https://www.faz.net/-gqe-aa7vm

Statistische Methoden : Übertreiben die Volkswirte die Empirie?

  • -Aktualisiert am

Amerikas Curriculum als Vorbild

Zum Schluss möchte ich den Blick auf das Studium der Volkswirtschaftslehre in Deutschland werfen. Seit vor gut zehn Jahren der „neue Methodenstreit“ ausbrach, haben sich Forschung und Lehre erheblich gewandelt. Von dem einstmals typisch deutschen Fach Wirtschaftspolitik, mit der Unterteilung in Ordnungspolitik und Prozesspolitik, zu dem es zahlreiche Lehrbücher gab, hat man sich inzwischen weitgehend verabschiedet. Stattdessen hat sich tendenziell der amerikanische Dreiklang aus Mikroökonomie, Makroökonomie, Ökonometrie, ergänzt um wählbare Spezialisierungsfächer, durchgesetzt. Wenn man der Ansicht ist, dass das amerikanische Curriculum das Vorbild sein sollte, dann ist das Ziel einer international wettbewerbsfähigen Ausbildung erreicht. Könnte man etwas verbessern?

Als Antwort auf die Kritik, die international von Studierenden der Volkswirtschaftslehre am Curriculum vorgebracht wurde, haben wir an der Graduate School of Economics, Management and Finance (gebildet durch die drei Rhein-Main-Universitäten aus Darmstadt, Frankfurt und Mainz) ein Curriculum entwickelt, in dem neben der ökonomischen Theorie und den empirischen Forschungsmethoden auch die wirtschaftshistorischen und theoriegeschichtlichen Grundlagen der Ökonomik vermittelt werden. Zusammen ermöglicht dies, wie ein Student formulierte, eine „Zusammenschau der Inhalte, die man in anderen Modulen gelernt hat“, zu geben.

Die Studierenden bewerten diese Fächer sehr positiv, weil ihnen der Hintergrund der Fachentwicklung einerseits und die großen wirtschaftshistorischen Entwicklungslinien andererseits vorgestellt werden. Gerade die neueren wirtschaftsgeschichtlichen Forschungsergebnisse, von denen viele in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten entstanden sind, haben auch hinsichtlich der Auslösung von Finanz- und Wirtschaftskrisen zu neuen und tieferen Erkenntnissen geführt. Auf beiden Feldern hat man in Deutschland Nachholbedarf.

Man lernt aus der Vergangenheit

Der Satz, dass jede neue Generation auf den Schultern der vorherigen steht, erhält gerade durch einen Einblick in die Ideengeschichte des Fachs erst Substanz. Zudem ist ordentliche theoriegeschichtliche Bildung ein guter Schutz gegen das Vergessen von Theorien sowie vermeintliche Neuentdeckungen längst bekannter Weisheiten. Es ist nämlich in der Volkswirtschaftslehre keinesfalls so, dass Theorien endgültig eliminiert werden können.

Die Quantitätstheorie des Geldes ist ein Beispiel. Sie dominierte den Lehrkanon bis in die 1920er Jahre, wurde verdrängt durch die Keynes’sche Liquiditätstheorie. In den 1970er Jahren reaktivierte sie Milton Friedman, worauf sie für mindestens ein Jahrzehnt die Zentralbankpolitik vieler Länder, unter anderem der Bundesbank, bestimmte. Auch die EZB hielt unter dem Stichwort „Zwei-Säulen-Strategie“ Erinnerungen daran wach, bevor diese nun auch völlig verblasst sind.

Das Risiko, über eine datengetriebene empirische Forschungsstrategie großartige Rechenkünstler, auszubilden, ist nicht klein. Friedrich August von Hayek warnte, dass der Ökonom, der nur Ökonom sei, leicht zum Ärgernis, wenn nicht gar zu einer regelrechten Gefahr werden könne. Sein wirtschaftstheoretischer Gegenpol Keynes charakterisierte den guten Ökonomen wie folgt: „Der Meisterökonom muss eine seltene Kombination von Eigenschaften besitzen. Er muss Symbole verstehen und in Worten sprechen. Er muss das Besondere in Bezug zum Allgemeinen betrachten und Abstraktes und Konkretes im gleichen Gedankengang berühren. Er muss die Gegenwart im Lichte der Vergangenheit für die Zwecke der Zukunft untersuchen.“ Was ist daran falsch, dass wir dieses Leitbild nicht auch im 21. Jahrhundert verfolgen sollten?

Der Autor

Volker Caspari (67) ist Seniorprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Goethe-Universität in seiner Heimatstadt Frankfurt. Dort hat er einst auch seine ökonomischen Sporen erworben. Von 1995 bis 2019 war er dann Professor für Volkswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Wirtschaftstheorie an der TU Darmstadt. Im Verein für Socialpolitik engagiert er sich als Mitglied im Ausschuss für Geschichte der Wirtschaftswissenschaften.

Weitere Themen

Topmeldungen

Der Sitz der amerikanischen Zentralbank in Washington

Hohe Teuerungsraten : Die Rückkehr der Inflation

In Amerika sind die Preise um 5 Prozent gestiegen. In Deutschland dürfte die Inflationsrate bald 4 Prozent erreichen. Was sagt die Wirtschaftstheorie dazu?
Das Spitzenduo der Grünen: Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock und Robert Habeck.

Parteitag der Grünen : Nur ein bisschen links

48 Prozent Spitzensteuersatz und 12 Euro Mindestlohn: In der Welt der Grünen sind das schon gemäßigte Forderungen. Auf dem Parteitag setzten sich diese durch. Die Unterstützung zumindest eines Spitzenmanagers hat die Partei.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.