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Statistische Methoden : Übertreiben die Volkswirte die Empirie?

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Auch den Studierenden wird meistens eine Momentaufnahme des Fachs präsentiert. Verborgen bleiben ihnen die langfristigen Tendenzen, wie sich die Methoden und Theorien entwickelt haben. Die Ökonomik hat sich in den vergangenen 50 Jahren stark verändert, und zwar von einer theorie- und modellbasierten zu einer empirisch-quantitativen Disziplin, in der neben der Mathematik vor allem die statistischen Methoden eine große Verbreitung und Verwendung gefunden haben – nicht unbedingt zur Freude und Begeisterung auf der studentischen Seite.

Kritik an der Mathematisierung

Mit der zunehmenden Theorieorientierung in den 1960er und 1970er Jahren nahm die Mathematisierung zu, und sie hat weiter zugenommen, weil im Zuge der empirisch-quantitativen Wandlung des Fachs seit den 1980er Jahren die ökonometrischen Verfahren und die quantitativen Simulationsmodelle dies unumgänglich machten. Das hat erheblichen Einfluss auf die universitäre Lehre, und die Mathematisierung ist einer der Kritikpunkte, die von studentischer Seite oft vorgebracht werden. Leider wirkt sich das auf die Wahl des Studienfachs aus. Von 100 Studierenden der Wirtschaftswissenschaften wählen heute in Deutschland nur acht ein Studium der Volkswirtschaftslehre. Die Mehrheit studiert Betriebswirtschaftslehre oder Kombinationsfächer wie Wirtschaftsingenieurwesen oder Wirtschaftsinformatik, welche auch an Fachhochschulen angeboten werden.

Diese Entwicklung hin zu einer quantitativen und empirischen Disziplin ist nicht der individuelle Eindruck des Autors, sondern Ergebnis von Forschungen. Sie werden in Fachgesellschaften wie zum Beispiel der History of Economics Society in den Vereinigten Staaten oder der European Society for the History of Economic Thought durchgeführt. Man spricht in der internationalen Literatur von einem „empirical and applied turn in economics“. Belegt wird das durch umfangreiche Untersuchungen über die Forschungsbeiträge der vergangenen Jahrzehnte in den Top-5-Zeitschriften der Volkswirtschaftslehre (American Economic Review, Econometrica, Journal of Political Economy, Quarterly Journal of Economics, Review of Economic Studies).

Hier zeigt sich, dass in allen Teilgebieten des Fachs der Anteil der empirischen und ökonometrischen Beiträge zugenommen hat. Sie liegen in Teilgebieten über 80 Prozent, in keinem unter 50 Prozent. Diese Veränderung wurde einerseits durch das Wachstum der zugänglichen Daten als auch durch die höheren Rechnerleistungen getrieben. Aber auch die Nachfrage nach wissenschaftlicher Bewertung wirtschaftspolitischer Instrumente hat zu dieser Entwicklung beigetragen. Innerwissenschaftliche Motive, wie das Testen von aus Theorien abgeleiteten Hypothesen, sind eher in den Hintergrund getreten, weil die Darstellung unterschiedlicher, zum Teil konkurrierender Theorien gegenwärtig nicht mehr im Vordergrund von Forschung und Lehre steht.

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