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Statistische Methoden : Übertreiben die Volkswirte die Empirie?

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Der Autor Volker Caspari ist Seniorprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Goethe-Universität in seiner Heimatstadt Frankfurt.
Der Autor Volker Caspari ist Seniorprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Goethe-Universität in seiner Heimatstadt Frankfurt. : Bild: Privat

Der „empirical turn“ hat nicht nur in der Forschung, sondern auch in der Lehre deutliche Auswirkungen. Empirische Forschungsmethoden werden verstärkt gelehrt, daher mussten andere Inhalte reduziert oder ganz gestrichen werden. Weggefallen sind meistens die Wirtschaftsgeschichte und die Geschichte der ökonomischen Theorien als Lehrgebiete, in denen eher Reflexions- und Orientierungswissen entsteht und gelehrt wird. Die Diskussion der „großen Fragen“, etwa warum die industrielle Revolution in England und nicht in China passierte, warum sich Nord- und Südamerika ökonomisch so unterschiedlich entwickelt haben oder ob Marktwirtschaften inhärent stabil oder instabil sind, treten eher in den Hintergrund und werden anderen sozialwissenschaftlichen Disziplinen überlassen, obwohl die großen Narrative von Wirtschaft und Gesellschaft gerade von Ökonomen wie Adam Smith, Karl Marx, Josef Schumpeter, Max Weber oder John Maynard Keynes geprägt wurden.

Eine solche Entwicklung hin zu mehr Empirie und Anwendung hat wie so oft mindestens zwei Seiten. Der Nutzen schlägt sich in der Möglichkeit nieder, leistungsfähigere Prognoseverfahren zu entwickeln und wirtschaftspolitische Instrumente und Maßnahmen besser bewerten zu können. Der Verein für Socialpolitik, die Vereinigung deutschsprachiger akademischer Ökonominnen und Ökonomen, hat sich 2014 zu einer „evidenzbasierten Wirtschaftspolitik“ bekannt. Hierbei sollen die wirtschaftspolitischen Maßnahmen des Staates evaluiert werden, wozu die quantitativen Methoden benötigt werden. Dem Nutzen stehen die Kosten dieser Entwicklung entgegen. Sie liegen in einem Rückgang des Orientierungswissens und leider auch in einer Ausdünnung der Theoriekenntnisse der Studierenden, die nur noch von ihrer wirtschaftshistorischen Unbeflecktheit übertroffen wird.

Empirie auf dünnem Eis

Als Zwischenergebnis ist festzuhalten, dass der einst von Hans Albert erhobene Vorwurf, die Ökonomik sei reiner Modellplatonismus, schon lange nicht mehr zutrifft. Haben wir also die beste Volkswirtschaftslehre aller Zeiten? Bevor man diesem Traum verfällt, sollte man sich vor Augen führen, dass seit einiger Zeit ein kruder Empirismus auf dem Vormarsch ist. Denn wie Joshua Angrist und Coautoren im „American Economic Review“ 2017 zeigen, nimmt die Zahl rein empirischer Publikationen zu, also solcher ohne Bezug zur ökonomischen Theorie.

Hier sollte man an David Hume (Induktionsproblem) und Karl Popper erinnern, denn in den Realwissenschaften können auf induktivem Wege keine Wahrheitsbeweise geführt werden. Es bleibt nur die Falsifikation durch das empirische Testen von Hypothesen. Die Verifikation durch weitere empirische Beispiele ist nicht möglich. Eine empirische Untersuchung ohne Bezug zu einer aus der ökonomischen Theorie gewonnenen Hypothese ist bestenfalls Data Mining, mit dem Ziel, eine überprüfbare Hypothese zu generieren, aber im schlimmsten Fall ist es Datenhuberei oder gar Fiktion, wie es Jörg Peters in einem Artikel in der F.A.Z. Anfang Februar bezeichnet hat.

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