder schon gesehen? Zu 99 Prozent kommt es dann zu einem Gespräch.

Schüchter: Und, bringt das was?

Rosenfeld: Durch diese Aktion werden viele Leute vegan. Hauptsächlich junge Leute, kommen dazu. Manche laufen vorbei und schreien: Scheiß-Veganer. Aber auch die kriegen die Bilder von den gequälten Tieren nie mehr raus dem Kopf. Man kann das nicht mehr löschen.

Schüchter: Das ist ja Gehirnwäsche (lacht).

Rosenfeld: Aber positive! 

Metzger und Missionar – beide sind nicht unvorbereitet zum Gespräch gekommen. Frank Schüchter hat Fragen mitgebracht. 

Schüchter: Wo ich mich immer frage, was das soll: Diese ganzen vegetarischen Produkte, warum müssen die dann „Ente“ oder „Burger“ heißen? 

Rosenfeld: Warum nennen Sie ein totes Schwein „Schnitzel“ und nicht „totes Tier“? Keiner von uns erzählt die Wahrheit. Ich will Leute zu Veganern machen. Und wenn ich jemanden frage, ob er gerne Burger mag, sagt er ja. Dann biete ich ihm an, einen veganen Burger zu probieren. Dann kriege ich ihn eher, als wenn ich mit dem Linsen-Bohnen-Patty komme.

Schüchter: Leben Sie denn komplett vegan, also auch keine Lederschuhe, keine Ledersitze im Auto?

Rosenfeld: Nichts. Im Autohaus haben sie mir gesagt, man kann das Lenkrad nicht ohne Leder bekommen. Da habe ich gesagt, dass ich wieder gehe. Dann konnte man es doch austauschen. 

Schüchter: Wenn Sie das so konsequent durchziehen: Alle Achtung. Bei vielen anderen denke ich mir: Die spritzen sich überall Silikon rein, fliegen fünf Mal im Jahr in die Karibik in den Urlaub. Aber dann sagen sie: Ich ernähre mich vegan und tue was Gutes für die Umwelt.

Rosenfeld: Das sind keine Veganer.

Schüchter: Das werden prozentual schon viele davon sein. Dickes Auto – aber ich ernähre mich vegan.

Manche Gesprächsfäden verlieren sich, manchmal bleibt Aussage gegen Aussage stehen. Und natürlich kommt irgendwann die Massentierhaltung auf den Tisch.

Foto: Ilkay Karakurt
Foto: Ilkay Karakurt

Schüchter: Diese Massentierhaltung, das kann ich mir selbst gar nicht vorstellen, wie ein Betrieb so viele Schweine an einem Tag schlachten kann. Das sind natürlich zwei Welten, Fleisch, das so hergestellt wird, ist viel zu billig, das fängt schon bei den Arbeitsbedingungen an. Schächten finde ich schlimm – da wäre ich sofort dafür, das zu verbieten. Aber Fleischessen ist auch kulturell. Meine Frau stammt aus Serbien, da kommt bei einer Feier direkt ein Spanferkel auf den Tisch, fertig. Und es gibt fast niemanden, der das nicht isst. 

Rosenfeld: Es ist grausam. Der Mensch ist Allesfresser, wie ein Schwein. Der Mensch hat irgendwann vergessen, dass er Tiere zum eigenen Überleben gejagt. Heute tun wir das aus Gewohnheit. Und bei Tönnies werden zehntausende Tiere am Tag geschlachtet. Was ist das, wenn nicht Mord? Die Tiere sind ängstlich, sie merken das.

F.A.Z.: Fühlen Sie sich beleidigt von Herrn Rosenfeld, wenn er Tieretöten mit Mord gleichsetzt?

Schüchter: Nein, zum Glück sind wir alle verschieden. Er wird mich nicht bekehren, so wenig wie ich ihn bekehren kann. Ich würde auch Fleisch-Alternativen in meiner Metzgerei verkaufen, wenn es schon Produkte geben würden, die wirklich genauso schmecken und sich genauso verarbeiten lassen. Aber derzeit lebt meine Familie nun mal vom Fleischverkauf, wir bezahlen unsere Brötchen davon. Was mache ich denn sonst morgen? (lacht)

F.A.Z.: Haben Sie Mitleid mit den geschlachteten Tieren, die Sie verkaufen?

Schüchter: Was heißt Mitleid? Ich bin damit aufgewachsen, dass geschlachtet wurde. Wenn ich jetzt eine eigene Kuh hätte zu Hause und würde die füttern von klein auf – ich glaube nicht, dass mir das schmecken würde. Es ist halt alles so `ne Sache. Wenn jemand in einer kleinen Wohnung zwei große Hunde hält, dann ist das für mich auch Tierquälerei.

F.A.Z: Herr Rosenfeld, auf dem Weg hierher sind Ihnen sicher hunderte Insekten vor die Windschutzscheibe geflogen. Sind Sie auch ein Mörder?

Rosenfeld: Man kann gar nicht perfekt sein, auch wenn man es nicht möchte, tritt man auf Ameisen. Veganer sind keine perfekten Menschen. Aber wir versuchen, ein Minimum an Leid für andere Lebewesen anzurichten. 

Es ist spät geworden, das Gespräch nähert sich dem Ende. Aber Metzger Schüchter will noch etwas loswerden.

Schüchter: Was ich immer etwas schade finde, ist dass heute schon kleinen Kindern in der Schule eingetrichtert wird, dass Fleischessen böse ist. Wir haben einen Neffen, der kam in der ersten Klasse schon an beim Frühstücken: Du hast ein Huhn umgebracht, weil du ein Ei gegessen hast. Es gibt heute so viele junge Lehrerinnen und Lehrer, die den Kindern sowas einbringen. Das ist schädlich, das macht man nicht. Die erziehen die zum Vegetarier.

Rosenfeld: Sowas gibt es? Das finde ich total gut!

Schüchter: Gerade in der Schule! Das ist doch eine Sache, da sollte jeder selber entscheiden. Es ist doch sowieso so, dass selbst wir Metzger dazu raten, gutes Fleisch zu essen, das aber nicht jeden Tag. Ich esse doch morgens auch Müsli und nicht an jedem Tag Fleisch. Jeder soll aber machen, was er will, finde ich.

Rosenfeld: Jeder soll essen, was er will. Genau das denke ich auch – solange es keine Opfer gibt. Das ist meine Philosophie. Wer ein Stück Fleisch isst, ist ein Auftraggeber: Jemand hat für ihn ein Tier in die Welt gebracht unter schlimmen Bedingungen gehalten und es gegen den Willen des Tieres getötet.

Schüchter: Aber wenn jetzt ein Krieg käme. Wie wollen wir die Leute ernähren? Das geht doch gar nicht ohne Fleisch.

Rosenfeld: Doch. Die Tiere essen viel mehr Pflanzen als dann am Ende als Fleisch von uns gegessen werden kann. Bei einem Rind kommen sechzehn Kilo Getreide auf ein Kilo Fleisch. Wenn die Welt morgen vegan wäre, bräuchten wir viel weniger Anbaufläche, um die Tiere zu ernähren.

Schüchter: Also im Westerwald, wo unsere Rinder herkommen, da wächst nur Gras. 

Foto: Ilkay Karakurt
Foto: Ilkay Karakurt
Das veganen Restaurants Dominion Food Revolution
Das veganen Restaurants Dominion Food Revolution Foto: Ilkay Karakurt
Metzgerei Illing
Metzgerei Illing Foto: Ilkay Karakurt

Am Ende sitzen sich da zwei fast gleich alte Männer gegenüber, die davon leben, Menschen mit Lebensmitteln und Mahlzeiten zu versorgen. Und das in derselben Stadt, in derselben Straße. Keiner der beiden ist während des Gesprächs laut oder wütend geworden, respektvoll beschreibt am besten, wie sie miteinander reden. Verbindet sie am Ende mehr als sie trennt?

Schüchter: Ich habe ja auch mal geguckt, was ihr so macht. Sieht alles gut aus. Ich würde nicht sagen, dass ich nicht mal in Ihr Restaurant gehen würde, ich würde da schon was finden.

Rosenfeld: Ich sehe ja auch die Schlangen bei euch vor der Tür. Wenn es in der Metzgerei auch was Veganes gäbe, wäre ich der erste, der da ist. Ich will ja auch nicht in meiner Blase leben. Keine Sorge, ich würde da auch keine Parolen schreien.

Schüchter: Richtig: Wir wollen ja auch keinen Krieg! (lacht)

Rosenfeld: Hier ist meine Karte, mit Handynummer. Ich würde mich freuen, wenn Du einmal kommst.


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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 22.04.2022 05:52 Uhr