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Umverteilungsdebatte in Japan : Die Schuld der Kinderlosen

Japans Finanzminister Taro Aso Bild: Reuters

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat in Japan einen Verbündeten im Geiste: Finanzminister Taro Aso schiebt die Schuld an den Finanzproblemen der Sozialkassen den Kinderlosen zu. Die Debatten in Deutschland und Japan verlaufen aber anders.

          Als Bundesgesundheitsminister Jens Spahn im November vorschlug, dass Kinderlose mehr in die Pflege- und Rentenversicherung einzahlen sollten, war ihm öffentliche Aufmerksamkeit gewiss. Sein Argument ist nicht neu, dass Kinderlose die im sogenannten Generationenvertrag umlagefinanzierte staatliche Rentenversicherung ausbeuten, weil sie keine künftigen Beitragszahler in die Welt setzen. Doch Kritik an Spahn überwog oft die Zustimmung, weil in Deutschland die Familienleistungen auch in der Rentenversicherung schon gut ausgebaut sind. Es ist nicht mehr eindeutig, ob Kinderlose die Nettonutznießer des deutschen Umverteilungssystems sind.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          In Japan könnte Spahn in Finanzminister Taro Aso einen Verbündeten im Geiste finden. Sicher, beide gehören unterschiedlichen Generationen a. Spahn ist 38 Jahre jung und sieht sich noch eher am Beginn seiner politischen Laufbahn. Aso dagegen war schon Parteivorsitzender und Ministerpräsident und beweist mit seinen 78 Jahren, dass in alternden Gesellschaften auch das politische Personal älter sein darf. Als Vize des Ministerpräsidenten ist er eine feste Größe in den Kabinetten von Shinzo Abe.

          Aso ist konservativ und für seine unverblümten Äußerungen bekannt, die ihm der politischen Korrektheit folgend schnell als verbale Entgleisungen ausgelegt werden. Der jüngste Aufreger: Aso wies darauf hin, dass die Sozialkassen wie die Krankenversicherung vor großen Finanzschwierigkeiten stünden, weil in Japan immer weniger Kinder für immer mehr Alte finanziell sorgen müssten. „Viele merkwürdige Leute versuchen, die Schuld auf die älteren Menschen zu schieben, aber das ist falsch. Das Problem sind vielmehr diejenigen, die keine Kinder haben“, sagte Aso.

          Japanische Gesellschaft konservativer geprägt als Deutschland

          Das hört sich im Kern nicht so viel anders an als Spahn. Die politische Kritik in Japan aber ging mit Aso hart ins Gericht. Von „peinlicher Zumutung“ und „fehlendem Verständnis für Menschenrechte“ sprachen führende Oppositionspolitiker, die auf das Recht hinwiesen, selbst zu entscheiden, ob man Kinder habe wolle oder nicht. Aso zog seine Bemerkung offiziell zurück, weil sie missverstanden worden sei.

          Die heftige Reaktion der Progressiven und der Kern ihrer Kritik zeigen, dass die japanische Gesellschaft weit mehr vom konservativen Denken geprägt ist als Deutschland. Tatsächlich geht es Aso nicht wie in Deutschland um eine relativ nüchterne Diskussion über das Ausmaß der fiskalischen Umverteilung hin zu den Familien, sondern wohl auch um eine Wertefrage. 2009, damals noch Ministerpräsident, hatte er im Zusammenhang der schrumpfenden Gesellschaft erklärt: „Ich habe zwei Kinder, also habe ich meine Mindestverantwortung erfüllt.“

          Japan ist dabei das Prinzip der Umverteilung hin zu den Familien in der Fiskalpolitik nicht unbekannt: Kindererziehungszeiten werden in der Rentenversicherung anerkannt und mit den Einnahmen aus der Erhöhung der Mehrwertsteuer von acht auf zehn Prozent im Oktober will Ministerpräsident Abe mehr Vorschulerziehung kostenlos stellen, um Familien zu begünstigen.

          Eine freundlichere Interpretation von Asos Äußerung ist, dass er der Tendenz, in einer alternden Gesellschaft die Alterung an sich als Problem darzustellen, entgegenwirken wollte. Denn vor der Kritik an den Kinderlosen stellte er ein Lob der steigenden Lebenserwartung: „Das ist eine wunderbare Sache“, sagte der 78 Jahre alte Finanzpolitiker.

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