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Statistische Methoden : Übertreiben die Volkswirte die Empirie?

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Oft werden mit Hilfe einer Regressionsanalyse Sachverhalte „entdeckt“, die der gesunde Menschenverstand seit Jahren kennt, etwa dass Pflanzen im Büro die Arbeitsproduktivität erhöhen. Durch die empirische Analyse glaubt man aber mehr zu wissen, und zwar, dass man sie genau um 15 Prozent erhöhen kann. Was soll man von dieser Erkenntnis halten, wenn genau dieses Ergebnis bei einem Replikationsversuch nicht wiederholt werden kann? Metastudien zur Replizierbarkeit rein empirischer Untersuchungen in der Ökonomik kommen zu ernüchternden Ergebnissen. In einer Untersuchung von McCullough, McGeary und Harrison aus 2006 wurde versucht, 62 Ergebnisse aus Artikeln des „Journal of Money, Credit and Banking“ zu wiederholen. Nur in 14 Fällen gelang das. Fast 77 Prozent waren nicht wiederholbar. In älteren Untersuchungen war die Replikationsrate noch schlechter, sie lag im einstelligen Bereich.

Aber nicht nur in der Volkswirtschaftslehre, sondern auch in der Psychologie und sogar in einigen Naturwissenschaften liegen die Zahlen für erfolgreiche Replikationen meistens deutlich unter 50 Prozent. Man spricht wissenschaftsintern von einer „Replikationskrise“. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert daher Replikationsstudien, weil es im Wissenschaftsbetrieb dafür keinen Anreiz gibt. Früher war es in den wissenschaftlichen Journalen üblich, Gegenpositionen in Form von Kommentaren zu veröffentlichen. Das ist schon seit zwei Jahrzehnten nur sehr selten der Fall. Man dachte wohl, ein strenger doppelt blinder Referee-Prozess mache Debatten unnötig, da nur robuste Erkenntnisse den Referee-Prozess überstünden.

Das scheint nach neueren Veröffentlichungen nicht der Fall zu sein. Frank Mueller-Langera, Benedikt Fecher, Dietmar Harhoff, und Gert G. Wagner zeigen in ihrer jüngsten Untersuchung (Research Policy 48), dass gerade die Veröffentlichungen in den Top-5-Zeitschriften weniger oft repliziert werden, obwohl dort die vermeintlich originellen, innovativen Artikel publiziert werden, deren Bestätigung sich unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten lohnen würde. Sollte sich künftig zeigen, dass die positiven Replikationsraten nicht deutlich über 50 Prozent ansteigen, muss die gesamte Forschungsstrategie überprüft werden, weil die empirisch generierten Forschungsergebnisse im Grunde kein belastbares Wissen darstellen. Sie wäre dann wissenschaftlich nicht wesentlich wertvoller als anekdotische Evidenz. Vor allem müssten die Ursachen für die mangelnde Reproduzierbarkeit identifiziert werden, um eine tragfähige Forschungsstrategie entwickeln zu können. Dass empirische Forschung unabdingbar ist, steht nicht zur Debatte.

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