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Wirtschaftswachstum : Singapur erholt sich rasch – aber Gefahren bleiben

Passanten sind in Singapur unterwegs. Bild: AFP/Roslan Rahman

Auch als Profiteur der Halbleiter-Krise wächst der Finanzplatz um gut sieben Prozent. Doch ob die wirtschaftliche Erholung in Singapur so weitergehen kann, ist unsicher. Das liegt auch am Arbeitskräftemangel.

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          ​Der Finanzplatz Singapur erholt sich rascher als erwartet. Nachdem der Stadtstaat 2020 um 5,4 Prozent geschrumpft war, wuchs der offiziellen Schätzung nach trotz der weiteren Corona-Welle im vergangenen Jahr schon wieder um 7,2 Prozent.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          In diesem Jahr setzt die Regierung auf einen weiteren Aufschwung mit einer Wachstumsrate im Korridor zwischen 3 und 5 Prozent, Banken rechnen mit 3,8 Prozent. „Das neue Jahr wird eines des Übergangs werden. Wir werden die Nothilfen schrittweise zurückfahren, während sich die Firmen erholen, auch wenn einige Bereiche mehr Zeit brauchen werden“, sagte Ministerpräsident Lee Hsien Loong in seiner Neujahrsansprache.

          Weltweite Risiken

          Die Analysten der Singapurer OCBC-Bank sehen die Risiken für den sehr offenen Handelsstandort vor allem jenseits seiner Grenzen: „Die Abwärtsrisiken liegen in erster Linie im externen Gegenwind, wie der weltweiten Straffung der Geldpolitik in Amerika, der Wachstumsverlangsamung in China und dem Auftauchen potentieller neuer Corona-Varianten, die die Hoffnungen auf einen geraderen Aufwärtspfad zunichte machen könnten.“

          Im vierten Quartal schwächte sich Singapurs Wachstumsrate aufgrund einer neuerlichen Corona-Welle denn auch schon wieder ab. Die Rate erreichte 5,9 Prozent, nachdem sie im Vorquartal noch 7,1 Prozent betragen hatte.

          Getrieben werden soll das Wachstum nun durch eine weitere Öffnung der Logistik-Drehscheibe in Südostasien, die aufgrund von Booster-Impfungen möglich werden sollte. Bislang setzt Singapur neben einem hohen Impftempo vor allem auf harte Einschränkungen. Inzwischen sind 87 Prozent der Einwohner mindestens zweimal gegen Corona geimpft. 41 Prozent haben schon eine dritte Impfung erhalten.

          Chip-Industrie profitiert – aber wie lange noch?

          Ein Treiber des Wachstum auf der Insel am Äquator ist die weltweite Knappheit bei Halbleitern. Im vergangenen Jahr wuchs die herstellende Industrie vor allem Dank der hohen Nachfrage nach Elektronik um 12,8 Prozent nach 7,3 Prozent 2020. Auch dank der massiven Förderung durch die Regierung haben sich in Singapur auch deutsche Chip-Hersteller wie Infineon oder Siltronic angesiedelt.

          „Auch wenn die weltweiten Bestellungen und Lieferungen weiterhin stark bleiben, deuten die jüngsten Daten darauf hin, dass die Nachfrage ihren Höhepunkt überschritten hat und dieser Wachstumstreiber für Singapur vor schwächeren Quartalen steht“, warnt die Singapurer Staatsbank DBS Group Holdings nun allerdings.

          Probleme in der Baubranche

          Nach einem dramatischen Schrumpfen der Bauindustrie von 35,9 Prozent auch aufgrund des Ausschlusses von Gastarbeitern wuchs der Bereich im vergangenen Jahr von niedriger Basis wieder um 18,7 Prozent. Das Handelsministerium warnt freilich, dass „die Aktivität auf Baustellen aufgrund von Arbeitskräftemangel wegen der eingeschränkten Einreisemöglichkeit von Gastarbeitern weiterhin eingeschränkt“ bleibe. Das führt unter anderem zu starken Preissprüngen bei Mieten und Kaufpreisen für Immobilien, was in der Bevölkerung des strikt geführten Stadtstaates für Unmut sorgt.

          Die Analysten von Oxford Economics warnten: „Weil sich die Pandemielage weltweit wieder verschlechtert wird auch der Tourismussektor länger brauchen, die Corona-Verluste hinter sich zu lassen. Zusätzlich wird das für den Haushalt 2022 vorgesehene Anheben der Mehrwertsteuer den derzeitigen Preisdruck noch erhöhen, was den Konsum belasten dürfte“.

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