Kardinal Marx im Gespräch :
„Ohne Karl Marx gäbe es auch die katholische Soziallehre nicht“

Lesezeit: 7 Min.
Kardinal Reinhard Marx ist Erzbischof von München und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.
Kardinal Marx hält die Ideen von seinem Namensvetter für heute noch aktuell. Im Kampf gegen den Nationalismus empfiehlt er sogar eine marxistische Weltansicht. Feiern will er den Geburtstag von Marx aber trotzdem nicht.
Herr Kardinal, wenn jetzt zum 200. Geburtstag Kardinal Marx auf Karl Marx träfe, was würden Sie ihn fragen?

Ich würde Karl Marx fragen, ob ihn ärgert, was die Menschen aus seinen Ideen gemacht haben. Marx wollte ja gerade nicht, dass daraus eine „Staatsreligion“ wird und sich jeder, der will, auf ihn berufen kann.

Der GULag in der Sowjetunion oder das Folterlager Hohenschönhausen in der DDR haben Ihrer Meinung nach nichts mit Marx zu tun?

Natürlich kann man historisch einen Denker nicht davon trennen, was andere später in seinem Namen getan haben, gerade wenn es böse Folgen hatte. Das gilt nicht nur für Marx, sondern auch für Nietzsche oder andere...

... und für Jesus Christus ...

... den ich natürlich nicht in diese Aufzählung einreihen würde. Aber grundsätzlich sollte man prüfen, ob es in den Schriften Anhaltspunkte dafür gibt, was die Nachfolger daraus gemacht haben. Bei Marx findet man in der Tat den einen oder anderen totalitären Gedanken. Denken Sie nur an den ganzen Kollektivismus, der das Individuum nicht achtet. Aber in direkte Verbindung zur Lehre des späteren politischen Marxismus-Leninismus oder gar zu den Straf- und Arbeitslagern im Sowjetreich kann man Karl Marx nicht bringen. Das wäre einfach nicht richtig und deshalb auch nicht gerecht.

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