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Freihandel in der Krise : So könnte die Weltwirtschaft nach Corona aussehen

Umschlagplatz in Edgerton, Kansas: Für den Handel zwischen Amerika und China erwarten Ökonomen große Rückgänge. Bild: AP

Die Globalisierung ist ins Stocken gekommen – nicht erst seit Corona. Manche Ökonomen erwarten im Welthandel tektonische Verschiebungen. Für andere ist entscheidend, was im November passiert.

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          Der Welthandel stockt, und das nicht erst seit Corona. Zwischen 1950 und 2008 war das Volumen der global gehandelten Güter mehr als dreimal so stark gewachsen wie die globale Wirtschaftsleistung. Diese Zeiten sind längst vorbei: Gegen Ende der Finanzkrise machte der Warenaustausch noch kurz einen Sprung nach oben, seither aber hat sich sein Wachstum nach Zahlen des niederländischen CBP-Instituts merklich abgeflacht. Große Freihandelsabkommen wie TTIP oder TPP liegen auf Eis. Laut Weltbank stagniert der Mittelwert des globalen Zollniveaus seit einigen Jahren.

          Niklas Záboji
          Wirtschaftskorrespondent in Paris

          Die Corona-Pandemie dürfte daran nichts ändern, im Gegenteil: Ein siebenköpfiges Autorenteam des Beratungshauses BCG prognostiziert, dass das globale Handelsvolumen pandemiebedingt um mindestens 20 Prozent schrumpft und erst in drei Jahren das Vorkrisenniveau von rund 18 Billionen Dollar erreicht haben wird – das Zusammenspiel aus Weltwirtschaftskrise, härterer Gangart in der Geopolitik und neu justierten sowie teils renationalisierten Lieferketten zugleich aber schon jetzt tektonische Handelsverschiebungen in Gang setzt.

          „Es wird immer deutlicher, dass, bemessen an der schon bestehenden Intensivierung der geopolitischen (...) Kräfte, die disruptiven Auswirkungen der Pandemie auf den globalen Handel bleibende Spuren hinterlassen werden“, schreiben die Ökonomen in einem Papier, das der F.A.Z. vorliegt.

          Näher an Europa heranrücken

          Die größten Veränderungen erwarten sie für den Warenhandel zwischen Amerika und China. Schon vor Corona war sein Volumen in Bereichen wie Energie, Halbleiter, Maschinen und Lebensmitteln gesunken, dieser Trend dürfte sich nun weiter beschleunigen. Verglichen mit 2019 beziffert BCG das Minus im Jahr 2023 auf 128 Milliarden Dollar oder mehr als ein Fünftel. Und weil nur ein Teil der Produktion renationalisiert werden kann, rechnen die Ökonomen mit kräftigen Handelsverschiebungen.

          Vor allem der zehn Länder zählende Asean-Verbund in Südostasien werde profitieren, dazu gehören Länder wie Malaysia und Indonesien. Verglichen mit 2019 beträgt das Plus im Handel mit Amerika 26 Milliarden Dollar und mit China sogar 41 Milliarden Dollar. Studienautor Nikolaus Lang verweist darauf, dass Vietnam beispielsweise schon jetzt sukzessive Elektronikartikel fertigt, die bislang in China hergestellt wurden.

          Selbiges gelte für Verschiebungen von China nach Indien, erkennbar unter anderem an der jüngst angekündigten Produktionsverlagerung vom Technologiekonzern Apple. Für die EU erwarten die Ökonomen im Großen und Ganzen ein Nullsummenspiel: Der Handel mit China werde um 30 Milliarden Dollar und der mit Afrika um 14 Milliarden Dollar sinken. Dafür rechnen sie für die EU mit Zuwächsen von jeweils rund 20 Milliarden Dollar im Handel mit Amerika und den Asean-Staaten. Auch gehen sie davon aus, dass ein Teil der Textilproduktion wieder näher an Europa heranrücken und von Ländern wie Bangladesch in die Türkei oder nach Marokko verlagert wird.

          Instrumente aus dem 20. Jahrhundert

          Unterstellt hat BCG zum einen einen U-förmigen Wirtschaftsverlauf. So werde die Weltwirtschaft noch mindestens bis Ende dieses Jahres am Boden bleiben und sich erst erholen, sobald Massentests und ein wirksamer Impfstoff gegen Covid-19 verfügbar sind. Zum anderen rechnen die Berater mit einem Aufwind von Protektionismus, vor allem im Handel mit Medizin- und Agrargütern. Sie zählen mehr als 80 Länder, die bis Mitte April Exportverbote für Medizingüter und, wie im Falle von Russland oder Kambodscha, auch für Grundnahrungsmittel verhängt haben.

          Der in Genf lehrende Handelsforscher Richard Baldwin erwartet ebenfalls eine Renationalisierung von Lieferketten für Medizinprodukte. Die Erkenntnis aus der Ernährungssicherheit, wonach es spezielle Richtlinien einschließlich handelspolitischer Maßnahmen und der Förderung der lokalen Produktion braucht, habe sich nun auf die medizinische Versorgung ausgeweitet, sagt er der F.A.Z. Doch betrage der Anteil der Medizingüter am Welthandel weniger als 10 Prozent. Zudem seien diese Richtlinien teuer, da sie hohe Subventionen erfordern, oder schädlich, da sie protektionistisch sind. Baldwin rechnet deshalb nicht damit, dass sie auf die großen Handelssektoren wie Autos, Maschinen, Kleidung und Chemikalien übertragen werden.

          Mit Blick auf die von BCG prognostizierten Veränderungen im Welthandel verweist der Handelsforscher auf den Ausgang der amerikanischen Präsidentenwahl. Vieles hänge davon ab, ob Trump oder Biden gewinnt. „Beide werden den Kampf der Vereinigten Staaten um Handel und Industrie mit China fortsetzen, aber Biden wird dies intelligent und geduldig und mit Hilfe von Verbündeten wie der EU und Japan tun“, meint Baldwin. Trump dagegen werde sich weiterhin auf Instrumente aus dem 20. Jahrhundert wie Zölle und Sanktionen verlassen und die amerikanischen Handelsströme weiter schädigen, indem er ehemaligen Verbündeten unnötigen Schaden zufüge.

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