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Statistische Methoden : Übertreiben die Volkswirte die Empirie?

  • -Aktualisiert am

Vor der Wirtschaftsklausur: Studentinnen und Studenten in Kassel Bild: dpa

Die Volkswirtschaftslehre hat sich in den letzten 50 Jahren stark gewandelt. Aus der übertriebenen Liebe zum Modell ist nun theorieblinder Datenglaube geworden. Geringe Replikationsraten geben Anlass zu Fragen.

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          Die Ökonomik oder die Volkwirtschaftslehre, wie sie im deutschsprachigen Raum, genannt wird, ist nicht erst seit der Finanzkrise 2008 immer wieder Gegenstand der Kritik. Hier ist zunächst zu fragen von wem und dann mit welchen Argumenten. Da ist die mehr oder weniger gut informierte Öffentlichkeit zu nennen, dann die wirtschaftspolitischen Institutionen (zum Beispiel Zentralbanken, Ministerien), natürlich die Studierenden des Fachs und nicht zuletzt die Kritik im inneren Kreis der wissenschaftlich aktiven Ökonominnen und Ökonomen. Natürlich findet beständig Forschung an den verschiedensten Fragestellungen und ein interner Diskurs darüber statt. Manche der Forschungen sind auf aktuelle Fragen der Wirtschaftspolitik ausgerichtet, andere arbeiten eher an den Grundlagen des Fachs. Letztere dringen selten an die Öffentlichkeit. Und immer gibt es auch Reflektion über das eigene Fach, seine Errungenschaften und seine Fehlleistungen.

          Die Öffentlichkeit hat oft genug ein sehr vereinfachtes Bild von der „Wirtschaft“ und assoziiert damit die Welt der Unternehmen und das dort stattfindende Geschäftsleben. Genau damit beschäftigt sich die Volkswirtschaftslehre vornehmlich nicht, dieses Feld beackert die Nachbardisziplin Betriebswirtschaftslehre. Die Volkswirtschaftslehre behandelt das Zusammenspiel der verschiedenen wirtschaftlichen Akteure, also der Unternehmen, der Haushalte, des Staates und der Zentralbanken, und untersucht, wie deren Handeln untereinander koordiniert wird – wie also Märkte, Auktionen, Institutionen oder auch Planungsbehörden diese Koordination meistern. Im Fachjargon heißt dies Mikroökonomik.

          Volkswirtschaftslehre als Ideologie

          Die Makroökonomik hingegen untersucht, wie gesamtwirtschaftliche Prozesse ablaufen, zum Beispiel wie man Wachstum des Bruttoinlandsproduktes misst und aus welchen Gründen es wächst oder schrumpft. Wie man Inflation misst, wodurch sie entsteht und welche Auswirkungen sie auf die verschiedenen Akteure hat. Vielfach wird das Fach durch die wirtschaftspolitische Brille betrachtet, wodurch die politischen Wunschvorstellungen des Brillenträgers einfließen. Und umgehend wird in der öffentlichen Diskussion aus dem Verdacht subjektive Gewissheit, die Volkswirtschaftslehre sei keine Wissenschaft, sondern eine Ideologie oder gar, wie Kurt Tucholsky polemisierte, die Metaphysik des Pokerspielers.

          Besonders im Oktober jedes Jahres, wenn der Alfred-Nobel-Gedächtnispreis verliehen wird, kommen Spott und Häme auf. Auch die Prognoseleistungen werden gerne süffisant kommentiert, wenn die Inflations- oder Wachstumsprognosen nicht punktgenau eintreten. Unbekannt und daher unkommentiert bleiben hingegen die zahlreichen erfolgreichen Prognoseleistungen, die in den wirtschaftspolitischen Institutionen wie den Zentralbanken, den Ministerien, der Bundesanstalt für Arbeit, den Kartellämtern oder bei den Steuerschätzungen erbracht werden und die das vorausschauende Handeln all dieser Institutionen erst ermöglichen.

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